Deutsches Filmmuseum

Schwarzweißfilme haben auch ihr Gutes

Von Lukas Müller
© Junker, Patrick, F.A.Z.

Es knirscht nur leise, doch Luis ist es zu laut. „Mein Finger hat geknackt“, sagt er. Die Tontechnikerinnen nicken. An den Wänden um sie herum hängen bunte Kabel, Lautsprecherboxen liegen wie Stolpersteine im Raum, auf einem Tisch findet sich ein Plattenspieler, und mittendrin im Tonstudio der Frankfurter Oper steht Luis Skalieres, der sich über den Windschutz des Mikrofons beugt. Er bastelt nicht an seiner Karriere für „Deutschland sucht den Superstar“, sondern bespricht zusammen mit anderen Frankfurter Schülern einen Multimedia-Guide. Von September an soll er dazu dienen, junge Besucher und Familien durch das Deutsche Filmmuseum am Frankfurter Schaumainkai zu führen.

Erste Überlegungen zum Projekt stammen aus dem Jahr 2014. Nach der Umgestaltung und Neueröffnung des Museums fehlte ein ansprechender Führer durch das Haus. Warum also nicht gleich einen Multimedia-Guide? Barbara Dierksen, die in der Abteilung Filmbildung des Museums arbeitet, erinnert sich daran, dass schon damals die Idee entstand, Jugendliche mit in das Projekt einzubinden. Es sei ihr außerdem wichtig gewesen, dass Schüler aus möglichst breiten Bevölkerungsschichten mitmachen: „Das Projekt sollte in hohem Maße partizipativ sein.“ Dafür konnten als Förderer die Art Mentor Foundation Lucerne, die Stiftung Polytechnische Gesellschaft und die Aventis Foundation gewonnen werden.

Von der Laterna magica fasziniert

Den Anfang machte die Klasse 4c der Günderrodeschule aus dem Frankfurter Gallus. Die Viertklässler interviewten Museumsdirektorin Claudia Dillmann, Kuratoren und Archivare – gespeichert sind die Gespräche jetzt auf dem Guide. Insgesamt drei Gruppen nehmen an dem Projekt teil, Luis gehört zur letzten Gruppe, die sich aus Kindern und Jugendlichen verschiedener Schulen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet zusammensetzt, die am Projekt teilnehmen wollten.

Den Text, den er einspricht, hat er selbst geschrieben: „Was mich an der Laterna magica fasziniert hat, ist, dass so ein kleiner Kasten so viele Emotionen in den Leuten ausgelöst hat.“ Breitbeinig und mit der stoischen Ruhe eines Nachrichtensprechers sagt der 15 Jahre alte Schüler seinen Text auf. Die beiden Technikerinnen hören angestrengt zu, ihre Köpfe sind über das Mischpult gebeugt. Dann blickt eine von ihnen auf und klatscht in die Hände. Auch der Daumen von Projektleiterin Dierksen schnellt in die Höhe. „Hast du super gemacht“, ruft sie zufrieden. Strahlende Gesichter im Tonstudio.

„Dass die ganze Arbeit jetzt Früchte trägt, ist das Schönste am Projekt“, sagt Dierksen. Der Arbeitsaufwand ist beträchtlich gewesen. Die Überzeugungsarbeit, die geleistet werden musste, war es auch. Denn die Viertklässler der Günderrodeschule sollten jeden Freitag ins Filmmuseum kommen, statt Rechnen und Schreiben sollte das Basteln von Lochkameras, das Bemalen von Filmstreifen und Fotografieren auf dem Lehrplan stehen. Dass nicht alle Eltern begeistert waren, ist verständlich. „Wir haben dann einen Elternabend besucht und mit den Vätern und Müttern gesprochen“, sagt Dierksen. Ihr gelang es, auch kritische Stimmen zu überzeugen: „Irgendwann hieß es dann, wir probieren’s.“ Das Projekt konnte beginnen.

Fast ein halbes Jahr lang fuhren die Grundschüler aus dem Gallus jede Woche einmal ins Museum, dann folgte die zweite Gruppe aus 16 bis 18 Jahre alten Schülern. Die Jugendlichen beschäftigten sich unter anderem mit den Themen Bild und Ton, lernten Interviewtechniken und analysierten gemeinsam Klassiker der Filmgeschichte wie „Das Boot“ und „Die Vögel“. Drei der Jugendlichen waren von der Kameraführung in Wolfgang Petersens „Boot“ so begeistert, dass sie eigens nach München fuhren, um sich dort mit dem Kameramann Jost Vacano zu treffen, der am Film mitgewirkt hatte. Auch daraus ist ein Beitrag entstanden.

Gespeichert werden die unterschiedlichen Perspektiven auf die Museumssammlung, die zum Teil persönliche Auseinandersetzungen mit den Exponaten sind, auf den Multimedia-Guides, die in Form von Tablets im Filmmuseum ausliegen werden. Die Nutzung soll kostenlos sein. Das Gerät hat zahlreiche Funktionen: Besucher können Audiodateien anhören, Texte lesen sowie Bilder und Videos anschauen. Einige Hintergrundbeiträge hat der Schauspieler Wotan Wilke Möhring eingesprochen, bei vielen Tonbeiträgen haben es dem Profi jetzt die Schüler nachgemacht. Das langwierige Projekt neigt sich seinem Ende zu.

In der Frankfurter Oper öffnet sich die Tür des Tonstudios, Luis hat seine Aufnahme mit Bravour gemeistert. Gleich ist Rafi Mache an der Reihe. Der 15 Jahre alte Gymnasiast besucht die Freiherr-vom-Stein-Schule in Sachsenhausen und ist ein wenig aufgeregt. „Ich wollte immer schon so was machen“, sagt er stolz: „Davon habe ich allen Leuten erzählt.“ Rafis Text handelt von Schwarzweißfilmen. Sie hätten ihm erst nicht gefallen, sagt er. Sie seien ihm zu skurril gewesen. Das Filmprojekt hat seine Meinung verändert – jetzt schaut er sie gerne. Davon wird er nun anderen berichten, sagt er und verschwindet im Tonstudio.

Quelle: F.A.Z.
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