Pioneer-Kaserne in Hanau

Neues Leben am „Gateway to Europe“

Von Luise Glaser-Lotz
 - 07:28

Das Flugobjekt scheint vor den Doppeltürmen des Word Trade Centers stillzustehen. Im Hintergrund schießt ein Ufo Blitze oder Lichtstrahlen auf Manhattan. Noch stehen die Doppeltürme des Word Trade Centers, doch die Bedrohung naht. Als die unbekannten Maler das Bild auf einer Wand der Sciencefiction-Abteilung der Bücherei in der Pioneer-Kaserne in Hanau-Wolfgang schufen, hatten sie natürlich keine Ahnung von dem bevorstehenden Unheil vom 11. September 2001. Ihre Vision ist der Zeit vorausgeeilt.

Vom Tag des Anschlags an war alles anders, auch in Hanau, sagt Jens Arndt, Historiker und Experte für die Hanauer Militärgeschichte, bei einem Rundgang über das rund 50 Hektar große Gelände mit seinen vielen leerstehenden Gebäuden. Die seit dem Jahr 1945 in der einstigen Wehrmachtskaserne stationierten amerikanischen Truppen verstärkten damals ihre ohnehin schon großen Sicherheitsvorkehrungen drastisch, deutsche Zivilisten fanden kaum noch Zugang, und die Soldaten verließen die durch unterirdische Tunnel verbundenen Kasernen im Hanauer Stadtteil Wolfgang nur noch selten.

Die Pioneer-Kaserne erlebte im Laufe ihres Bestehens noch andere gravierende Veränderungen. Neben der Übernahme durch die amerikanische Armee nach Kriegsende dürfte die ihr jetzt bevorstehende aber die umfassendste sein: In nur wenigen Jahren soll auf dem lange brachliegenden Areal ein innovatives Wohnviertel entstehen. Geplant sind rund 1500 Wohnungen, teils in den kernsanierten Gebäuden und neu errichteten Geschosswohnungsbauten, teils in einem Mix von neuen Reihen-, Doppel- und Einzelhäusern. Es ist das bisher bedeutendste Konversionsprojekt in der Stadt Hanau und mit bis zu 5000 künftigen Bewohnern das größte Entwicklungsareal im Rhein-Main-Gebiet.

Abschied vor fast zehn Jahren

Rund 340 Hektar Militärflächen verließen die Amerikaner im Jahr 2008 in Hanau. Der Rückzug hatte aber schon in den neunziger Jahren begonnen und damit auch die enge Zusammenarbeit der Stadt mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), in deren Besitz die Kasernen zunächst übergingen. Erfolgreich entwickelt wurden damals die Hessen-Homburg-Kaserne, die Francois-Kaserne und ein Teil der Großauheim-Kaserne. Auch ein Großteil der im Jahr 2008 verlassenen Areale wird mittlerweile neu genutzt, entwickelt wurden sie von der Stadt als Trägerin der Planungshoheit mit der Bima und privaten Investoren.

Nach den umfangreichen Erfahrungen, die die Stadt dabei sammelte, wagte sie sich bei der Pioneer-Kaserne an einen gänzlich anderen Weg: Erstmals erwarb sie ein Konversionsareal von der Bima und gründete mit der DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft und der LEG Entwicklung GmbH die neue LEG Hessen-Hanau GmbH, an der die städtische Bauprojekt Hanau GmbH zehn Prozent hält. So hoch wird auch ihr Anteil an den Gewinnen sein. An den Entscheidungsprozessen kann sie aber gleichberechtigt mitwirken. Gemeinsam wird der Planungsprozess gesteuert und einzelne Bau- und Investorenprojekte gemanagt. Bis Anfang nächsten Jahres soll Baurecht geschaffen sein, dann kann die Arbeit an dem künftigen Vorzeigeprojekt beginnen, das Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) gerne als das „Königsprojekt“ der Hanauer Konversion bezeichnet.

Ein Modellvorhaben war nach den Worten des Militärexperten Arndt schon der Kasernenbau gegen Ende der dreißiger Jahre. Errichtet vom Heeresbauamt Frankfurt, sollte die Anlage dem Eisenbahn-Pionier-Regiment Nummer 68 einen modernen Standort bieten. Die bisherigen Areale im Hanauer Lamboy-Gebiet waren zu klein geworden, außerdem genügten sie den Ansprüchen der mit vielen Lastwagen ausgestatteten Eisenbahnpioniere nicht. Sie waren zwar Soldaten und als Eisenbahnbauer „Wegbereiter des Krieges“, so Arndt, aber in erster Linie seien sie Handwerker und Ingenieure in Uniform gewesen. Der Kasernenaufbau galt als Prototyp, der auch an anderer Stelle des Landes verwirklicht werden sollte. Doch dazu kam es wegen des Krieges nicht mehr.

