Kommentar zur „Hessen-Woche“

Grau in hundert Schattierungen

Von Matthias Alexander
 - 12:19

Sicher, es war ein schöner Tag gestern in Frankfurt. Mittags kam die Sonne raus. Dass sich mit diesem Intermezzo die Sonnenscheinstunden seit Weihnachten verdreifacht haben, sagt aber schon alles aus über die derzeit vorherrschende Wetterfarbe, von der sie im Radio jetzt immer reden: Grau. Wobei das ein wenig zu pauschal formuliert ist. Das graue Grauen kennt ja durchaus Zwischentöne, Nassgrau zum Beispiel, Dunkelgrau und Fahlgrau.

Die Eskimos – es muss in grauer Gutmenschensprache wohl Inuit heißen – hätten hundert Worte für Schnee, heißt es. Da müsste es ein Leichtes für Hessen sein, sich hundert Synonyme für Grau auszudenken. Vielleicht sollte das Kultusministerium in Wiesbaden einmal einen Sprachwettbewerb ausschreiben.

Grausam lange, nasskalte Wochen

Die Schüler im Lande hätten jedenfalls genug Zeit, sich ihre Gedanken zu machen, während sie traurig aus dem Fenster in den grauen Himmel schauen. Dank der „Hessen-Woche“ ziehen sich die Weihnachtsferien hierzulande drei grausam lange, nasskalte Wochen hin, zumindest für jene, die nicht in der privilegierten Position sind, mit ihren Eltern in die Skiferien zu fahren und einige schneeweiße Tage zu verbringen, die in dieser Woche ein paar Euro günstiger kommen als zur Hauptsaison.

Wer als Vater oder Mutter ein zu betreuendes Kind daheim hat, muss sich jetzt Urlaubstage nehmen und mit den Kleinen gemeinsam Grausal blasen. Man ist ja ohnehin in der Übung, im Herbst waren bei früh einbrechender Grauheit auch schon zwei Wochen abzudecken. Und weil Ostern früh liegt, sieht es so aus, dass die nächsten Urlaubswochen auch wieder Grau tragen werden.

Das Kind längst aus dem Haus

Muss das so sein? In anderen Bundesländern gibt es Pfingstferien. Allein das Wort klingt schon verheißungsvoll nach Frühsommer. Dann hat man reelle Chancen, seinen Urlaub in Licht und Sonne zu verbringen, ohne Fernreisender werden zu müssen. In anderen Staaten kennt man sogar längere Sommerferien, in denen sich das Leben ausgiebig feiern lässt.

Aber wir leben ja in Hessen. Und in Hessen liebt die Schulpolitik das Grau. Es drängt sich der Verdacht aus, dass alle Kultusminister Skifahrer waren und sind und die „Hessen-Woche“ außerhalb ihres Landes verbringen. Wir persönlich werden unsere Wahlentscheidung von dem Versprechen abhängig machen, dass das nächste zuständige Kabinettsmitglied mit Skifahren nichts am Hut hat. Das würde uns persönlich übrigens nichts mehr nutzen, denn bis die Ferienregelungen zwischen den Bundesländern neu ausgehandelt sind, ist das Kind längst aus dem Haus.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Alexander - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Alexander
Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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