Autor Ortheil in Wiesbaden

„Spüren Sie einen Roman in sich?“

Von Florian Balke
 - 13:52

Es gibt Genies, und es gibt Leser. So lässt sich die leicht verächtliche Haltung zum Verfassen von Büchern zusammenfassen, die sich im Land der Dichter und Denker lange gehalten hat. Vielleicht war es unvermeidbar – wenn eine Kultur sich kurz hintereinander in Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Weimarer Klassik und die Erfindung der literarischen Romantik stürzt, dann müssen Spuren zurückbleiben. Anschließend allerdings hieß es allzu lange: Hier Goethe, dort der Besucher der Buchhandlung. Dem Kunden blieb es das ganze 19. und große Teile des 20. Jahrhunderts lang vorbehalten, demütig sein sauer verdientes Geld in den Laden zu tragen und dort dafür auszugeben, Goethes Werke verinnerlichen zu dürfen.

Fast alles daran hat sich geändert. Schon lange ist das Kreative Schreiben aus den sehr viel pragmatischeren Vereinigten Staaten mit ihrer Wertschätzung des Handwerklichen und ihrem festen Bekenntnis zum Egalitarismus zu uns herübergeschwappt. Die sozialen Medien kommen hinzu. Immer mehr Leser wollen daher selbst schreiben. Manche von ihnen lernen es in Werkstätten, zum Beispiel am Frankfurter Literaturhaus, oder durch die Beteiligung an Schreibwettbewerben wie dem des Jungen Literaturforums, der vom Hessischen Literaturforum im Auftrag der Landesregierung in Wiesbaden seit vielen Jahren organisiert wird.

„Spüren Sie einen Roman in sich?“

Seit einiger Zeit aber bringen die Nachwuchsautoren sich das Schreiben vor allem selbst bei. Deutsche Verlage spucken im Jahr weiterhin rund 75.000 Neuerscheinungen aus, viele tausend Leser aber setzen noch eines drauf und veröffentlichen als Self-Publisher im Netz einen zweiten kleinen Bücherberg vor allem aus Genreliteratur. „Spüren Sie einen Roman in sich?“, heißt es deshalb leicht verzweifelt in einem Witz, der wie folgt endet: „Lassen Sie ihn stecken.“

Oder lassen Sie ihn heraus. Wenige Menschen haben mehr für die Verschiebung der deutschen Sicht auf das literarische Schreiben getan als Hanns-Josef Ortheil. Der 1951 geborene Schriftsteller hat in den neunziger Jahren und nach der Jahrtausendwende das Hildesheimer Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft aufgebaut. Heute ist es eine der wenigen universitären Ausbildungsstätten für junge Schriftsteller im deutschsprachigen Raum und neben dem Deutschen Literaturinstitut in Leipzig die bekannteste.

Das Publikum liebt Ortheils Romane und Erzählungen. Dass er seine Erfahrungen gerne und häufig weitergibt, bekommt es meist nicht mit. Heute Abend ist das im Literaturhaus Wiesbaden anders. Von 19.30 Uhr an spricht Ortheil mit drei seiner Studenten über ihre Romanpläne. Sie gehören dem Hildesheimer Masterstudiengang an, in dessen Verlauf man zwei Jahre lang an einem Roman schreibt und von Mentoren betreut wird. Wie das genau vor sich geht, darum geht es im Gespräch. Bestimmt lässt sich etwas lernen.

Hanns-Josef Ortheil spricht heute um 19.30 Uht im Literaturhaus Wiesbaden, Frankfurter Straße 1, über „Wie Romane entstehen“.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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