Auch die Planungen für die Pionier-Kaserne wurden nicht vollständig realisiert. Dennoch war die Anlage imposant und mit ihrer halbkreisförmigen Anordnung so modern gestaltet, dass die Lastwagen kurze und bequeme Wege hatten. Vorne wurden die großen Mannschaftsgebäude errichtet, die markanten Häuser an der Aschaffenburger Straße, heute auch „die Zehn Brüder“ genannt, die rechts und links des Haupteingangs stehen. Dahinter liegen in Fächerform 16 eingeschossige Lager-, Werkstatt- und Garagenhallen für die Lastwagen.

Im Krieg war die Pionier-Kaserne, wie man sie zunächst nur im Volksmund nannte, ein Ziel der alliierten Bombenangriffe. Zwei der zehn Brüder wurden zerstört und später von den Amerikanern teilweise wiederaufgebaut. Auch das große Stabsgebäude wurde getroffen, an seiner Stelle errichtete die amerikanische Armee eine Sport- und Veranstaltungshalle. Eingezogen waren die ersten amerikanischen Soldaten am 28. März 1945, sie machten die Kaserne zum Heimatstandort der „130th Engineer Brigade“. Diese Einheit entwickelte Fahrzeuge und Gerätschaften und erprobte sie vor der allgemeinen Einführung in die Truppe. Zeitweise war hier auch die legendäre „Atomic Annie“, ein laut Arndt geheimnisumwobenes nuklearfähiges Artilleriegeschütz, stationiert.

Sträucher und wilde Pflanzen

Wo einst hektische Betriebsamkeit herrschte, wachsen heute Sträucher und wilde Pflanzen, die an vielen Stellen schon den Asphalt der Straßen und Wege gesprengt haben. An zentraler Stelle der Anlage steht zwischen zwei Gebäuden ein großes Dach auf Stelzen. Hier befand sich einst das „Gateway to Europe“, das Tor der Soldaten nach Europa. Nachdem die Rhein-Main-Airbase in Frankfurt im Jahr 2005 geschlossen worden war, zog die ,,64th Replacement Company“ mit rund 80 Soldaten in die Pioneer-Kaserne. Ihre Aufgabe war es, die nach Europa geschickten Soldaten und Angehörigen zu empfangen und ihre Weiterverteilung zu den europäischen Armeestandorten zu organisieren. Etwa 1000 Soldaten samt 400 Familienangehörigen und etlichen Haustieren waren das mindestens in jedem Monat. Im August 2008 war dann alles vorbei: Mit einem letzten Appell nahmen die Amerikaner Abschied von Hanau. Feierlich wurde in der Pioneer-Kaserne ein letztes Mal die Truppenfahne der „US Garnison Hessen“ eingerollt.

Seitdem wartet die Kaserne darauf, dass wieder Leben einzieht, nicht nur in die leerstehenden Mannschaftsgebäude, sondern auch in die denkmalgeschützten Bauten wie das Kasino. Dass es in der Zeit des Nationalsozialismus entstand, ist auf den ersten Blick zu erkennen. Es wurde so gebaut, dass ein Soldat, der den großen Speisesaal betrat, mächtig beeindruckt war, erläutert Jens Arndt. Die schweren Stützsäulen aus Granit hätten keine andere Funktion gehabt, als die Macht und Größe des Regimes zu demonstrieren und die Menschen einzuschüchtern. Auch die Amerikaner nutzten das Gebäude als Kantine, aufgeteilt in zwei Areale: die große Halle diente den Soldaten, ein kleinerer Teil im Seitenflügel deutschen Zivilisten, die in der Kaserne arbeiteten. Bis zu 6000 Mahlzeiten wurden einst täglich ausgegeben. In das Kasino soll nach den Worten von Stadtplaner Martin Bieberle eines Tages wieder eine Gaststätte, eventuell kombiniert mit einem Beherbergungsbetrieb, einziehen.

Unter Denkmalschutz steht auch die „Pioneer Chapel“. Die kleine Kirche stammt nicht aus Wehrmachtszeiten, sondern wurde von den Amerikanern errichtet. Hier fanden nicht nur Trau- und Taufzeremonien sowie sonntägliche Gottesdienste statt, in der Kirche trauerten auch viele Familien um die in Hanau stationierten Soldaten, die im Einsatz in einem der Kriegsgebiete der Welt ihr Leben gelassen hatten.

