App zu Autor Peter Kurzeck

Im Dorf seiner Kindheit

Von Wolfram Ahlers
 - 05:55

„Das Dorf meiner Kindheit ist Staufenberg. Als wir dort hinkamen, war das ein sehr kleiner Ort, den man nur über Feldwege und eine Schotterstraße, eine eigentlich mürrische Schotterstraße, erreichen konnte. Es war einerseits winzig klein, aber es war auch sehr schön. Es war ein Ort, in dem man nicht nur jeden Menschen, sondern auch jede Kuh und jede Ziege und die Hunde sowieso und die Katzen, wo man alles kannte, man wusste, welche Hühner jeder hat, wusste, der schönste Hahn im Dorf gehört dem Gastwirt Zecher, der Keuler Heinrich genannt wurde, der Keuler Heinrich zwo.“ Für Peter Kurzeck, einer der bedeutenden deutschen Gegenwartsliteraten, war die kleine, gut 8000 Einwohner zählende Stadt nördlich von Gießen eine Größe in seinem Werk.

Dort hatte der vor rund vier Jahren verstorbene Autor seine Kindheit und Jugend verbracht. Staufenberg und seine Menschen, von denen er, wie er einmal sagte, „leben gelernt hatte“, war ihm stets Fixpunkt seiner Erinnerungen und ein Zentrum seines Schaffens. So wie in seiner Erzählung „Ein Sommer, der bleibt“.

Schauplätze von Kurzecks Jugend

Mit an die 2000 Seiten Text aus Romanen und Erzählungen und mehr als fünf Stunden mündlich dargebrachtem Werk bedachte Kurzeck den Ort und seine Bewohner, die ihn und seine Familie nach der Vertreibung aus dem Sudetenland 1946 aufgenommen hatten. Und: In seinen letzten Lebensjahren kehrte Kurzeck immer häufiger nach Staufenberg zurück, erzählte auf Spaziergängen durch den Ort.

Alte Freunde von ihm setzten das fort, führten eine stetig wachsende Zahl von Besuchern zu den Schauplätzen von Kurzecks Jugend, lasen dort Textstellen aus dessen Werk und ergänzten diese mit eigenen Erinnerungen. Aus dem Wunsch, diese Tradition weiterzuführen und Staufenberg für noch mehr Menschen auf den Spuren Kurzecks zu erschließen, entstand die Idee für einen literarischen Rundweg. Mit Hilfe einer kürzlich fertiggestellten App können Spaziergänger vieles aus dem Werk Kurzecks an Ort und Stelle mit dem Smartphone oder per Tablet erkunden, neu oder auch wiederentdecken.

Das Projekt ist eine Gemeinschaftsaktion. Im Auftrag der Stadt Staufenberg, die sich von der Kurzeck-App mehr Besucher in dem ansonsten vom Fremdenverkehr eher am Rand tangierten Ort verspricht, entwickelten der Germanist Jörg Döring von der Universität Siegen und der Staufenberger Lokalhistoriker Volker Hess, der am Zentrum für Informations- und Medientechnologie der Universität Siegen tätig ist, den multimedialen Wanderweg. Unterstützt wurden die beiden von Institutionen wie der Staufenberger Heimatvereinigung, der Peter-Kurzeck-Gesellschaft und der Wirtschafts- und Tourismusförderung des Kreises Gießen, dem Verein Region Gießener Land. Die Sparkassenstiftung beteiligte sich finanziell, zudem gab es Geld aus dem Fördertopf der Europäischen Union für die Entwicklung ländlicher Regionen.

Präsentationen bedeutender Persönlichkeiten

Die App wendet sich nach Angaben von Hess nicht nur an Literaturfreunde, die mit dem Werk Kurzecks mehr oder weniger vertraut sind. Es soll insbesondere auch Schüler und deren Deutsch- und Geschichtslehrer sowie Studenten ansprechen, die sich mit neuen Formen von Präsentationen bedeutender Persönlichkeiten und Orte beschäftigen und sich dafür Anregungen holen wollen.

Wer mit dem Smartphone unterwegs ist und sich über GPS orten lässt, kann von seinem Standort aus in und um den alten Ortskern Staufenbergs ein Dutzend Stationen ansteuern. Wobei sich beim Blick auf eine alte Karte aus dem Jahr 1946 und einen aktuellen Stadtplan auch gleich erkennen lässt, was sich in der Kommune im Laufe der Jahrzehnte verändert hat und was sich noch heute so vorfindet, wie es zu Zeiten von Kurzeck war.

Auch die besten Ausgangspunkte für die Tour liefert der Webauftritt mit, also Orte, mit denen Kurzeck sich besonders verbunden fühlte. Etwa die wegen ihrer charakteristischen Fassade sogenannte Rote Schule: „Unterricht fand alle Tage auf Hessisch statt; doch wenn Schüler und Lehrer sich mal an mich wandten, gaben sie sich stets ehrlich große Mühe, Hochdeutsch zu sprechen“, erinnerte sich der Literat an die nachsichtige Aufnahme des Mitschülers, den das Schicksal von weit her in die mittelhessische Provinz getragen hatte. Oder das Odenhäuser Kreuz: „War nicht eh und je bei den Wegweisern hier ein Stein? Groß wie ein Sessel. Wie zwei Sessel nebeneinander. Ein großer Stein mit zwei Fußabdrücken. Überlebensgroß ein Menschenfuß und ein Pferdefuß. Nach jedem Regen voll Wasser. Der Teufelsfuß hieß dieser Stein. War immer hier. In allen Dörfern im Umkreis hat jeder den Stein gekannt. Hellbraun und glatt wie ein Riesenkiesel aus einem Märchenbuch. Als Kind rennt man hin und muss gleich hinaufsteigen“, beschreibt Kurzeck den Platz, an dem heute eine Schnellstraße abzweigt.

An diesen und den anderen Stationen kann der Literaturwanderer aus Kurzecks Werk lesen oder sich vorlesen lassen. Dazu kommen Zeitzeugen und Weggefährten in Ton- und Filmdokumenten zu Wort, die ihre eigenen Geschichten wiedergeben als eine Art Dialog zwischen Kurzecks Literatur und dem realen Staufenberg. Als Wegweiser fungiert eine Amsel – eines der Leitmotive in Kurzecks Werk und daher Symbol dieses Rundgangs, der nach dem Wunsch der Initiatoren noch um weitere Schauplätze erweitert werden soll. Aufzurufen ist er unter https://peter-kurzecks-wege.de.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ahlers Wolfram (was.)
Wolfram Ahlers
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.
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