Mainzer Eulchen-Bier

Junge Brauer zieht es in alte Sektkeller

Von Markus Schug
 - 12:03

Nach so etwas haben Leonidas Lazaridis und Philip Vogel in Mainz lange gesucht. Jetzt sind die Jungunternehmen fündig geworden und bereit, etwa 500.000 Euro zu investieren, um an einem Ort heimisch zu werden, an dem Biergeschichte geschrieben wurde. Denn die heutzutage nur mehr für die namensgebende Sektkellerei bekannte Kupferbergterrasse war bis zum großen Brauereisterben vor fast 40 Jahren auch Biertrinkern wohlbekannt. Schließlich gab es über den Dächern der Stadt bis zur Übernahme durch den Binding-Konzern die eigenständige Mainzer Aktien-Bierbrauerei MAB, die mehr als 100 Jahre auf dem Kästrich eine herausragende Rolle gespielt hatte.

An die Tradition der ehemals bis zu 40 lokalen Brauereien, die allesamt aus dem Stadtbild verschwunden sind, wollen Lazaridis und Vogel anknüpfen. Und für ihre 2013 eher zufällig gegründete Eulchen GmbH, die sich seitdem prächtig entwickelt habe, gebe es keinen besseren Firmensitz als den gefundenen. Sozusagen in unmittelbarerer Nachbarschaft zum nicht mehr vorhandenen MAB-Gelände, das zu einem Wohnviertel wurde.

„Gewagte Mischung“

Dass sich Bier und Sekt durchaus vertragen, wenn sie als Herrengedeck in einem großen Glas gereicht werden, soll schon Otto Fürst von Bismarck gewusst haben, der bei seinen Mainz-Besuchen häufig im Hause Kupferberg zu Gast war. Letztlich ließ sich nun auch der Immobilienmakler Wolfram Richter von der „gewagten Mischung“ überzeugen. Und so fand sich im weitläufigen Anwesen, in dem allerdings schon länger kein Sekt mehr hergestellt wird, für die beiden 28 und 36 Jahre alten Jungunternehmer eine geeignete und etwa 500 Quadratmeter große Produktionsfläche: mit Platz für eine Zehn-Hektoliter-Brauanlage, mehreren Edelstahltanks und eigener Abfülllinie. Was nach Ansicht des Vermieters gut zu dem neuerdings von der Familie Richter betriebenen Restaurant nebst angeschlossenem Sektmuseum passt.

Mit der eigenen Brauerei in den bis dato als Party- und Veranstaltungsraum genutzten Gewölbekellern, zu der später auch eine kleine Gaststube gehören soll, arbeite man fortan also in unmittelbarerer Nachbarschaft zur von der Bildfläche verschwundenen alten Aktien-Brauerei, sagte Vogel bei der Vorstellung des Konzepts: „Näher dran geht nicht!“ Dabei haben die beiden Freunde lange nach dem richtigen „historischen Ort“ für ihr Projekt gesucht. Eine Lagerhalle in einem Gewerbegebiet außerhalb der Stadt sei für sie keine Option gewesen.

Ersten Flaschen per Hand abgefüllt

Zur Bierherstellung kamen die beiden Firmenchefs, die für künftige Aufgaben einen gelernten Brauer einstellen wollen, zufällig: Als Studenten des Fachbereichs Kommunikationsdesign an der Hochschule Mainz schrieben sie 2013 gemeinsam ihre Bachelorarbeit mit dem Titel „Rebellion gegen Einheitsbier?“. Und obwohl es darin vor allem um Etiketten und Werbung ging, wurden, sozusagen im praktischen Teil, seinerzeit die ersten 2.000 Flaschen Eulchen-Bier per Hand abgefüllt. Ihre bisher in der Fremde produzierten Gerstensäfte, von denen es die drei Varianten Helles, Märzen und Weißbier sowie gelegentliche Spezialabfüllungen gibt, kamen in der Craftbeer-Szene auf Anhieb an. Deshalb eröffneten sie zunächst einen kleinen Laden, übernahmen später dann ein leerstehendes Wasserhäuschen in der Neustadt und betreiben im Sommer inzwischen auch den Schloss-Biergarten. Alles in allem bringt die Eulchen GmbH so jährlich rund 100.000 ihrer 0,33-Liter-Flaschen unter die Leute, die mittlerweile in ausgewählten Restaurants und Kneipen sowie vereinzelt gar in Supermärkten zu finden sind.

Die Menge sei noch ausbaufähig. Und vor allem in Sachen Vielfalt wollen die beiden Studienfreunde deutlich zulegen, „um das Thema Craftbeer weiter voranzutreiben und die Mainzer Bierkultur wieder aufleben zu lassen“. Im Gegensatz zu früheren Tagen müssten die Bewohner des Kästrichs angesichts eines „in sich geschlossenen, hochmodernen Systems auch keine Geruchs- oder Geräuschbelästigung befürchten“, versichert Lazaridis. Und er kündigt an, dass es wohl vom Sommer des nächsten Jahres an möglich sein werde, die kleine Brauerei zu erleben: „Ob bei Führungen oder einem ,Tasting‘ in der Braustube“, die zur Kupferbergterrasse hin geplant sei.

Dass sie nicht die Einzigen sind, die in Mainz sich neuerdings als Brauer ans Werk machen, freut Vogel und Lazaridis. Im alten Rohrlager an der Weisenauer Straße verfolgt das Team von Kuehn, Kunz und Rosen ein ähnliches Geschäftsmodell. Doch das zeigt nach Ansicht der Eulchen-Macher ja nur, dass die Szene in Bewegung ist und es viele innovative Konzepte gibt.

Im Vergleich dazu sind das 1989 in der Altstadt eröffnete Eisgrub-Bräu und das im Jahr darauf in Kastel gegründete Brauhaus Castel alteingesessen zu nennen; 2007 kam mit dem Rheinhessen-Bräu in Ebersheim noch eine weitere regional ausgerichtete Hausbrauerei hinzu. Immerhin wieder eine Hand voll Bierproduzenten zu haben ist nach Ansicht des Wirtschaftsdezernenten Christopher Sitte (FDP) für eine Weinstadt wie Mainz eine beachtliche Entwicklung. Die Erfolgsgeschichte vom Eulchen-Bier beweise außerdem, dass es möglich sei, aus der Hochschule heraus ein Unternehmen zu schaffen, von dem am Ende sowohl die Gründer als auch die Mainzer etwas hätten.

Quelle: F.A.Z.
Markus Schug - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Markus Schug
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz.
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