Kommentar

Noch ist für Opel nichts gewonnen

Von Thorsten Winter
 - 11:44

Ob der eine oder andere Auto-Experte sich rückblickend lieber auf die Zunge gebissen hätte? Tatsache ist: Kaum war die Übernahme von Opel durch die Peugeot-Mutter PSA bekannt geworden, hatten sich die Prognostiker mit Katastrophen-Szenarien für den chronisch defizitären Autobauer aus Rüsselsheim überboten.

Bis zu 6000 Arbeitsplätze könnten alsbald Geschichte sein, die Zukunft des Entwicklungszentrums sei offen. Und nun? Weder will die Marke mit dem Blitz betriebsbedingte Kündigungen aussprechen noch Werke schließen.

Elektroauto-Offensive inklusive

Vielmehr plant sie in Standorte zu investieren und neue Modelle auf den Markt zu bringen. Das schließt eine Elektroauto-Offensive ein. Das Entwicklungszentrum bekommt sogar neue Aufgaben. Dass sich die Betriebsräte angesichts dessen froh und erleichtert geben, versteht sich von selbst.

Aufmerken lässt auch die Aussage des Chefs der Opel-Mutter PSA, das Zentrum der Entscheidungen für Opel wandere nicht vom GM-Sitz in Detroit nach Paris – vielmehr liege es künftig in Rüsselsheim. Carlos Tavares verhehlt aber nicht, dass er nun auch ein entschiedenes Management erwartet. Denn wirklich gewonnen ist für Opel noch nichts: Der Plan steht für den PSA-Chef nur für fünf Prozent der Arbeit, die die Hessen leisten müssen. Immerhin hält er nach seinen Worten das, was Opel-Chef Lohscheller vorgetragen hat, für „ehrlich und robust“.

Robust muss der Plan auch sein, denn wegen der Folgen des Brexit-Votums bläst den Rüsselsheimern im wichtigen Markt Großbritannien der Wind voll ins Gesicht. Gesunkene Verkaufszahlen und ein schwaches Pfund erschweren die dringend erforderliche Ertragswende. Auch hierzulande nimmt Opel trotz der größten Modelloffensive seiner Geschichte nicht richtig Fahrt auf. Wo das Potential liegt, weiß Lohscheller selbst: Er will mehr sogenannte sportliche Geländewagen (SUV) bauen.

Dass ein neuer SUV in Eisenach vom Band laufen soll und nicht wie bisher angekündigt am Stammsitz, ist aus hessischer Sicht ein Wermutstropfen. Rüsselsheim soll vom Ende des Jahrzehnts an zwar außer dem Insignia ein zweites Auto der oberen Mittelklasse bauen. Dieser Markt ist aber nicht einmal halb so groß wie jener für SUV.

Umso spannender klingen die neuen Aufgaben für die Ingenieure, die Techniken für autonomes Fahren und alternative Antriebe wie die Brennstoffzelle entwickeln sollen. Das sei nicht zu unterschätzen, meint der Betriebsratsvorsitzende. Hoffentlich behält er recht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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