Totes Ehepaar in Maintal

Zurück auf Los: Mord oder Notwehr?

Von Luise Glaser-Lotz, Hanau
 - 10:36

Da sitzen sie sich also wieder gegenüber: auf der einen Seite die beiden Männer, die am 6. Juni 2014 ein 57 Jahre altes Ehepaar auf einem Reiterhof in Maintal töteten, auf der anderen die Tochter der beiden Toten an der Seite ihres Anwalts. Die Tränen der jungen Frau und der Tumult in der Zuhörerschaft bei der Verkündung des Freispruchs im August 2015 sind Geschichte. Heute verhalten sich die ohnehin stets zurückhaltend wirkenden Angeklagten, Vater und Sohn, betont ruhig, was auch für die Nebenklägerin gilt. Bemüht vermeiden sie jeden Blickkontakt.

Dass die heute 63 und 33 Jahre alten Angeklagten Klaus-Dieter B. und Claus Pierre B. das Ehepaar Harry und Sieglinde Klock töteten, war beim ersten Prozess unstrittig und ist es nach wie vor. Doch die Zweifel, ob die beiden Männer tatsächlich aus Notwehr handelten, sind so präsent wie vor gut zwei Jahren. Das Landgericht Hanau unter dem Vorsitzenden Richter Peter Grasmück entschied damals im Sinne der Angeklagten. Da es keine direkten Zeugen gab und das Gericht keine überzeugenden Indizien für den von der Staatsanwaltschaft angenommenen „Mord und Totschlag“ fand, entschied es nach der Maxime „im Zweifelsfall für die Angeklagten“ und erkannte auf Notwehr.

BGH kippte das Urteil

Das mochten weder die Staatsanwaltschaft noch die Nebenkläger so stehen lassen und gingen in Revision. Der Bundesgerichtshof kippte das Urteil und verwies die Sache zurück an das Hanauer Gericht. Gestern war es dann soweit. Im gleichen Saal wie im Sommer 2015 fand sich ein Großteil der damaligen Akteure wieder zusammen. Allerdings steht die Verhandlung jetzt unter der Regie einer neuen Vorsitzenden: Gerichtspräsidentin Susanne Wetzel führt nun das Verfahren.

„Es ist, wie wenn man bei einem technischen Gerät auf den Resetknopf drückt. Alles wird gelöscht und fängt von vorne an“, sagt sie zum Einstieg. Das stimmt jedoch nur zum Teil. So können die Verteidiger zu den seinerzeit schon vorgetragenen Aussagen ihrer Mandanten zurückgreifen, auch die Anklageschrift der ersten Instanz ist noch relevant. Und die Richterin hat eine weitere Aufgabe. Dieses Mal muss alles stimmen im Ablauf der Verhandlung. Vor allem muss sichergestellt werden, dass alles akribisch zu den Akten gelegt wird. Es seien „Einlassungen“ der Angeklagten nicht ausreichend dokumentiert worden, hatte der Bundesgerichtshof beanstandet. Überdies habe es Lücken in der Beweisführung gegeben, die Gesamtwürdigung der Beweise sei mangelhaft gewesen, zitiert Wetzel gestern aus der Begründung des Bundesgerichtshofs. Es sei nicht auszuschließen, dass das Gericht zu einer anderen Einschätzung des Geschehens gekommen wäre, wenn es diese Mängel nicht gegeben hätte, befand der Bundesgerichtshof.

Sachlicher Verlauf könnte abermals schwierig werden

Das soll sich nicht wiederholen. Außerdem wünscht sich die Richterin einen sachlichen Verlauf, ohne die emotionalen Ausbrüche der ersten Runde. Das könnte schwierig werden, denn abermals werden gravierende Vorwürfe auf den Tisch kommen, nicht nur gegen die Angeklagten, sondern auch gegen die Opfer. Im ersten Prozess hatten die Verteidiger ein Bild des Ehepaars gezeichnet, das unsympathisch zu nennen eine große Untertreibung wäre. Gestern wendet der Verteidiger des jüngeren Angeklagten Claus-Pierre abermals viel Zeit darauf, einen langen Leidensweg von Vater und Sohn zu schildern, auf Hunderten Seiten aufgeschrieben von seinem Mandanten.

Die Angeklagten, die zur Untermiete auf dem heruntergekommenen Pferdehof wohnten und Tiere hielten, seien von ihren Vermietern, dem Ehepaar Klock, lange Zeit drangsaliert, bedroht und misshandelt worden, hieß es. Dabei befand sich das Areal erwiesener Maßen gar nicht im Besitz der Klocks, sie hatten es selbst nur gemietet und die B.s unter der Hand als Untermieter dort wohnen lassen. In dem Text ist zudem die Rede von Drogendelikten der Klocks, unverantwortlichem Umgang mit Kampfhunden auf dem Gelände und Morddrohungen gegen Vater und Sohn B., die sich finanziell mit Gelegenheitsarbeiten mehr schlecht als recht über Wasser hielten.

Streit um Geld und Miete

Der Streit um Geld, vor allem um die Miete, war dann am 6. Juni 2014 eskaliert. Nach den Schilderungen des jüngeren Angeklagten ging Harry Klock mit einem Messer auf ihn los. Er habe es ihm entrissen und in Notwehr zugestochen. Als die Ehefrau ihrem Mann habe helfen wollen und gerade mit einem Beil habe zuschlagen wollen, sei Vater B. hinzugekommen und habe die Frau erschossen, um seinen Sohn zu retten. In Rage habe dieser weiter auf den schon toten Harry Klock eingestochen, 17 Messerstiche wies die Leiche auf.

Danach gingen Vater und Sohn recht planvoll vor. Laut Anklageschrift versteckten sie die Leichen zunächst unter einem Sandberg, warfen die Waffen in den Main und stellten das Auto der Klocks auf einem Supermarktparkplatz ab. In der Nacht ließen sie die Leichen in einer Jauchegrube verschwinden. Erst als Monate später der Beweisdruck gegen die beiden Angeklagten zu groß geworden war, führten sie die Polizei zu dem Versteck. In acht weiteren Verhandlungsterminen bis zum 18. Dezember wird das Geschehen nun abermals vom Gericht zu beleuchten sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Glaser-Lotz, Luise (lu.)
Luise Glaser-Lotz
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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