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In Gernsheim andocken zum Transport nach China

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Ruhig fließt der Rhein an Gernsheim vorbei. Gemächlichkeit strahlt auch der zerzauste Mann aus, der mit blankem Oberkörper das Wappen seines Schiffes, der "Ambrosa", schrubbt. "Rotterdam" steht an der linken Bordseite geschrieben - auf den ersten Blick könnte es sich um einen Ferientag auf einem holländischen Hausboot handeln. Aber der Kahn zieht sich über mehrere Meter in die Länge, und am Heck offenbart sich industrielle Geschäftigkeit. Von dort her weht der Getreidegeruch, der am ganzen Hafenbecken 2 in der Luft liegt: Die "Ambrosa" hat Gerste geladen, die ein dünner Schlauch automatisch einsaugt und zu den Förderbändern der Gernsheimer Malzfabriken weiterleitet. Derweil kann sich der Schiffer in aller Ruhe der Bootspflege widmen.

Nur scheinbar gemütlich geht es zu im kleinen Gewerbehafen am Rhein. Zwar liegt der Trubel europäischer Welthäfen wie Rotterdam oder Antwerpen Hunderte Kilometer rheinabwärts. Aber dennoch kann Gunther Drumm, Mitgeschäftsführer der Firmengruppe Waibel, stolz ein vielzitiertes Bild benützen: "Wir haben den Hafen aus seinem Dornröschenschlaf erweckt." Jahrelang entwickelte sich der 1899 eröffnete Hafen nicht mehr weiter. Mit der Kohle hatte auch sein regionaler Umschlagplatz an Bedeutung eingebüßt. Ein Konzept, wie man in der Konkurrenz mit den größeren Rheinhäfen eine Nische finden könnte, existierte nicht. Bis 1990 die Waibel KG 80 Prozent der Anteile der "Gernsheimer Hafenbetriebsgesellschaft" übernahm, das Gelände entrümpelte und dem träge gewordenen Ort neues Leben einhauchte. Die weiteren Teilhaber sind die Stadt Darmstadt, die Gemeinde Gernsheim und der Kreis Groß-Gerau, Eigentümer des Geländes ist das Land.

Einige grüne Container mit der Aufschrift Waibel, bestimmt für Holz und Kies, säumen das Ufer. Der Lastwagenfahrer, der seinen Vornamen "Zoran" auf ein Nummernschild prägen ließ und dieses hinter die Windschutzscheibe drapiert hat, wirbelt mächtig Staub auf, als er an der Beckenpromenade wendet. Das eigentliche Symbol für die neue Beweglichkeit findet sich jedoch einige Meter weiter, am Hafenbecken 1: An den Trott der Vergangenheit erinnert der fast ausrangierte Kran, den man nahezu übersieht und der gerade einmal fünf Tonnen heben kann. Ab und an, sagt Drumm, bekomme er noch ein wenig Bims zu schlucken. Sein 31 Meter hoher grüner Nachfolger hingegen dominiert eindeutig das Terrain. Stets in Bewegung, rollt er die Spundwand am Becken entlang, dreht und wippt seine Arme hin und her und wuchtet Container an Land. Seit 1993 hievt er mühelos bis zu 43 Tonnen. Wenn nötig, bekomme er fix eine Schaufel für Schüttgut an seine Drahtschnüre gespannt, erläutert Drumm.

Das Jahr 1993 markiert eine Zäsur in der Hafenhistorie. Gemeinsam mit der Duisburger Reederei Haniel gründete Waibel die Gernsheimer Umschlags- und Terminalbetriebsgesellschaft, kurz GUT. Seither gedeiht der Containerumschlag zunehmend: Von 4000 TEU im ersten Geschäftsjahr stieg er auf 40000 TEU im vergangenen Jahr an. Die Einheit "TEU" entspricht einem kleinen der genormten Container. Diese sind 20 Fuß lang, die längere Variante mißt das Doppelte. Gefüllt werden sie in Gernsheim beispielsweise mit aus PET-Flaschen gepreßten Plastikbündeln. Zehn Tonnen paßten in einen der kleinen Transportbehälter, sagt Drumm, in China würden sie zu Textilfasern verarbeitet. Im Fernen Osten werden ebenso die meisten Druckmaschinenteile aus Heidelberg landen, die kistenweise in Gernsheim lagern. "Im Moment geht viel nach China", so Drumm.

