Bestattungen

Letzte Ruhe unter Baumriesen

Von Holger Dell
 - 14:30

Mitten im Wald taucht das Ziel nach einem kurzen Spaziergang auf. Ein mächtiges Holzkreuz von mehr als drei Metern Höhe, das sich über einem Steinhaufen erhebt, markiert den Ort. Es ist ein 140 Jahre alter, lichter Buchenforst, dazwischen einige Eichen, am Rande die Stümpfe einiger abgebrochenen Baumriesen, Opfer des Sturms Kyrill.

Schmale weiße und grüne Plastikbänder umspannen die Baumstämme der Umgebung, an vielen hängen schwarze Täfelchen. Sie tragen Nummern, etliche auch Namen von Toten und deren Geburts- und Sterbedaten. Auf dem Waldboden deutet aber nichts darauf hin, dass es sich um die letzte Ruhestätte von Menschen handelt.

Das Thema Tod bewegt

Erstaunlich viele Menschen, an die 50, überwiegend ältere, sind zum Teil von weither in den tiefen Spessart angereist, von Frankfurt, Hanau, dem Aschaffenburger und Fuldaer Raum, um am frühen Sonntagmorgen Förster Peter Mang und Ulrike Büdinger von der Gemeinde Flörsbachtal zu dem 550 Meter hoch gelegenen Waldstück kurz vor dem Gipfel des höchsten Berges im hessischen Spessart, der Hermannskoppe, zu begleiten. Jeden Monat einmal sonntags finden solche Führungen statt, und stets kommen 30 und mehr Interessierte.

Die Leute sind wissbegierig. Das Thema Tod bewegt, und sie wollen viel über die neue, mancherorts umstrittene Bestattungskultur im Wald erfahren, bei der, wie hier, die Asche der Toten in einer biologisch abbaubaren Urne zwischen den Wurzeln der Bäume beigesetzt wird. Kein Grab ist markiert, keine steinerne Einfriedung, kein Gedenkstein zeigt die genaue Lage. Etwa drei Meter vom Stamm entfernt wird die Urne in den Boden eingelassen, hören die Besucher von Förster Mang. Das Behältnis aus Stärke werde sich in wenigen Monaten zersetzt haben. Dennoch wird in den Akten auf den Zentimeter genau festgehalten, wo der Tote bestattet wurde.

Das Areal an der hessisch-bayerischen Grenze, nur wenige hundert Meter vom Ausflugslokal „Bayerische Schanz“ entfernt, nennt sich Ruheforst Flörsbachtal. Kein Flugzeug- oder Autolärm dringt dorthin. Totenstille oder Friedhofsstimmung herrscht aber beileibe nicht. „Dies ist kein trauriger Ort, sondern ein belebter“, stellt Mang klar. Menschen besuchen ihn, oder Wanderer gehen hindurch, Angehörige, Freunde der Bestatteten gedenken der Toten, manche spielen ein Instrument oder singen. In der Dämmerung und in der Nacht kommen die Tiere des Waldes, und da kann es sogar schon einmal passieren, dass Wildschweine den Boden umwälzen. „Wie tief befinden sich die Urnen in der Erde?“, fragt einer der Umstehenden den Förster. „Einen Meter“, nimmt Mang ihm die Sorge, die Tiere könnten die Asche ans Tageslicht holen. So tief durchwühlen sie nicht den Boden.

Grabstätte für mehrere Generationen

Vor gut einem Jahr hat Flörsbachtal, mit 2550 Einwohnern die kleinste Gemeinde im Main-Kinzig-Kreis, den in Zusammenarbeit mit der Firma Ruheforst GmbH entstandenen Waldbestattungsplatz für die Dauer von 99 Jahren seiner Bestimmung übergeben. So merkwürdig das klingt – ein ungeahnter „Ansturm“ auf die Begräbnisstätten hat eingesetzt. 53 Tote wurden schon beigesetzt, die wenigsten aus der Gemeinde selbst, viele aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet und weit darüber hinaus, zum Bespiel Menschen aus dem Ruhrpott und Düsseldorf, die diese Gegend im Urlaub liebgewonnen hatten. Wer will, kann sich seine letzte Ruhestätte selbst zu Lebzeiten auswählen und sie erwerben. Das haben bereits so viele getan, dass viele der im ersten, zwei Hektar großen Abschnitt für Bestattungen ausgewiesenen Bäume schon vergeben sind und die Gemeinde die Erschließung eines weiteren Abschnitts in Auftrag geben musste.

Bis zum Jahr 2105 steht das im Endstadium insgesamt zwölf Hektar große Waldgebiet, davon sieben Hektar alter Buchenbestand, unter Schutz, wird die letzte Ruhestätte der Toten nicht gestört. Das bedeutet, zumindest bis ins nächste Jahrhundert bewirtschaften die Förster das Areal naturnah. Sie verzichten auf Kahlschläge, setzen keine Chemie ein, erhalten, wenn keine Gefahr droht, auch totes Holz, und nehmen ansonsten nur unbedingt notwendige Pflegeeingriffe vor. So können sich auch jüngere Laubbäume in der Gesellschaft vieler majestätisch in den Himmel ragenden Buchen und Eichen zu Baumriesen und die älteren zu Baumgreisen entwickeln.

