Offenbach

Übersetzungshelfer per App anfordern

Von Martina Propson-Hauck
 - 10:20

Wer in Offenbach als Haftrichter arbeitet, hat es nicht immer leicht, denn Menschen mit mehr als 150 unterschiedlichen Nationalitäten und Sprachen leben hier. Wenn also jemand vor dem Haftrichter landet, der kein Deutsch spricht, muss ein Übersetzer ran. Im Fall der Berbersprache, die ein Beschuldigter sprach, der kürzlich vor Gericht stand, lebte der nächste Dolmetscher dafür 250 Kilometer entfernt. „Der fährt hin und zurück fünf Stunden, um dann 15 Minuten lang etwas zu übersetzen, wir müssen das natürlich bezahlen und sehr lange warten“, sagt Richter J., der nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden will.

Das müsse doch einfacher und besser gehen, dachte er, aber die gängigen Übersetzungshilfen im Netz reichen nicht aus. Auch die Mitarbeiter der für Flüchtlinge zuständigen Ämter stehen täglich vor ähnlichen Problemen, genau wie die Polizei bei ihren Einsätzen. Aber auch Menschen im Alltag in einer immer mobileren Welt.

Aus dieser Erfahrung heraus hat er gemeinsam mit Stephan Mourlane und einigen IT-Experten die bislang kostenlose Übersetzungs-App „Oroboo Angel“ entwickelt. Wer dringend Übersetzungshilfe braucht, ob im Alltag bei einem Unfall oder im Urlaub bei einem unerwarteten Krankenhausaufenthalt, kann sich mit Vorname und Mailadresse anmelden und eingeben, in welchen Sprachen er oder sie Hilfe braucht. Bei den für die jeweilige Sprache registrierten Übersetzungsengeln, die alle ehrenamtlich arbeiten, klingelt es dann. Sobald einer dieser Engel den Hilferuf annimmt, ertönt ein „Halleluja“ auf dem Smartphone, Tablet oder PC des Hilfesuchenden.

Direkter Kontakt zu weltweiten Übersetzungsengeln

Die Probleme der Menschen, die Übersetzungshilfe benötigen, sind so unterschiedlich wie die Sprachen, die sie sprechen: Der Vater einer Freundin der Gründer erlitt in Spanien im Urlaub einen Schlaganfall, die Angehörigen konnten sich mit den Ärzten nicht verständigen. Und ein junger Mann suchte Hilfe bei der Übersetzung eines Liebesbriefs ins Deutsche. Die einzelnen Hilfsaktionen sind auf fünf Minuten begrenzt, man kann die App aber theoretisch mehrfach nutzen. Der Name „Oroboo“ setzt sich zusammen aus dem lateinischen Wort „orare“ für „sprechen“ und dem amerikanischen Begriff „hobo“, der herumziehende, meist obdachlose Wanderarbeiter bezeichnet.

„Die meisten unserer Übersetzungsengel machen mit, weil sie ihre Mehrsprachigkeit üben wollen“, erläutert Mourlane, selbst zweisprachig in Deutschland und Frankreich aufgewachsen. Innerhalb von drei Wochen hätten sich 1200 Übersetzer von den Philippinen bis Mexiko oder Nepal registrieren lassen. Damit ist das Angebot an Übersetzungshelfern fast größer als die Nachfrage. Ob deren Arbeit wirklich hilfreich und kompetent war, können die Nutzer mit einem Bewertungssystem beurteilen.

Gebärdenübersetzung und größer angelegte Bezahlangebote werden ebenfalls entwickelt

Die Übersetzungsengel sind aber nur ein Produkt des Start-ups. Gegenwärtig sind die Entwickler dabei, die Gebärdensprache ins Übersetzungsprogramm aufzunehmen, 20 Millionen Menschen weltweit verständigen sich damit, aber die Gebärden unterscheiden sich von Sprache zu Sprache. Im September wollen sie damit auf den Markt gehen.

Im Bezahlsektor haben sie die Übersetzungsplattform verfeinert, bieten professionelle und zertifizierte Dolmetscher an und kalkulieren Minutenpreise. Die Entwicklung einer „Payment-Schnittstelle“ stehe kurz vor dem Abschluss. „Wir stehen in Verhandlungen mit großen Konzernen“, sagt Mourlane. Mit der App wollen sie zudem das Sprach- und Kompetenzpotential der Mitarbeiter in großen Unternehmen nutzbar machen. Vor allem im Gesundheitswesen stünden Ärzte, Pflegepersonal und Patienten oft vor Verständigungsproblemen. Es soll möglich werden, dass beispielsweise die polnisch sprechende Pflegerin auf der einen Station dem Patienten auf einer anderen sprachlich aushilft. Das Ganze ließe sich auch in Klinikverbünden einsetzen, so die Vision der Gründer. Man wolle aber Dolmetscher nicht arbeitslos machen. Die Gründer erwarten, dass Computer in sieben bis acht Jahren ohnehin so weit sein werden, alle möglichen Übersetzungsprobleme zu lösen.

Deshalb denken sie auch schon viel weiter: Schüler könnten in naher Zukunft per audiovisueller App auch Nachhilfe bekommen. Der Vorteil: Wenn das Angebot nicht passt, kann man es bereits nach wenigen Minuten beenden und muss keine kompletten Stunden oder gar Wochen bezahlen.

Quelle: F.A.Z.
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