CDU nach Frankfurter OB-Wahl

Kein Vertrauen, kein Erfolg

Von Tobias Rösmann
 - 20:35

Eines der Bilder des Wahlabends zeigt eine sichtlich getroffene Bernadette Weyland, die zu erklären versucht, warum sie so hoch verloren hat. Schräg hinter ihr an der Haupttreppe im Rathaus Römer steht der Frankfurter CDU-Vorsitzende Jan Schneider und lauscht jedem Wort. Gesprächswünsche von Journalisten lehnt er ab, weil er lieber zuhören will. Die gerade mit 29,2 Prozent in der Stichwahl untergegangene eigene Kandidatin soll bloß nicht unbemerkt die ganze Schuld auf die Partei und den Vorsitzenden schieben.

Wer die Zeit ein gutes Jahr zurückspult, kann kaum glauben, wie schlecht Weyland und die CDU-Führung am Ende zueinander standen. Denn am Anfang sieht alles nach Aufbruch und Chance und Hoffnung aus. Im Februar 2017 verzichtet der damalige Parteichef Uwe Becker auf eine eigene Kandidatur zugunsten Weylands. Im kleinen Kreis vereinbart, stößt der Plan intern, aber auch in den Medien auf viel Zustimmung. Am Tag nach dem Coup lässt Becker wissen: „Die Stimmung in der Partei ist insgesamt gut.“

Nachfolgerin von Petra Roth in der Frankfurter CDU

Wenig später, im April, macht die CDU die damalige Staatssekretärin im hessischen Finanzministerium mit mehr als 98 Prozent zur umjubelten Kandidatin im Kampf um den Posten des Stadtoberhaupts. Weyland tritt aus diesem Anlass in einer Art Arena auf, mit Werbefilm und Musik. Moderner Wahlkampf, viel Inszenierung. Führung und Basis sind sich sicher: Sie wird eine Chance haben gegen Amtsinhaber Peter Feldmann – und Frankfurt nach Petra Roth demnächst wieder eine CDU-Frau an der Spitze.

Doch schon damals gibt es warnende Stimmen. Weyland sei fahrig und unsortiert, mahnen manche. Die Juristin lasse sich nicht beraten, behaupten diejenigen, die sie aus der Landespolitik besser kennen. Noch tun das viele als Lästerei von Neidern ab. Die Landes-CDU um den Vorsitzenden Volker Bouffier macht allerdings nie den Eindruck, hinter der Kandidatur zu stehen. Erst im Endspurt kommt Bouffier zum einzigen Wahlkampftermin. Er nennt Bernadette Weyland ein paar Mal „Babette“ und hält eine der kürzesten Reden, die Beobachter je von ihm gehört haben. Nach dem Stichwahl-Debakel ist die Landespartei nun bemüht, Weylands Niederlage möglichst isoliert zu betrachten. Verständlich, schließlich geht es schon in wenigen Monaten bei der Landtagswahl um sechs Mandate in Frankfurt.

Aufbruchstimmung im Sommer 2017 schon verpufft

Beobachtern fällt im Mai 2017 auf, dass es nach Weylands Nominierung keinen Fahrplan gibt. Monate verstreichen, in denen Kandidatin und Partei die Sache laufen lassen. Während Weyland, bis Ende August eingebunden als Staatssekretärin, erratisch Termine in Frankfurt wahrnimmt, ist der parteiinterne Aufbruch bis zu den Sommerferien schon wieder verpufft. Auf die Stimmung drückt die Bundestagswahl im September, wenngleich die CDU in Frankfurt stärkste Kraft bleibt. Feldmann macht derweil aus dem Amt heraus einen höchst professionellen Wahlkampf. Die SPD steht hinter ihm.

