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Lesung im Literaturhaus

Das Auffressen des Sitznachbarn ist verboten

Von Florian Balke
 - 16:08
Auftritt: Marion Poschmann, Robert, Menasse, Sasha Marianna Salzmann und Thomas Lehr (von links) betreten den Saal des Literaturhaus Frankfurt. Bild: Wonge Bergmann, F.A.Z.

Nein, er heißt nicht nach dem Fußballspiel. Die Legende, sagt Franzobel, sein Künstlername komme daher, dass Frankreich („Fran“) einst bei irgendeiner Gelegenheit zwei zu null („zo“) gegen Belgien („bel“) gewonnen habe, hat er selbst in die Welt gesetzt, um den dauernden Nachfragen der Journalisten eine weitere Drehung zu geben. Das Schiffsunglück in seinem Roman „Das Floß der Medusa“ hingegen hat es im Sommer 1816 vor der Küste Westafrikas tatsächlich gegeben. Das Ölgemälde, mit dem der Maler Théodore Géricault den Skandal drei Jahre später neu aufleben ließ, hat der österreichische Schriftsteller im Louvre nie gesehen, er kannte es von Reproduktionen und Parodien in Asterix-Comics und auf einem Plattencover der Pogues.

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Dann machte ein Bekannter ihn darauf aufmerksam, und Franzobel begann mit der Arbeit an seinem Roman, durch den sanft ein Kommentar zur Flüchtlingskrise hindurchschimmert, gerade weil es bei Franzobel die Weißen und die Kolonialherren sind, die elend auf dem Meer dahintreiben, durch Wüsten wandern und verschleppt werden. So was kann jedem passieren, auch dem französischen Generalgouverneur Senegals, der nach dem Scheitern der „Medusa“ die Guillotine mit ins Rettungsboot nehmen will, mit der er an seinem zukünftigen Einsatzort Recht zu sprechen gedenkt.

Wann fällt die Maske der Zivilisation?

Franzobels Gesprächspartnerin Sandra Kegel, Redakteurin im Feuilleton dieser Zeitung, weist darauf hin, das acht mal fünfzehn Meter große Floß, auf dem rund 150 Passagiere ausgesetzt wurden, von denen nur 15 überlebten, sei etwa so groß gewesen wie der Lesesaal. Für einen Augenblick hat der Zuhörer Zeit, sich vorzustellen, wie er selbst zusammen mit all den anderen Insassen des Saals unter vergleichbaren Umständen dastünde. Wenn das Licht ausfällt, die Zentralheizung die Arbeit einstellt, der Weinnachschub austrocknet und es kein Entkommen gibt. Wann fällt die Maske der Zivilisation? Wer stirbt als Erster? Wer frisst wen?

Zum Glück ist Kannibalismus unter Lesungsbesuchern seltener als unter den unglücklichen Überlebenden des Floßes. Aber Marion Poschmanns Suche nach Japans schönstem Selbstmordort in ihrem Roman „Die Kieferninseln“ wirkt anschließend fast schon idyllisch. Japans Kunst und Gartenkunst faszinieren die Autorin, die vor vier Jahren schon einmal auf der Shortlist stand, seit langem. 2014 verbrachte sie drei Monate in Kyoto. Trotz aller Modernität des Landes hat eines sie besonders eingenommen: „Die klassische Ästhetik, in der die Leere eine wichtige Rolle spielt. Nicht das Objekt, sondern seine Umgebung, in der das Objekt nur die Möglichkeit eines Erscheinens ist.“ In Japan beschlich Poschmann das Gefühl, etwas Ähnliches seit jeher gesucht und endlich gefunden zu haben: „Ich fühlte mich am richtigen Platz.“

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Europa-Roman soll Arbeit der EU durchsichtiger machen

Das ging Robert Menasse nicht ganz so, als er in Brüssel die Arbeit der Europäischen Kommission beobachtete. Hinter der Glasfassade ihres Bürogebäudes, die er in seinem Europa-Roman „Die Hauptstadt“ etwas durchsichtiger machen will: „Es ist doch was Menschengemachtes.“ Menasse meint Europa, menschengemacht aber ist auch der Roman. Zum dreizehnten Mal vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Auszeichnung für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres, überreicht wird der Preis am 9. Oktober im Kaisersaal des Römers.

Zum zehnten Mal haben das Frankfurter Kulturamt und das Literaturhaus die Autoren eingeladen, an der Schönen Aussicht ein einziges Mal gemeinsam zu lesen. Gerhard Falkner, der für seinen Roman „Romeo oder Julia“ nominiert ist, hat absagen müssen, alle anderen sind da. Und die Karten für die von Anfang an beliebte Veranstaltung waren diesmal innerhalb von drei Minuten ausverkauft, obwohl fast alle Autoren in den vergangenen Monaten schon in Frankfurt zu Gast gewesen sind, Menasse und Thomas Lehr erst wenige Tage zuvor. Im Lesesaal hört das Publikum trotzdem allen fast vier Stunden lang aufmerksam zu.

Der Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann zum Beispiel, die in Frankfurt in wenigen Wochen mit dem Literaturpreis der Ponto-Stiftung ausgezeichnet wird und in ihrem Prosadebüt „Außer sich“ eine Transgendergeschichte aus der Welt jüdischer Flüchtlinge aus der Sowjetunion erzählt. Und Thomas Lehr, der mit „Schlafende Sonne“ nach 2005 und 2010 schon zum dritten Mal auf der Shortlist steht. In diesem Fall mit dem ersten Band einer Trilogie, was sich für ihn so anfühlt wie die Besteigung von Eiger, Mönch und Jungfrau. Eine „Gebirgswanderung“ durch das 20. Jahrhundert solle es werden, sagt er. Das klinge anstrengend? Er hat einen Rat: „Auch eine Bergtour ist anstrengend, aber Sie erleben Blicke, die Sie sonst nie gesehen hätten.“ Und immerhin – wer nur beim Lesen eines Romans abstürzt, muss beim anschließenden Überleben niemanden aufessen.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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