Grimm-Festspiele in Hanau

Wo der Froschkönig zum Krimi wird

Von Jan Schiefenhövel
 - 14:47

Irgendwann reicht es dem wohlwollenden Lehrer dann doch. Erst ist er nur ein wenig streng und spricht sehr sachlich. Aber als sein Schüler nicht aufhört mit seinem eitlen Gehabe, wünscht der Lehrer, sein Schützling wäre so hässlich wie ein Frosch, dann würde ihm sein Hochmut schon vergehen. Mit einem Donnergrollen erscheint Minerva, eine Zauberin mit Hirschgeweih auf dem Kopf – etwas Schall und Rauch, und schon ist der junge Mann kein Prinz mehr, sondern ein Frosch. Über diese Verwandlung ist der grauhaarige Hauslehrer selbst erschrocken und so betrübt, dass er sich drei eiserne Reifen um die Brust legt, damit sein Herz nicht vor Kummer zerspringt.

So beginnt auf der Bühne der Hanauer Brüder-Grimm-Festspiele die Geschichte vom Froschkönig. Wie bei den anderen Stücken des Festivals hat der Autor Stefan Vögel die Handlung des Märchens der Brüder Grimm für seine Bühnenfassung, die für Kinder von fünf Jahren an gedacht ist, erheblich erweitert. Erzählt wird zunächst die Vorgeschichte, so erhalten die Zuschauer eine Erklärung, warum der Prinz verwunschen und in einen Frosch verwandelt wurde. Marcus Abdel-Messih stellt den Thronfolger als unreifen und sorglosen jungen Mann dar, übertrieben von sich selbst eingenommen, aber doch mit einem gewinnenden Wesen. Auf der Bühne heißt er Cölestin, lateinisch für „der Himmlische“, während in der Version der Grimms sein Name nicht genannt wird.

Ruhig und souverän

Die Märchensammler führen nur eine Person mit Namen ein: Heinrich, den Diener des Prinzen. Diese Figur ist in der Theaterversion der Hauslehrer, der mit seiner im Ärger ausgesprochenen Verwünschung die Handlung erst in Gang bringt. Dieter Gring spielt ihn ruhig und souverän. Für diese Rolle ist der frühere Leiter der Märchenspiele nach Hanau zurückgekehrt. Hinzuerfunden ist auch die Zauberin Minerva (Nadine Buchet).

Was dann folgt, ist stückweise eng und fast wörtlich an die Version der Grimms angelehnt: Als der Prinzessin, die auf der Bühne Stella heißt, ihr goldener Ball in den Brunnen fällt, bietet sie dem Frosch für das Wiederholen Perlen, Edelsteine und sogar ihre Krone an. Doch der Frosch fordert, sie müsse stattdessen Tisch und Bett mit ihm teilen. Wie im Märchenbuch hält die Prinzessin ihr Versprechen nicht und läuft ins Schloss. Yasmin Münter verkörpert die Königstochter, die wie ein kleines Kind heult und schmollt und dann wieder ihren Vater (Christian Fischer) mit einem treuherzigen Blick um den Finger wickelt. Der Frosch bewegt sich tatsächlich wie einer, denn er geht nicht, sondern watschelt oder springt. Die Treppe überwindet er auf allen vieren.

Im Schloss kommen noch allerlei andere Personen vor, von denen bei den Grimms keine Rede ist. So treten die älteren Schwestern von Stella auf. Alva (Carolin Sophie Göbel), die Älteste, möchte lieber Erfinderin als Thronfolgerin sein. Auch ihre Kleidung soll innovativ sein: der Hosenanzug bunt gepunktet, auf dem Kopf ein Schirmchen. Die zweite Tochter, Bella (Marina Lötschert), wäre am liebsten Komponistin. Und zwei Höflinge, der Kämmerer Ansgar (Benedikt Selzner) und sein Helfer Igor (Lukas Haiser), schmieden eine Intrige: Sie wollen den König um Geld betrügen, Ansgar will sich selbst zum König machen.

Ringen mit dem Ekel

Dann taucht auch noch der jüngere Bruder von Cölestin, Rüdiger, auf, der in Begleitung von Heinrich auf der Suche nach dem Verwunschenen ist. Gregor Andreska spielt ihn herrlich unbeholfen. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den Baldachin über seinem Kopf, der an seinem Anzug befestigt ist. Weil Rüdiger mit Alva verheiratet werden soll, fassen Ansgar und Igor den Plan, ihn zu ermorden, und holen einen Galgenstrick.

Damit wird aus der Geschichte ein reißerischer Krimi und das Hauptthema des Märchens, das Ringen der Prinzessin mit ihrem Ekel, zur Nebenhandlung. Anders als bei den Grimms scheut sie sich nicht, den Frosch zu berühren. Sie fasst ihn einfach an und sagt ganz locker: „Du bist gar nicht so glitschig.“ Als sie im Bett liegt, schlägt sie selbst die Bettdecke für ihn zurück. Doch Cölestin ist abgelenkt und mehr damit beschäftigt, seinen Bruder vor den Mördern zu retten.

So kommt die Hanauer Version des Froschkönigs ziemlich überladen daher. Eine nachdenkliche oder romantische Stimmung will nicht aufkommen. Dem Publikum, zu dem bei der Premiere viele Kinder gehören, gefällt die Aufführung dennoch. Groß und Klein applaudieren für Slapstick-Einlagen. Was das Stück für Erwachsene reizvoll macht, ist vor allem das lebendige Spiel und die charmante Ausstrahlung von Prinz und Prinzessin.

„Der Froschkönig“ wird bei den Brüder-Grimm-Festspielen im Amphitheater am Schloss Philippsruhe morgen um 15 Uhr das nächste Mal gespielt, weitere Aufführungen bis Ende Juli. Informationen im Internet unter www.festspiele.hanau.de.

Quelle: F.A.Z.
Jan Schiefenhövel
Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHanau