Frankfurt und Offenbach

„Ein Kennzeichen für Frankfurt und Offenbach“

Von Jochen Remmert
 - 17:26

„Frankfurt wächst in Offenbach“, verkündet Frank Albrecht und lächelt. Der Parfümerie-Seniorchef aus der Frankfurter Goethestraße, der seit vierzig Jahren in Offenbach-Bieber lebt, liebt es, mit pointierten Äußerungen zu verblüffen. Natürlich wachse seine Geburtstadt nicht nur in Offenbach, aber gerade auch dort, fügt er hinzu und verweist auf die Hafeninsel und das neu gestaltete Areal drumherum.

Diese Entwicklung sei auch gut so, denn eigentlich handele es sich ohnehin nur um Teile einer großen Stadt, zu der man im Grunde auch Eschborn zählen müsse. Echte Animositäten zwischen Frankfurt und Offenbach gebe es nicht, sagt der Mann, der viele Jahre für den Frankfurter und den hessischen Einzelhandel insgesamt stand. Derlei werde nur von wenigen Interessierten in einzelnen Medien gepflegt, um sich selbst als Wächter der lokalen Interessen zu gerieren. Das sei Frankfurtern wie Offenbachern aber eigentlich vollkommen egal, zeigt er sich sicher: „Es ist entscheidend, wie es den Menschen geht. Sie interessiert, ob sie einen guten Arbeitsplatz haben, eine Wohnung und ob sie sich wohl fühlen. Dafür muss man sorgen, mehr kann und muss man nicht tun“, sagt Albrecht.

Darin sieht er auch den entscheidenden Punkt, wenn es darum geht, die Offenbacher Innenstadt aufzuwerten und hochwertigeren Einzelhandel anzusiedeln, wie es der Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) erreichen möchte. Albrecht, der Schwenke bei der Direktwahl unterstützte, findet den Vorsatz richtig, warnt aber davor, dass Wollen allein nicht funktioniere. „Wir müssen immer auch im Blick haben, was die Menschen können.“ Deshalb funktioniere die Aufwertung nur, wenn möglichst viele Offenbacher möglichst gut bezahlte Arbeitsplätze hätten.

Doch derzeit liegt die einzelhandelsrelevante Kaufkraft in der Stadt Offenbach mit rund 6400 Euro je Einwohner um 1000 Euro niedriger als die im Kreis Offenbach und rund 500 Euro unter dem hessischen Durchschnitt. Auch Albrechts Freund Schwenke weiß, dass eine Steigerung nur gelingen kann, wenn er es schafft, neue Unternehmen mit entsprechenden Arbeitsplätzen in Offenbach anzusiedeln, was er auch als zentrales Ziel seiner Arbeit postuliert hat. Albrecht kann sich allerdings auch vorstellen, dass die Frankfurter öfter nach Offenbach zum Einkaufen kommen, wenn sie nur wüssten, „welche Perlen kleiner Einzelhandelsgeschäfte es hier gibt, die in Frankfurt längst verschwunden sind“.

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Ginge es nach ihm, hätte Offenbach unter dem über die Stadtgrenzen hinaus beliebten Wilhelmsplatz eine Tiefgarage, um Shopping-Pendlern den Einkauf einfacher zu machen. Vor dem Ledermuseum würde er außerdem eine historisierende Trinkhalle setzen und die alte Kaiser-Friedrich-Quelle reanimieren, um Touristen eine zusätzliche Attraktion zu bieten. Die anerkannte Heilquelle wurde 1996 stillgelegt, der Namen ging an die Hassia Gruppe in Bad Vilbel. Die Neugestaltung des Offenbacher Marktplatzes, der durch Straßen zerschnitten und nicht mehr als Platz zu erkennen ist, würde Albrecht mit dem früheren Wahrzeichen bereichern. Er würde dem geschundenen Platz den schönen alten Uhrturm zurückgeben, der ihn einst unverwechselbar gemacht habe. „Das wäre ein wichtiger Identifikationspunkt“, sagt Albrecht und zeigt sich überzeugt, dass man das nötige Geld auch bei solventen Offenbachern auftreiben könnte.

Dem erfolgreichen Unternehmer, inzwischen 75 Jahre alt, macht es wie eh und je sichtlich Freude, mutige bis verwegene Perspektiven zu entwickeln. So schlägt er vor, die Nachbarn Offenbach und Frankfurt sollten so „viele Funktionen“ wie möglich fusionieren, ohne die lokale Identität zu verschütten. Im Grunde hätten schon die Offenbacher Oberbürgermeister Gerhardt Grandke und sein Nachfolger Horst Schneider (beide SPD) eine intensive Kooperation mit dem großen Nachbarn zum Wohl der Bürger vorbildlich verfolgt. Schwenke werde diesen Weg weitergehen, ist sich Albrecht sicher, der seit vielen Jahrzehnten Mitglied der CDU ist. „Man könnte sich doch beispielsweise auch auf ein gemeinsames Autokennzeichen einigen“, sagt er, wohl wissend, dass er mit derlei Gedankenspielen hüben wie drüben für Aufregung sorgt.

