Region und Hessen
Hanau

Strategien gegen Leerstand und Billigläden

Von Luise Glaser-Lotz, Hanau
© Wolfgang Eilmes, F.A.Z.

Die Lage des Einzelhandels in der Hanauer Innenstadt ist nicht am Boden, doch mancher Ladenbesitzer hat zu kämpfen. So lautet die Bilanz von Hanaus Stadtentwickler Martin Bieberle anderthalb Jahre nach der Eröffnung des Einkaufszentrums Forum Hanau auf dem Freiheitsplatz. Mit dem Stadtumbau über das Investorenverfahren „Wettbewerblicher Dialog“ veränderte die Innenstadt ihr Gesicht, was nicht zuletzt auch für den Besatz der Läden gilt. Einige konnten die schwierige Bauzeit nicht überstehen und gaben auf, andere kamen neu hinzu. Leerstände hinterließen zudem mehrere Geschäfte, die ins Forum umzogen wie die Bekleidungskette Hennes und Mauritz (H&M). Für die Immobilie ist bis heute kein adäquater Nachfolger gefunden. Dabei liegt das ehemalige H&M-Gebäude an exponierter Stelle: an der Ecke der Fußgängerzone Hammerstraße und dem Marktplatz.

Lange stand das Haus leer, bis mit einem Billig-Textilanbieter eine laut Bieberle „Zwischenlösung“ gefunden wurde. Dass die Auslagen an dieser Stelle kein attraktives Bild abgeben für den Einkaufsstandort Hanau, ist Chefentwickler Bieberle klar. „Das kann da nicht so bleiben“, sagt er denn auch, eine Feststellung, die er durchaus auf weitere Standorte in der Innenstadt überträgt. Zumindest für die H&M-Immobilie zeichnet sich wohl eine bessere Lösung ab. Den Mitgliedern des Struktur- und Umweltausschusses der Stadtverordnetenversammlung berichtete Bieberle jetzt von guten Gesprächen mit dem Eigentümer des Gebäudes. Keine optimale, aber akzeptable Nutzung ist für eine weitere schwierige Immobilie der City gefunden.

Für 30 Läden werden Nachfolger gesucht

Leicht abgelegen am Ende der Nürnberger Straße, doch immerhin schräg gegenüber dem City-Center mit den Hauptmietern Saturn und Karstadt Sport, verkaufte das Modehaus Peter Hahn mehr als zwei Jahrzehnte lang hochwertige Damenbekleidung. Nachdem es nach einer Konzentration seiner Standorte Hanau verließ, standen die großzügigen Ladenräume viele Monate lang leer. Vor einigen Wochen zog dort eine Filiale der Kette „Action“ ein. Dort wird von Tiernahrung über Handtücher und Körperpflegeprodukte bis hin zu Ketchup alles angeboten, was günstig eingekauft werden konnte. Immerhin wirkt der neue Schnäppchenladen aufgeräumter als manch anderer Billiganbieter. Ein anspruchsvoller „Textiler“ konnte dort laut Bieberle trotz aller Bemühungen der städtischen Marketinggesellschaft nicht mehr angesiedelt werden.

Insgesamt wird nach seinen Angaben für etwa 30 von rund 350 Innenstadtläden außerhalb des Forums ein Nachfolger gesucht. Dabei komme es nicht nur darauf an, längere Leerstände zu vermeiden, sondern vor allem auch darauf, ein möglichst attraktives Produktangebot zu finden. Manchmal biete sich da auch der Wechsel vom Verkauf zur Dienstleistung an wie bei dem Laden der Metzgerei Zeiss auf der Südseite des Freiheitsplatzes. Nach der Aufgabe des Betriebs ist dort jetzt eine Bankfiliale ansässig. Schwierig sind offenbar nicht nur Nebenlagen wie an der Hospitalstraße oder der Langstraße, selbst direkt am Forum haben einige Einzelhändler noch Nöte. Die Besucherfrequenz läuft direkt durch das Zentrum und seine verbindenden Gassen, beschreibt Michael Seidel von der Cima Beratung und Management GmbH die Situation.

Hohe Mieten schrecken Interessenten ab

Das Unternehmen erstellt seit Jahren das Einzelhandelskonzept für Hanau und legte jetzt eine Fortschreibung vor. Wie Bieberle sieht Seidel großen Entwicklungsbedarf für die Fahr- und die Rosenstraße, zwei Fußgängerzonen, die parallel auf den Freiheitsplatz zuführen und damit in der Nähe des Forums liegen. Die Fahrstraße bildet eine direkte Verbindung zum Marktplatz und wird von Stadtbussen durchfahren. Hier gab es früher auch inhabergeführte Traditionsgeschäfte, heute prägen Läden wie ein Billigbäcker und ein Handyladen das Bild. „In der Fahrstraße bleibt die Stadt dramatisch hinter den Möglichkeiten zurück“, so Bieberle. Seidel regt an, einige Läden zusammenzulegen, um dort größere Geschäftseinheiten zu schaffen. Auch Bieberle und die ihm unterstellte Hanau Marketing Gesellschaft wollen erprobte sowie neue Wege gehen.

