Kommentar

Ratlose Radfahrer

Von Markus Schug
 - 18:28

Es hat schon etwas von Flickschusterei, wie die Stadt Mainz mit ihrem Radwegenetz umgeht. Viele der Strecken, die vor allen in den achtziger und neunziger Jahren ausgewiesen wurden, sind mittlerweile so beschädigt, dass Fahrradfahrer lieber gleich auf die daneben liegende Straße ausweichen. Das ist seit einem 2011 ergangenen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts erlaubt, und es ist mittlerweile auch die vom Verkehrsdezernat präferierte Variante für den Fahrradverkehr. Denn Radfahrer werden auf der Fahrbahn besser gesehen, wie die zuständige Dezernentin, Katrin Eder (Die Grünen), sagt.

Tatsächlich weiß man vielerorts aber gar nicht so genau, wie man sich richtig zu verhalten hat. Nämlich immer dann, wenn es wie in der Mainzer Oberstadt einen durch dickes Wurzelwerk aufgebrochenen alten Radweg unmittelbar neben einer von Autos, Bussen und Lieferwagen genutzten Hauptverkehrsader gibt.

Grundsätzlich seien Rad- und Autofahrer auf der Straße gleichberechtigt und zur gegenseitigen Rücksichtnahme angehalten, heißt es in einer Broschüre der Stadt. Es sei denn, entsprechende Verkehrsschilder sagen etwas anderes: wie zum Beispiel an der vielbefahrenen Saarstraße, an der Rheinallee und auf der Theodor-Heuss-Brücke. Wer sich auskennt, meidet selbst die neugestaltete Bahnhofs- und die Schillerstraße, weil die dort im Pflaster verlegten Gleise eine zusätzliche Gefahr für Radfahrer darstellen.

Schleichweg abseits der Hauptstraßen

Dass sich jeder Mainzer letztlich seinen eigenen Schleichweg abseits der Hauptstraßen suchen muss, lässt sich in der Praxis zwar verschmerzen. Es ist aber kein Ruhmesblatt für die Verkehrspolitiker der Stadt, die sich vor Augen führen sollten, dass ein Fünftel aller Fahrten mit Fahrrädern zurückgelegt werden.

Von einer Prachtroute, wie sie seit einigen Jahren auf der Unteren Zahlbacher Straße zu bestaunen ist, kann man heutzutage nur träumen. Dort wurde eine vierspurige Straße so umgestaltet, dass ausreichend Platz für alle Verkehrsteilnehmer, inklusive Straßenbahn, ist. Etwas mehr Geld im Haushalt benötigte man in den nächsten Jahren schon, um künftig mehr zu tun als nur die ärgsten Schlaglöcher auszubessern und frische Piktogramme auf Fahrbahnen zu malen. Dafür wiederum wäre der politische Wille notwendig, Fahrradfahrer fortan stärker zu unterstützen. Und dann müsste man natürlich auch wirklich mehr für sie tun.

Quelle: F.A.Z.
Markus Schug
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz.
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