World Club Dome

„Welcome to the Jungle“

Von Maximilian Hausmann und Nils Westerhaus
 - 16:52

Schwitzende Körper drängen sich eng aneinander. Man wird geschoben und getrieben und muss sich gleichzeitig behaupten. Wer nicht schiebt und die Bewegung nicht mitmacht, wird an irgendeinem Ende der Masse ausgeworfen. Die Masse ist mit Energie geladen, aufgeladen von der Musik, zu der sie sich bewegt.

Es zieht sie zur Bühne, angezogen von einem schnellen, sich unendlich fortsetzenden Bass, der wie ein Sog wirkt. Er zieht jeden Einzelnen in sich hinein, und niemand will diesem Sog widerstehen. Im Gegenteil, sich dem Kontrollverlust hinzugeben macht den Reiz aus.

Jeder tanzt für sich allein, es gibt keine Gemeinschaft, die sich an den Hände fasst. Der Einzelne scheint der Enge zum Trotz weit entfernt von seinem Nächsten. Trotzdem bilden die Besucher ein Kollektiv, verbunden durch den Rhythmus. Besonders anschaulich wird das, wenn der schlagartige Spannungsabfall, der sogenannte Drop, einsetzt. Eine dramatischer und lauter werdende Tonschleife kündigt ihn an. Auf dem Höhepunkt setzt die Musik plötzlich aus, und wummernde Bässe setzen ein. Alle werfen die Arme in die Höhe und kreischen.

Der bisher sechste World Club Dome unterhält drei Tage lang mehr als 150.000 Leute im Frankfurter Waldstadion und dessen Umgebung mit elektronischer Musik. Nach offiziellen Angaben erstreckt sich die Tanzfläche über 700.000 Quadratmeter. Damit ist das Fest noch größer als im Vorjahr, als allerdings auch das Wetter schlechter war. Diesmal lädt es viele der Gäste zur Schau ihrer gebräunten Oberkörpermuskulatur ein. Im Stadionbad, das ebenfalls zum Tanzclub umfunktioniert worden ist, feiern die Besucher in leichter Badebekleidung. Hier feiert der allgemeine Körperkult bei der „Pool Session“, wie das Stadionbad in diesen Tagen heißt, seinen Höhepunkt.

Ungewöhnliche Location

Für Frederik aus Eschborn besteht der besondere Reiz darin, einen vertrauten Ort wie das Schwimmbad „komplett anders“ zu erleben. Dass die ungewohnte Funktion des Stadionbades obendrein dazu führe, dass die Menschen dort friedlicher miteinander umgehen als bei normalem Betrieb, begeistert ihn sichtlich. Viele freuen sich auch über die Möglichkeit, während der Party im Wasser zu baden, wie die 20 Jahre alte Hanna aus Bockenheim. Sie ist vor allem wegen DJ Solomun gekommen. Dessen Bekanntheit in der Techno-Szene hat viele zum Besuch des Festivals bewogen.

Überhaupt steht die Figur des Discjockeys im Fokus der Tanzenden. Mit gebanntem Blick und Gehör werden dessen Tanzanweisungen erwartet. Solomun enttäuscht allerdings die Erwartungen von Don und Stella. Man merke sofort, wenn ein DJ selbst keinen Spaß habe. Sie beschreiben seinen Auftritt als kraftlos, „wie ein Kreisel kurz vor seinem Fall“. Die beiden achtundzwanzigjährigen Frauen sind ohnehin wegen anderer Musiker angereist: Don vor allem für Techno-DJane Bebetta, von der sie ein Tattoo auf ihrem Handgelenk trägt.

Als DJ Solomun seinen Auftritt beendet, verlässt die Gruppe das Stadionbad und geht in die Fußball-Arena, wo sich Tribünen und Innenfeld zügig füllen. Der Star-DJ Steve Aoki bekundet mit floskelhaften Ausrufen seine Liebe zum frenetisch jubelnden Publikum. Die Textfetzen seiner Misch-Produktion kreischen sie mit. Dann tritt Aoki ab. In der Pause ertönen sanftere Klänge, ehe der Moderator in sein Mikrofon brüllt: „Peter Fischer, bring uns den Pott.“ Flammenwerfer begleiten den Auftritt des Eintracht-Präsidenten. Er verbindet für einen kurzen Moment den Musikrausch mit dem Freudentaumel der Fußball-Begeisterten, als er den DFB-Pokal in die Höhe stemmt.

Gefühl der Überwältigung

Zum Finale am Samstag tritt das belgische Duo Dmitri Vegas und Like Mike auf. Sie animieren in ihrer Show die Menge zum Mitmachen, indem sie bestimmte Ausrufe und Bewegungen vorgeben. Im Gleichschritt gehen alle acht Schritte nach links und anschließend wieder acht nach rechts. Darauf folgen Tonsequenzen mit festen Bassschlägen in hohem Tempo, mit denen die Feiernden buchstäblich nicht mehr Schritt halten können.

Ein Gefühl der Überwältigung entsteht. „Welcome to the Jungle“, rufen die beiden Musiker. Das Duo arbeitet mit Liedern von Drake, Wiz Khalifa und sogar Oasis’ „Wonderwall“ lässt sich erstaunlich gut in ihren Elektro-House integrieren. Alles vor tobenden Fans, die Pogo tanzend gar nicht aufhören können zu hüpfen und sich zu schubsen.

Und schon ertappt sich selbst der nüchternste Zuschauer dabei, wie er ein Teil der tanzenden Menge wird, ganz und gar aufgehoben in der fröhlichen Masse.

Quelle: F.A.Z.
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