Schloss in Ober-Mörlen

Das alte Wappen strahlt in neuem Glanz

Von Wolfram Ahlers
 - 14:27

Stück für Stück hat ein Restaurator über Monate alte Farbschichten und Reliefs aus längst vergangener Zeit freigelegt, sodann die aus Sandstein gefertigten Ornamente Zentimeter um Zentimeter aufgearbeitet und, wo das nicht mehr möglich war, nach früherem Vorbild erneuert. Als es darum ging, das historische Wappen über dem Portal des Ober-Mörlener Schlosses wieder in den Farben leuchten zu lassen, wie sie die damaligen Herren hatten auftragen lassen, wurde sogar ein Heraldiker, also ein Experte für Wappenkunde, zu Rate gezogen. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat. Denn nun bildet das Schmuckstück wieder einen im Wortsinn ansehnlichen Blickfang an der Fassade vom Hauptgebäude des einstigen Herrscherhauses.

Die Wiederherstellung des Wappens bildete eines der letzten Details eines umfassenden Projekts, das nach rund zehn Jahren bis auf einige Handgriffe da und dort an dem Gebäude vollendet ist: Die komplette Sanierung eines historischen Anwesens, das Denkmalpfleger zu den bedeutendsten ehemaligen Herrschersitzen in der Region zählen. Mehr als zweieinhalb Millionen Euro hat die rund 5800 Einwohner zählende Kommune im Westen des Wetteraukreises nach Auskunft aus dem Rathaus in die Rundumsanierung und Neugestaltung ihres Wahrzeichens investiert. Wobei Land und Bund der Gemeinde finanziell unter die Arme griffen und rund 60 Prozent der Kosten tragen.

Zug um Zug vielfältiges Leben eingezogen

Bei diesem Projekt ging es der Gemeinde nicht nur darum, ihr wichtigstes Denkmal herauszuputzen, sondern Intention war es zugleich, das gesamte Schlossareal zu einem Treffpunkt für die Ober-Mörlener und ihre Gäste zu machen. Ein und aus gingen die Bürger ja schon lange im Herrenhaus, denn dort hat die Gemeindeverwaltung seit Jahrzehnten ihren Sitz. Zuletzt in den neunziger Jahren hatte der Gemeindevorstand dort Hand anlegen lassen und das Innere des stattlichen Bauwerks zum modernen Verwaltungssitz in historischem Ambiente herrichten lassen. Zu mehr reichte das Geld damals nicht, und so lag der rückwärtige Teil des Anwesens, der Schlosshof mit den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden, weiterhin weitgehend brach. Das zu ändern, darauf richtete sich zunächst das Augenmerk, als die Gemeinde vor einem Jahrzehnt die Generalsanierung in Angriff nahm. Tatsächlich ist in den Schlosshof in den zurückliegenden Jahren, je nach Baufortschritt, Zug um Zug wieder vielfältiges Leben eingezogen.

So hat die Gemeinde im sogenannten Ökonomiegebäude das lange gewünschte Jugendzentrum für Ober-Mörlen eingerichtet, wo mittlerweile auch Jugendliche aus benachbarten Ortschaften hinkommen. Es handelt sich um das Hauptgebäude der ehemaligen höfischen Wirtschaftshäuser. Neben der Renovierung des Sandsteinmauerwerks, das gänzlich neu zu verfugen war, gestaltete sich die Restaurierung des charakteristischen Haubendachs als besonders aufwendig.

Platz für Feste, Seminare oder Freizeitkurse

Einen großen Teil der Balken aus dem frühen 18. Jahrhundert galt es vorsichtig aufzuarbeiten oder nach Vorlagen der Originale zu ersetzen. Im Untergeschoss präsentiert sich dieses Bauwerk nach der Sanierung mit einem schmucken Saal, der für Feste wie für Versammlungen und kulturelle Darbietungen konzipiert ist. Im oberen Teil steht jungen Leuten Platz zur Verfügung, wo Gruppen oder Arbeitsgemeinschaften Seminare und Freizeitkurse abhalten, im Netz surfen oder sich ganz einfach in Ecken zurückziehen können.