Weiterhin werde die Stadt bei Geschäftsleuten in umliegenden Innenstädten aktiv dafür werben, eine Zweigstelle in Hanau zu eröffnen. „Da müssen wir uns weiter die Hacken ablaufen“, sagt Bieberle. Diese Art der Akquise hat beispielsweise gut geklappt beim Büdinger Modehaus Müller Ditschler, das die ehemalige C&A-Immobilie von langem Leerstand und minderwertiger Nutzung befreite und zum Ankermieter an der Rosenstraße wurde. Doch oft spielen die Vermieter nicht mit. „Wenn eine gute Ansiedlung nur an hohen Mietpreisen scheitert, dann treibt uns das die Tränen in die Augen“, meint Bieberle, der sich mehr Einflussmöglichkeiten für die Stadt wünscht.Wie es gehen könnte, führe gerade die städtische Baugesellschaft in der Altstadt vor. Rund um das Goldschmiedehaus am Altstädtermarkt richtet sie Läden und Gastronomie in den Erdgeschossen ihrer Mietshäuser ein.

Der Investor ist mit dem Forum zufrieden

Beispielsweise siedelte sich dort ein Schmuckatelier an, demnächst wird ein Eiscafé eröffnet, weitere Läden sollen folgen. „Da findet ein richtiger Entwicklungsschub statt“, freut sich Bieberle. Nach diesem Vorbild soll die städtische Bauprojekt GmbH Ladenimmobilien in der Innenstadt erwerben und entwickeln. Angestoßen werden soll zudem ein Genossenschaftsmodell mit mehreren hundert privaten Geschäftsleuten und Investoren aus der Stadt und dem Umland. Sie sollen statt im Ausland in ihrer Heimatstadt investieren. Die Stadt könnte Bieberle zufolge die Moderation der erworbenen Immobilien übernehmen. Vielversprechende Gespräche seien im Gange, außerdem überprüfe die Stadt regelmäßig den Gebäudebestand, um mit einem Angebot auf Eigentümer zugehen zu können, wenn sie keine oder nur „minderwertige“ Nutzungen für die Läden fänden.

Die Mieten sind vielen Interessenten zu hoch: Für die ehemalige H&M Filiale wurde noch kein adäquater Nachfolger gefunden.
© Wolfgang Eilmes, F.A.Z.

Das Einkaufszentrum Forum Hanau, das die vorhandenen rund 65.000 Quadratmeter Einzelhandelsflächen in der Innenstadt um weitere 25.000 Quadratmeter ergänzte, läuft nach Darstellung des Investors Hanseatische Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft (HBB) sehr gut. „Wir sind nach anderthalb Jahren des Betriebs da, wo wir hinwollten“, sagt Andrè Stromeyer, Geschäftsführer der HBB Gewerbebau Projektgesellschaften mbH. Das Zentrum zähle täglich bis zu 20.000 Besucher. An Spitzentagen, etwa verkaufsoffenen Sonntagen, seien schon bis zu 42.000 Kunden gezählt worden. Die Menschen kämen aus einem weiteren Umkreis und nähmen eine Fahrzeit von bis zu einer halben Stunde in Kauf. Ziel sei es, das Forum mit Veranstaltungen und Werbeaktionen weiter bekannt zu machen und die Zahl der Stammkunden zu erhöhen.

Sorgenvoller Blick aufs Hessen-Center

Viele Leute in der Region hätten noch das „alte Hanau“ im Kopf und mieden die Stadt als Einkaufsziel. Das müsse sich ändern. Die Vermietungsquote im Forum gibt die Geschäftsleitung seit der Eröffnung unverändert mit 95 Prozent an. Damit wäre die Grundlage für den geplanten Verkauf des Forums an das Immobilienunternehmen Hamburg Trust gegeben, das sich im vergangenen Jahr eine Kaufoption zum 1. Januar 2017 sicherte. Sie wurde nach Mitteilung des Investors um ein Jahr verlängert. Die Zeit solle genutzt werden, um noch einige Verbesserungen im Zentrum auszuführen. Nach Ankündigung Stromeyers wird das Untergeschoss, in dem sich das gastronomische Angebot konzentriert, umgestaltet. Vor allem in der Mittagszeit habe es an Tischen und Stühlen gemangelt.

Ihre Zahl soll erheblich erhöht werden, außerdem ist eine einheitliche Gestaltung vorgesehen. Insgesamt soll es gemütlicher werden im Tiefgeschoss. Gegen die Essensgerüche, die in die oberen Etagen ziehen, will man ein neues, den Geruch neutralisierendes „Duftsystem“ einbauen. Wegen des Umbaus seien einige Läden „aus dem Besatz“ genommen worden. Ganz unbeschwert blickt aber auch er nicht in die Zukunft. Sollte das Hessen-Center in Bergen-Enkheim vergrößert werden, dann wäre das schlecht für das Forum, so Stromeyer.

Quelle: F.A.Z.
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