Irgendwann in jener Zeit muss Weyland wichtige Parteifreunde von sich gewiesen haben. Die beiden Ehrenvorsitzenden der Frankfurter CDU, Ernst Gerhardt und Udo Corts, sind jedenfalls bald schwer enttäuscht von ihr. Beiden signalisiert Weyland früh, auf ihre Hilfe nicht angewiesen zu sein. Erfolgreiche Altvordere hören so etwas nicht gern. Corts zieht sich nach anfänglicher Euphorie zurück. Gerhardt, 96 Jahre alt, sagt am Wahlabend knapp: „Beim nächsten Mal stellen wir einen chancenreichen Kandidaten auf.“ Viel mehr Ohrfeige geht nicht.

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Auch anderswo mehren sich im Spätherbst die Warnsignale. Weyland und ihr Team arbeiteten wie in einer Glocke, heißt es aus der CDU-Geschäftsstelle, wo sich die Kandidatin und ihre meist jungen Mitstreiter einen Konferenzraum mit hellen Ikea-Möbeln bestückt haben und eine Art Zentrale in der Zentrale bilden. CDU-Angestellte wundern sich, wie oft sie über Müll – leere Pizzaschachteln und Flaschen – steigen müssen, um zum Arbeitsplatz zu gelangen. Weyland trete herrisch auf und wisse alles besser, klagen manche.

Doch noch ist nichts verloren. Noch wäre Zeit, die Lage zu bereinigen. Ein Insider, nach der Stichwahl befragt nach den Fehlern der CDU in dem ganzen Debakel, sagt: „Der erste Fehler war, sie aufzustellen. Und dann sehe ich eine Mitschuld der Partei darin, sie im Herbst nicht gestoppt zu haben.“ Damals fassen manche sogar den Plan, Weyland auszutauschen. Doch dazu kommt es nicht. Stattdessen verlässt ihr Wahlkampfleiter das Boot.

Opposition kritisiert vorzeitigen Ruhestand

Die Kandidatin hat derweil noch andere Sorgen. Weil sie sich als Staatssekretärin in den einstweiligen Ruhestand hat versetzen lassen, um sich auf den Oberbürgermeister-Wahlkampf zu konzentrieren, wirft ihr die Opposition Rechtsbruch vor. Dabei ist so ein Vorgehen durchaus üblich. Außerdem hat Weyland früh mitgeteilt, dass sie das Übergangsgeld einem Verein spendet, der krebskranken Kindern hilft. Ohne Staatssekretär-Posten kann Weyland zwar die Zahl ihrer Wahlkampftermine deutlich erhöhen; unermüdlich und mit hohem Einsatz ist sie fortan in den Stadtteilen unterwegs. Doch nach wie vor ist sie den meisten Bürgern unbekannt.

Eine weitere Baustelle sind um die Jahreswende die Themen im Wahlkampf. Während Feldmann konsequent und mit knappen Botschaften für bezahlbaren Wohnraum und niedrige Fahrpreise im Nahverkehr streitet, mäandert Weyland. Erst will sie vor allem über Sicherheit und Sauberkeit sprechen, dann wechselt sie – viele finden, zu spät – zur Schul- und Bildungspolitik als Topthema. Einige fragen sich sogar noch am Tag der Stichwahl, wofür Weyland eigentlich steht. Das fragen sie sich allerdings auch bei der Frankfurter CDU insgesamt.

Aufarbeitung im April

An einen Sieg glaubt Ende Januar kaum noch jemand. In der Stichwahl wird die CDU-Kandidatin schließlich in keinem einzigen Stadtteil vorne liegen. Schlimmer noch: Die eigenen Anhänger wenden sich ab, weil sie Weyland für chancenlos halten. Und auch die CDU-Magistratsmitglieder sind den kompletten Wahlkampf hindurch nur mäßig engagiert. Hinter den Kulissen beklagt sich die Kandidatin immer wieder über mangelnde Unterstützung der Parteiführung.

Montag Mittag tagt der Kreisvorstand. Die Sitzung dauert zwei Stunden. Schneider sagt, sie sei „gut und konstruktiv“ verlaufen. Alle hätten Bernadette Weyland für ihren Einsatz gedankt. Für Mitte April kündigt er ein Treffen an. Dann soll der Wahlkampf aufgearbeitet werden.

Quelle: F.A.Z.
Tobias Rösmann
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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