Bei der Instandsetzung des Riegelbaus, der aus zwei Bauwerken bestehenden sogenannten Remise am Hoftor tauschten Handwerker brüchiges Mauerwerk aus, stabilisierten die Fundamente mit Hilfe moderner Verfahren. Gleiches gilt für die Dachstuhlkonstruktion, deren Statik gesichert werden musste. Einiges an Zeit und Geld zu investieren war auch in die Dämmung von Dach und Mauern, was erforderlich war, um die einst unter anderem als Lager für Heu und landwirtschaftliche Geräte genutzten Räume für heutige Zwecke zu gebrauchen. Entstanden sind in diesem Trakt des Hofgeländes ein Sitzungssaal, den die politischen Gremien nutzen, aber auch Vereine und Privatleute für Feiern.

Bühne für Konzerte und Aufführungen im Hof

Zur Belebung trägt ein Bistro mit Café bei, das die Gemeinde dort einrichten ließ und verpachtet hat. Die Arkaden, die den Hof vom ehemaligen Schlossgarten trennen, sind ebenfalls restauriert worden, zudem ist die einstige Wandelhalle jetzt verglast, dient als eine Art Wintergarten, wo sich auch Gäste bewirten lassen.

Der Hof selbst hat ein neues Pflaster erhalten und eine Bühne für Konzerte, Theateraufführungen und Kleinkunst unter freiem Himmel. Zuletzt war das Hauptgebäude an der Reihe. Sockel und Stützpfeiler des im Stil der Renaissance errichteten Bauwerks galt es zu sichern, auszubessern und neu zu verfugen. Das äußere Mauerwerk erhielt einen neuen Putz mit einer Mischung von Substanzen, wie sie schon die damaligen Baumeister verwendeten und die sich als widerstandsfähiger gegenüber Witterungseinflüssen erwiesen als das, was man bei späteren Instandsetzungen auftrug. Für den Anstrich wählte man eine Farbmischung, wie sie auf alten Bildern vom Schloss zu sehen ist. Beim Austausch Dutzender von Fenstern wählte der Gemeindevorstand auf Empfehlung der Denkmalpflege einen rötlichen Ton für die Rahmen, ähnlich dem, den schon frühere Hausherren bevorzugt hatten.

Das Ober-Mörlener Schloss zählt zu den ältesten herrschaftlichen Anwesen in diesem Teil der Wetterau. Urkunden zufolge existierte dort schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein Gut, das zudem als Stammsitz der Herren von Mörlen überliefert ist. Einer der späteren Besitzer, Hans Georg von und zu Heese, errichtete 1589 das Herrenhaus, ein Bau mit zwei hohen Geschossen. Den Querbau mit dem prägenden Giebel erhielt die Anlage aber erst während einer Erweiterung gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Veranlasst wurde der Ausbau, wozu auch die Erweiterung um die Wirtschaftsbauten gehörte, von den Reichsfreiherren von Wetzel.

Die aus Böhmen stammende Familie blieb bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts Besitzer des Ober-Mörlener Schlosses, baute das Anwesen immer wieder um und erneuerte mehrere Gebäudetrakte, nachdem ein Großbrand im Ort 1716 auch das Schloss in Mitleidenschaft gezogen hatte. 1920 verließen die letzten Nachkommen der Gutsherren das Schloss, das kurz zuvor die Gemeinde erworben hatte. Bald darauf zog die Ortsverwaltung ins Schloss. Nach dem Kriege teilten die Gemeindebediensteten ihr Domizil mit Flüchtlingen. Einem Feuer fiel 1966 der Dachstuhl zum Opfer. Beim Wiederaufbau orientierte man sich an den ursprünglichen Bauplänen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ahlers Wolfram (was.)
Wolfram Ahlers
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.
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