Das hat Albrecht auch schon früher gern getan – Bewegung und kreative Unruhe provoziert. Und er hat so manches Projekt mit schier unerschöpflicher Energie vorangetrieben, das längst Realität geworden ist und mit dem sich heute auch andere gerne schmücken, die manchen Vorschlag Albrechts zunächst belächelten.

Da ist etwa die Tiefgarage am Frankfurter Goetheplatz. „Die geht auf meine Initiative zurück. Und von der früheren Parkplatznot in der Innenstadt ist inzwischen nicht mehr die Rede, es hat also funktioniert“, sagt er. Und tatsächlich hat seinerzeit niemand intensiver dafür plädiert, die Innenstadt Frankfurts durch mehr Parkraum weiterhin für Autofahrer zugänglich zu machen – um den Innerstädtischen Einzelhandel auch abseits der Goethestraße überlebensfähig zu halten. Entsprechend wenig hält Albrecht denn auch von dem Entschluss, Teile des Mainufers für den Verkehr zu sperren. Der Infarkt auf den anderen Straßen sei programmiert, befürchtet er.

Keine Frage, Albrechts Lebensmittelpunkt liegt nach wie vor, ungeachtet seines Offenbacher Domizils, in Frankfurt, wo seine Parfümerie inzwischen außer an der Goethestraße noch Standorte an der Freßgass’ und im My-Zeil Einkaufszentrum auf der Zeil hat. Seine drei Söhne arbeiten mit im Geschäft.

Dass Albrecht sich immer als Frankfurter mit Wohnsitz im Stadtteil Offenbach begriffen hat, schlägt sich auch in den zahlreichen Ämtern und Ehrenämter nieder, die der Träger des Bundesverdienstkreuzes viele Jahre inne hatte und zum Teil noch hat. So war er fast zwei Jahrzehnte Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt, außerdem Vorstandsmitglied des Handelsverbands Deutschland und Mitglied des Präsidiums der Vereinigung Hessischer Unternehmerverbände.

Albrecht hätte gewiss einen Ruf erhört, der ihn zum Präsidenten der Frankfurter IHK hätte machen wollen. Doch die Widerstände in der Kammer waren zu groß – ungeachtet seiner nicht zu bestreitenden großen Verdienste um die Entwicklung der Stadt und des innerstädtischen Handels. Immerhin konnte bei Albrecht niemand daran zweifeln, dass seine unternehmerische Tätigkeit eindeutig im Kammerbezirk der IHK Frankfurt lag, wie es die entsprechenden Regelungen verlangen. Bis 2012 war Frank Albrecht unter anderem auch Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, den Frankfurter Einzelhändlern stand er ebenfalls vor als schier unermüdlicher Streiter für den kleinteiligen, bunten Einzelhandel. Mit demselben Eifer kämpfte er aber auch gegen Einkaufszentren abseits der Frankfurter Innenstadt, beispielsweise gegen das Skyline Plaza an der Messe. Er habe immer gesagt, dass das schwierig werde, sagt er – und er habe recht behalten.

2011 hat Albrecht alle Ämter im Einzelhandel niedergelegt, nachdem es heftige Auseinandersetzungen um eine mögliche Ablösung gegeben hatte. Hinter den Kulissen ging es damals nicht zuletzt um die unterschiedlichen Interessen des inhabergeführten Einzelhandels auf der einen und der Kaufhäuser auf der anderen Seite. Albrecht kämpfte für eine allenfalls moderate Ausweitung der Ladenschlusszeiten, vor allem Galeria Kaufhof hingegen für eine deutliche Ausweitung, um dem Online-Handel besser Paroli bieten zu können. Letzteres stellte sich wohl eher als Trugschluss heraus. Jedenfalls geht es dem Warenhauskonzern so schlecht, dass mit Gewerkschaften über ein Sanierungstarifvertrag verhandelt wird.

Albrecht hat nach seinen Worten mit diesen Konflikten abgeschlossen. Doch er stellt mit großer Sorge fest, dass der Frankfurter Einzelhandel praktisch keine Stimme mehr habe. Auch gebe es ein Stadtmarketing, wie er es gemeinsam mit anderen im City-Forum-Pro-Frankfurt einst auf den Weg gebracht hatte, zurzeit kaum mehr.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Remmert
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.
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