Von Trennwänden sauber sortiert, häufen sich Brocken aus Roheisen auf dem GUT-Gelände - sieben verschiedene Legierungen, die aus Brasilien und Rußland stammen. Zum Service der GUT zählt es, Dienstleistungen wie Kommissionieren, Verpacken und Entpacken für die Kunden zu übernehmen. So kann das Beladen und Entladen unter anderem der drei Schiffe, die regelmäßig zwischen der Nordsee und dem Riedhafen verkehren, ohne Zeitverlust verlaufen. Und Lastautos aus der Region können nach Wunsch bestückt werden.

Den Sonnenschein genießend, schlendert eine Mutter mit ihrer Tochter über die Stege des älteren Hafenbeckens 1. Die beiden kommen von einem der etwa 150 Sportboote, die dort vor Anker liegen und bei dezenter Brise sanft im Wasser schaukeln. Auch dieser Yachthafen ist Teil des umfassenden und gelungenen Versuches, den Hafen wiederzubeleben. Eingeschlossen von der Promenade, auf der mit dem Fischerfest einmal jährlich eines der größten Volksfeste Südhessens gefeiert wird, nutzt die Betreibergesellschaft die Stellpacht neben den andockenden Lastkähnen als weitere Einnahmequelle. Ein Becken weiter nördlich werden neben Getreide und Malz für den Export in die weite Welt auch Chemikalien und Öl gelöscht und eingeladen. Unter anderem unterhält der Shell-Konzern dort eine Dependance.

Wer an den beiden Becken entlangspaziert, stolpert über von Gräsern überwucherte Gleise und sieht am Ende des Containerdepots einen Haufen Granulat aufgeschüttet. Sowohl die Gleise als auch die groben Körner zeigen, daß in Gernsheim noch Raum für weiteres Wachstum besteht: Als der ehemalige Kommunalhafen Mitte der fünfziger Jahre florierte, schlug man dort mehr als 400000 Tonnen im Jahr um. Weil der Hafen, Anschlußstelle Darmstadts und Starkenburgs an den Rhein, dann in seiner Entwicklung stagnierte, lag der Wert vor 15 Jahren kaum höher. Im vergangenen Jahr betrug der Umschlag laut Waibel KG 620000 Tonnen - und es sollen noch mehr werden.

Die derzeit stillgelegten Gleise zum örtlichen Bahnhof könnten wieder aktiviert werden: Neben Straße und Fluß wäre damit auch die Schiene im Logistikangebot vertreten. Dort, wo jetzt noch das Granulat liegt, kann sich Drumm eine weitere Fläche für Container vorstellen. Außer den beiden Becken gehört zum Hafen ohnehin noch der angrenzende Stromhafen. Sowohl das Chemieunternehmen Silin als auch die 1946 in Neckarsteinach als Reederei gegründete Firma Waibel, die inzwischen freilich vor allem als Baustoffproduzent und Händler von Kies und Beton tätig ist, genießen einen besonderen Komfort: Von ihren Verwaltungsgebäuden aus brauchen die Mitarbeiter nur über die Straße zu schauen und sehen, wie direkt am Fluß Wasserglas, Kies und Schrott angeliefert werden. Da, wo der Rhein genau 463 Kilometer geflossen ist, endet der Hafen - die Filiale des Pharmaunternehmens Merck nutzt ihn derzeit nicht, hält sich aber die Option dazu offen. WERNER KURZLECHNER

Quelle:
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