Nostalgisches Flair verströmt das charmante Pförtnerhäuschen der Kaserne. Es stammt vermutlich aus den fünfziger Jahren und ist ebenfalls denkmalgeschützt. Das wenige Quadratmeter große, ellipsenförmige Häuschen mit seinen vielen Glasscheiben und dem überstehenden Dach könnte aus einem James-Dean-Film stammen, ist allerdings vom Zahn der Zeit schon stark angefressen. Viele Scheiben sind zerbrochen, das Holz der Fensterrahmen schimmelt vor sich hin, außen bröckelt der Putz und innen die Wandfarbe. Gleich, welche Nutzung es später einmal erfüllen soll, eine Sanierung darf nicht mehr lange auf sich warten lassen, andernfalls wird das Häuschen vielleicht nicht mehr zu retten sein.

Die Arbeiten auf der Pioneer-Kaserne werden aber an anderer Stelle beginnen, in der einstigen Housing-Area. Auch sie wirkt im Moment noch wie eine verlassene Geisterstadt. Überall wuchern Pflanzen, und auf einem Busch am Wegrand sendet ein mit grüner Patina überzogenes Paar Soldatenstiefel dem Besucher einen Gruß aus vergangenen Tagen. Aber erste Baumaschinen sind in Sicht, denn in der „Triangle Housing“ wird die Sanierung schon vorbereitet. In den fünfziger Jahren errichteten die Amerikaner auf einer neun Hektar großen Fläche direkt an der Kaserne 18 drei- und viergeschossige Häuserblocks mit mehr als 300 Wohnungen für die Soldatenfamilien. Nun will die LEG Hessen-Hanau GmbH Menschen mit einem mittleren Einkommen in diesen Häusern zu Wohneigentum verhelfen. Gedacht wird dabei nach den Worten des Oberbürgermeisters an Krankenpfleger, Polizisten oder Angestellte mit einem durchschnittlichen Einkommen, die eine erworbene Eigentumswohnung auch selbst bewohnen.

Wohnungen mit 100 bis 115 Quadratmetern

Die 350 Wohnungen sollen zu Quadratmeterpreisen von weniger als 2400 Euro verkauft werden, was laut LEG-Geschäftsführer Marc Weinstock deutlich unter den herkömmlichen Preisen in Hanau liegt. Man wolle aus den kernsanierten Wohnungen mit Größen von 100 bis 115 Quadratmetern nicht das Maximum an Gewinn herausholen, sondern sie zum Selbstkostenpreis an Eigennutzer verkaufen. Unter dem Strich sollen sie nicht mehr bezahlen als für eine vergleichbare Mietwohnung. Noch ein Stück günstiger wird es für den künftigen Eigentümer, wenn er Teile des Ausbaus in Eigenregie übernimmt. Geht alles nach Plan, können die ersten Besitzer schon Ende nächsten Jahres einziehen. Der Vertrieb soll Anfang 2018 beginnen. Die Regie hat die Hanauer Sparkasse, die ein Sonderkontingent an günstigen Finanzierungsmitteln für die Käufer zur Verfügung stellt.

Insgesamt versprechen Weinstock und Bieberle, ebenfalls Geschäftsführer der LEG, dass rund ein Drittel der insgesamt 1500 künftigen Wohnungen zu günstigen Konditionen verkauft oder vermietet werden. Man stehe in Verhandlungen mit mehreren Investoren, die günstige Mietwohnungen anbieten sollen, darunter befinde sich auch die städtische Baugesellschaft. Für sie komme insbesondere der Bestand in den ehemaligen Mannschaftshäusern in Frage sowie zur Nachverdichtung vorgesehene Areale. Weinstock und Bieberle gehen von rund 200 Wohnungen aus, die zu „deutlich unter zehn Euro pro Quadratmeter“ vermietet werden sollen. Diese könnten sich sowohl in saniertem Geschosswohnungsbau als auch in neuen Reihenhäusern befinden.

Vor allem die Herrichtung von Wohnungen im Geschosswohnungsbau will die LEG selbst übernehmen. Ein Teil der Grundstücke und Immobilien soll an andere Bauträger weiterveräußert werden. Doch nicht nur Wohnungen werden in der Pioneer-Kaserne entstehen, sondern auch Gewerberaum, etwa in fünf der zehn Brüder. Denn das Kasernenareal hat auch seine Tücken. Zwar grenzt es an das Naturschutzgebiet der Bulau an, doch ist es auch umgeben von vielbefahrenen Straßen, einer stark frequentierten Bahnstrecke und Industrieanlagen. Überall dort, wo Wohnen wegen Lärm und Industrie-Emissionen nicht möglich ist, bieten sich Gewerbebetriebe als Alternative an.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Glaser-Lotz, Luise (lu.)
Luise Glaser-Lotz
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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