Planer gründet Lobbyverein

Eine Stimme für Rechenzentren

Von Thorsten Winter, Frankfurt
© Jens Gyarmaty, F.A.Z.

In Deutschland gibt es für alles Mögliche einen Lobbyverband. Für die Autoindustrie natürlich – der VDA hat dieser Tage besonders viel zu tun, Stichwort Dieselskandal. Als mit der Politik sehr gut verdrahtet gilt auch der Bundesverband Erneuerbare Energien, ebenso der Bauernverband. Diese Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen, aber eben nur beinahe: Denn für die schon seit Jahren besonders in Frankfurt wachstumsstarke Branche der Betreiber von Rechenzentren gibt es keine Interessenvertretung.

Dies will Harry Schnabel ändern. Der Datacenter-Planer und Inhaber einer Beratungsfirma in Frankfurt hat für diesen Donnerstag zu einer Auftaktveranstaltung nach Gravenbruch eingeladen und 40 Zusagen von Firmen, außer Rechenzentrums-Betreibern auch Großunternehmen wie die Lufthansa und Hyundai. Schnabel ist nach seinen Worten seit 45 Jahren im Geschäft und hat rund 100 Datacenter geplant.

Kaum Gäste in Datacentern

Ganz nüchtern betrachtet, könnten die Datacenter einen Interessenverband gut gebrauchen. Denn Branchenvertreter am Main sagen immer wieder, ihre Stimme werde von den etablierten Verbänden, die für die digitale Wirtschaft sprächen, nicht hinreichend gehört. Und von der Politik in Berlin ohnehin nicht. So fühlen sie sich zum Beispiel mit ihrer Klage über hohe Strompreise nicht ernst genommen.

Obwohl Strom bei ihnen etwa 40 Prozent der Wertschöpfung ausmacht, müssen sie die volle EEG-Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien zahlen – anders als beispielsweise Stahlkocher, bei denen Strom keine 20 Prozent der Wertschöpfung ausmacht. Daraus folgt ein klarer Kostennachteil im internationalen Standortwettbewerb: Strom kostet in Frankreich halb so viel wie in Frankfurt.

Dabei liefe in der Wirtschaft wie im Privatleben ohne diese Anbieter digitaler Infrastruktur kaum noch etwas. Allerdings sehen Datacenter-Firmen auch am Main ihre Bedeutung nicht genug gewürdigt – trotz Millioneninvestitionen, von denen auch regionale Handwerker profitieren. Nicht nur Schnabel meint, sie seien in der Stadt nicht ausreichend verankert. Ihre Riege gilt, wie ein ehemaliger Chef des Betreibers Interxion einmal formulierte, als Vertreter einer Soda-Infrastruktur – als Wirtschaftszweig, der weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit „halt so da“ sei. Das liegt wohl auch an dem Umstand, dass Rechenzentrumsbetreiber selten Gäste in die gut bewachten Datacenter lassen, doch die Kunden wollen es so.

Lufthansa und Autobauer

Zudem versteht längst nicht jeder ihr Geschäftsmodell, obwohl das nicht so schwer ist: Anbieter von Colocation vermieten Flächen an Kunden, die ihre Hochleistungsrechner aufstellen, und gewährleisten rund um die Uhr unterbrechungsfreie Stromzufuhr, Kühlung und Sicherheit. Die Kunden sind Banken, Internet-Provider, Anbieter von Online-Spielen, der Betreiber des in Frankfurt ansässigen weltgrößten Internetknotens De-Cix, Handelsunternehmen, Biotech-Firmen, Technologiekonzerne, Hochschulen und Mittelständler aller Art.

Das spiegelt sich auch in der Liste der Unternehmen wider, die Schnabel ihr Erscheinen zugesagt haben. Außer der Lufthansa und Autobauer Hyundai sind das etwa die Colocation-Anbieter Interxion, E-Shelter, Maincubes und Global Switch aus Frankfurt. Ihr Konkurrent Equinix will direkt mit Schnabel reden. Beide Seiten kennen sich gut: Schnabel hat schon für einen Standort von Equinix am Main gearbeitet.

Quelle: F.A.Z.
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