Frankfurt-Marathon

Neun Sekunden

Von Sebastian Koch, Frankfurt
 - 06:07

Steffen Uliczka dreht sich um. Ein letztes Mal brüllt er. „Komm, das packst du. Noch ein paar Meter.“ Es sind noch 150, vielleicht 200 Meter. Eine Kurve noch, Lisa Hahner kann die feiernde Menge in der Festhalle schon hören. Auf den letzten Metern eines grandiosen Rennens kämpft sie mit ihrem Tempomacher zusammen einen letzten Kampf – nicht unbedingt gegen ihren Körper, aus dem sie noch ihre letzten verbliebenen Reserven rausholen. Lisa Hahners letzter Kampf richtet sich gegen die Uhr. Und gegen die Olympia-Norm des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV) von 2:28:30 Stunden. Eine gute Minute wird sie noch brauchen. Jetzt zählt jede Sekunde. Ihr Hauptziel, eine neue persönliche Bestzeit zu laufen, hat Lisa Hahner bereits sicher.

Ein tolles Comeback nach zwei Jahren

Der Triumph von Arne Gabius mit deutschem Rekord (2:08:33 Stunden) und ein grandioser Zielspurt bei den Frauen zwischen der Siegerin Gulume Tollesa Chala und der Zweiten Dinknesh Mekash Tefera hat die Frankfurter Festhalle in eine große Partymeile verwandelt. Lisa Hahner ist am Limit. Im Rhythmus ihrer letzten langen Schritte ticken die Sekunden gnadenlos runter. Tick, tack. Am Ende fehlen ihr neun Sekunden für die Norm. Neun Sekunden nach 42,195 Kilometer großartigem Kampf. Lisa Hahner legt sich sofort nach der Ziellinie auf den Boden – und lacht.

Ihr persönliches Siegerlächeln nach 2:38:39 Stunden. Um fast zwei Minuten hat sie sich im Vergleich zum Marathon an gleicher Stelle vor zwei Jahren verbessert, als Gesamtsechster gelingt ihr eine Überraschung. Deutsche Meisterin ist sie sowieso, da wiegt die verpasste Olympia-Norm erst einmal nicht so schwer. „Das ist mir im Moment gerade so was von egal“, lässt sie im Zielbereich wissen. Mehr sei heute nicht gegangen und deshalb sei sie zufrieden und „super happy“. Sie kann es sein. Nach zwei Jahren ist der 25-jährigen Hessin ein tolles Comeback gelungen.

Kritik am Deutschen Leichtathletikverband

Seit Wochen habe sich die aus dem Landkreis Fulda stammende Langstreckenläuferin auf diesen Tag gefreut. Als Lisa Hahner die Halbmarathon-Distanz passiert hatte, habe sie das erste Mal realisiert, dass es nicht nur für ihre Bestleistung, sondern auch für die Olympia-Norm reichen könnte. Der Ausgang ist bekannt, doch passte er zu diesem an Dramatik nur schwer zu überbietenden 34. Frankfurt Marathon. Eine bessere Dramaturgie des Rennens hätte man sich angesichts der Leistungen von Gabius und Lisa Hahner nicht wünschen können, freute sich Renndirektor Jo Schindler nach dem Rennen, ehe er sich mit deutlichen Worten an den DLV wendete.

„Die fünf großen Marathons in Deutschland haben bereits nach dem Berlin-Marathon einen offenen Brief an den DLV geschrieben und gefordert, dass Philipp Pflieger für Rio nominiert wird. Und wenn der DLV will, werden wir den gleichen Brief noch einmal schicken und die Nominierung von Lisa Hahner fordern“, erklärte er: „Es ist Zeit, dass wir unsere Stimme erheben und dem Verband klarmachen, dass jeweils alle drei Marathon-Plätze in der Herren- und Damenkonkurrenz besetzt werden müssen.“ Bislang hat einzig Arne Gabius die nationale Olympia-Norm im Marathon (2:12:15) erfüllt – die internationale Norm dagegen wurde bereits von mehreren Athleten unterboten.

Olympia-Norm im Marathon schwer zu erfüllen

In Berlin verpasste Pflieger die nationale Norm um 35 Sekunden, Lisa Hahners Zwillingsschwester Anna fehlten 1:49 Minuten. Bislang sah der Verband von Nominierungen ab. Für Schindler nicht nachvollziehbar. „Der DLV wünscht anscheinend nicht – ich will da bewusst harte Worte finden –, dass im Langstreckenlauf eine Stimmung entsteht, die auch den Spitzensport nachhaltig fördert. Das muss man so deutlich sagen.“ Sollte der Verband nur Läufer nominieren, die im olympischen Marathonrennen eine Chance auf eine Plazierung unter den besten zehn haben, müsse man „unter den Langstreckenlauf einen Strich machen und damit aufhören“.

Auch Gabius fand kritische Worte für die Politik des Verbandes. Der DLV könne es sich nicht leisten, eine der schwersten Normen im Marathon auf der Welt zu haben. „Man nimmt den Athleten bewusst die Chance zu überraschen.“ Lisa Hahner selbst tat sich schwer, offen Forderungen an den DLV zu stellen. Zwar habe ihr der Verband zur deutschen Meisterschaft „freundlich gratuliert“, doch von einer Olympia-Nominierung war dabei zunächst keine Rede. „Ich laufe, so schnell ich kann, und hoffe, dass das schnell genug für die Olympischen Spiele ist“, sagte die 25-Jährige zurückhaltend.

Warum sie denn nicht klar sage, dass jemand wie sie, mit der Perspektive, auch noch in den kommenden Jahren in der Spitze zu laufen und als Sympathieträgerin den Sport zu repräsentieren, unbedingt für Olympia nominiert werden müsse, lautete die Frage eines Journalisten. „Das können Sie gerne so schreiben. Sie alle hier. Da stehe ich voll dahinter. Aber ich kenne die Vergangenheit und kann deshalb nur hoffen, dass die Zukunft für uns Läufer besser wird.“ Einen Marathon im Frühjahr möchte Lisa Hahner auf jeden Fall noch laufen. Nicht um die Olympia-Norm zu erfüllen, sondern, um ihre Bestzeit noch einmal zu verbessern. Jetzt hieße es erst mal, „den Muskelkater aus den Beinen zu tanzen“. Der DLV wird sich in den kommenden Wochen einige Fragen stellen lassen müssen.

Quelle: F.A.Z.
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