Die Asche von zwölf Toten kann rund um einen Baum beigesetzt werden. Jeder Baum bildet ein sogenanntes Ruhebiotop. Es werden zwei Arten unterschieden. Bei einem Gemeinschaftsbiotop können ein oder mehrere einzelne Grabstätten (von 500 Euro an) erworben werden. Bei einem Familienbiotop erwirbt man alle zwölf Grabstätten zusammen (von 2650 Euro an) und besitzt somit einen eigenen Baum, dessen Grabstätten über mehrere Generationen genutzt werden können.

Protest aus dem Bistum Würzburg

Drei Ruheforste sind in den vergangenen zwei Jahren in Hessen entstanden, in Bad Arolsen, Erbach und Flörsbachtal. Ein zweites Unternehmen, das ebenfalls bundesweit mit einem ähnlichen Konzept Waldbestattungen in Zusammenarbeit mit den Kommunen ermöglicht, ist die Friedwald GmbH. So wurde erst vor wenigen Tagen in Gelnhausen-Meerholz der fünfte hessische Friedwald in Betrieb genommen, so dass im Main-Kinzig-Kreis bereits zwei Waldbestattungsplätze bestehen. Friedwälder gibt es außerdem im Odenwald bei Michelstadt, in Lauterbach, in Weilrod und im Reinhardswald. In ganz Deutschland existieren Ruheforste an 26 Orten, Friedwälder an 21.

Während evangelische Theologen zum Teil offen für die neue Bestattungskultur eintreten, tut sich die katholische Kirche schwerer damit, befürchtet unter anderem, dass der Tod und die Toten aus der Welt der Lebenden ausgegrenzt und faktisch unsichtbar werden. Blumen, Kerzen, Monumente fehlten als Zeichen der Verbundenheit für Trauernde. Insbesondere alten Menschen verwehre der weite Weg zum Friedwald oder Ruheforst den Grabbesuch und das Totengedenken. In Flörsbachtal mussten sich die Kommunalpolitiker anfänglich mit Protest aus dem nahen Bistum Würzburg auseinandersetzen. Katholische Theologen stört beim Friedwald, dass der Begründer der Idee, der Schweizer Ueli Sauter, eine naturreligiöse Vorstellung vertrete. Nach Ansicht der deutschen Bischöfe begünstigen die Grundgestalt dieser Bestattungsform und ihre Rahmenbedingungen eine Interpretation, die kaum mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren sei.

Büdinger und Mang verweisen darauf, dass der Ruheforst gewohnten christlichen Beerdigungszeremonien nicht entgegenstehe, sondern die Zusammenarbeit mit den Kirchen suche. Es sei gewünscht, wenn auch nicht Verpflichtung, Trauerfeiern in den Gemeinden abzuhalten, wo der Verstorbene gelebt habe. Die Beisetzung der Urne werde meist später, wie es auch auf Fried- und Kirchhöfen oft der Fall sei, im engen Familien- oder Freundeskreis vorgenommen, in der Regel mit den Segnungen eines Geistlichen.

Urnenbestattungen nehmen zu

So ist die evangelische Pfarrerin Geske Ballhorn aus Flörsbachtal häufig gefordert. Sie sieht im Ruheforst eine zeitgemäße Ergänzung althergebrachter Begräbniskultur. Er komme vor allem jenen Angehörigen und Freunden entgegen, die weit weg vom Verstorbenen wohnten, das Grab nicht pflegen könnten und den Toten trotzdem an einem festen Ort gut aufgehoben haben wollten, den sie stets besuchen könnten.

Mang hält die Waldbestattung für einen besseren Weg als die anonyme Beerdigung auf dem Friedhof, die immer mehr alte Menschen gewählt hätten, um ihren Nachfahren die Grabpflege und die hohen Grabkosten bei kürzer werdenden Liegezeiten zu ersparen, sie vom Zwang am „Wettrüsten“ auf den Friedhöfen zu befreien. Vorbehalte hätten die Leute allenfalls wegen der Totenverbrennung. Aber auch auf Friedhöfen nehme der Anteil der Urnenbestattungen seit Jahren zu. Das Ruhebiotop ist für Mang wie für die Pfarrerin denn ein durchaus geeigneter Ort des Trauerns.

Am Totensonntag, 25. November, findet wieder eine Führung zum Ruheforst statt. Treffpunkt für Interessenten ist um 13.30 Uhr am Parkplatz Hermannskoppe zwischen Lohrhaupten und der „Bayerischen Schanz“. Um 15 Uhr hält Pfarrerin Geske Ballhorn im Ruheforst eine Andacht.

Quelle: F.A.Z.
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