„Mit heißer Feder gestrickt“

Syphilis-Aufgabe für den Sprachpapst

Von Ralf Euler
 - 20:00

Ja, das Leben eines Politikers ist hart. Thorsten Schäfer-Gümbel, SPD-Vorsitzender in Hessen und Oppositionsführer im Landtag, charakterisierte es einmal folgendermaßen: „Es ist so, dass wir in diesem Hamsterrad arbeiten und deshalb den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.“ An dem enormen Druck, unter dem Politiker stehen, liegt es möglicherweise auch, dass Formulierungskunst, Inspiration und Sprachwitz im hessischen Landesparlament eher die Ausnahme als die Regel sind. Politik verkommt zu einem „Gerede von leeren Worten“, wie es die fraktionslose Abgeordnete Mürvet Öztürk einmal ausdrückte.

„Vieles ist mit heißer Feder gestrickt“, bestätigt der FDP-Fraktionsvorsitzende René Rock. Einer, der gegen diese Entwicklung ankämpft, ist der Gießener Parlamentarier Gerhard Merz. Ein Kampf gegen Windmühlenflügel, ist man versucht zu sagen, wohlwissend, dass Merz das als Phrase und deshalb unbedingt zu vermeidende Formulierung einstufen würde.

Der 65 Jahre alte Sozialdemokrat hat nach eigenem Bekunden schon früh in seinem Leben eine Vorliebe für „Scherz, Satire, Ironie und schiefere Bedeutung“ entwickelt. Vor diesem Hintergrund ist der Landtag für ihn zu einer Quelle der Freude geworden. „Papyrrhussiege II – Vom Rubikon nach Waterloo“ (VAS-Verlag, 12,80 Euro) heißt das Buch, in dem der Sozialdemokrat die von ihm aufgeschnappten leeren Worthülsen, schiefen Bilder, verrutschten Redewendungen, verunglückten Satzbauten, falsch verwendeten Fremdwörter und eigenwilligen Sprachschöpfungen jetzt wieder einmal zusammengetragen hat.

Gut Gemeintes und schlecht Formuliertes: „Zwischen diesem Spagat bewegen wir uns“, wie der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Boddenberg vielleicht sagen würde und im Landtag, laut Merz, auch schon einmal gesagt hat. Merz sitzt seit 2008 im Parlament, sammelt aber schon seit Anfang des Jahrhunderts, was Sprachakrobaten aus Politik und Medien freiwillig oder unbeabsichtigt von sich geben; inzwischen hat er mehr als 1700 Beispiele für solchen „Sprachmüll“ zusammengetragen. „Zitate, die haarscharf an der Vernunft vorbeigehen“, befand Landtagsvizepräsident Frank Lortz (CDU) bei der Vorstellung des Buches. „Eine köstliche Sammlung von Stilblüten.“

In diese Kategorie gehört beispielsweise folgende Meinungsäußerung des inzwischen aus dem Landtag ausgeschiedenen Nordhessen Timon Gremmels (SPD): „Ich finde es unmöglich, die Ahle Wurscht ins Schaufenster zu hängen und dann im Regen stehen zu lassen.“ Oder die Ankündigung des CDU-Abgeordneten Walter Arnold: „Das Land zündet eine Rakete mit mehreren Bausteinen.“ Die Grünen-Abgeordnete Karin Müller erwarb sich das Recht für einen Eintrag im Buch mit der Feststellung: „Prävention lohnt sich, von der Wiege bis zur Bahre.“ Und Müllers Parteifreundin Martina Feldmayer glänzte mit einem dadaesk anmutenden Werbebeitrag für Klimaschutz in der Landwirtschaft: „Mit der Solaranlage hat der Bauer dann noch eine Melkkuh auf dem Dach, die ihm die Energiekosten spart.“

In einer Pressemitteilung der Wiesbadener SPD-Stadtverordnetenfraktion, so erinnert sich Merz, sei auf unnachahmliche Weise darauf hingewiesen worden, dass in der Landeshauptstadt „Fäkalien im Schwimmbecken nicht auf die leichte Schulter genommen werden“. Aber es gibt in seinem Band auch Sätze von philosophischer Untiefe wie folgende Sentenz des FDP-Abgeordneten Jörg-Uwe Hahn: „Kritik ist keine Einbahnstraße, sondern hat immer was mit Gegenverkehr zu tun“, stellte der Liberale treffend und nicht ohne Esprit fest.

Bereits 2015 hat Merz einen ersten Sammelband veröffentlicht. „Hessen ist und bleibt das Phrasenland Nummer eins“, sagt er. Die Hoffnung, dass sich das ändern könnte, hat er aufgegeben. Der Kampf „gegen das allgegenwärtige, immerwährende und nicht enden wollende nichtsnutzige Geschwätz“ sei aussichtslos, heißt es im Nachwort des Buches. Eine „Syphilis-Aufgabe“ eben, wie es ein Bürgermeister aus dem Südhessischen einmal beschrieben haben soll. Der Mann muss nun aber wirklich ein „Vollpfosten mit Lattenschuss“ gewesen sein, um eine Wortschöpfung des SPD-Landtagsparlamentariers Norbert Schmitt zu verwenden.

Ob es seit dem ersten Band schlimmer geworden sei mit den Sprachkünsten seiner Landtagskollegen? „Nein“, meint Merz, „aber auch nicht besser.“ Allerdings habe seine Empfindlichkeit im Lauf der Zeit zugenommen, allein im vergangenen Jahr sei seine Sammlung um 250 Beiträge gewachsen. Das Material – vieles wird ihm parteiübergreifend zugetragen – verarbeitet er seit 2014 in der Kolumne „Merz hört mit“ auf www.fuldainfo.de im Internet. Und weil er im Landtag zu wenig Gelegenheit hat, sein Gefühl für Sprache zur Geltung zu bringen, tritt er außerdem seit einigen Jahren mit einem kabarettistischen Programm und mit Lesungen aus seinen gesammelten Werken auf.

Auch hässliche Wörter oder wegen ihrer ständigen Verwendung zu Platitüden gewordene Formulierungen gehen Merz gegen den Strich. Mehr als 2000 hat er davon bereits zusammengetragen: von Abbaupfad bis zuwendungsunschädlich. „Was mich wirklich nervt, ist die Wiederholung bestimmter Begriffe bis zum Erbrechen.“ Für Pressemitteilungen seiner Fraktion hat er beispielsweise ein Verbot der Phrase „schallende Ohrfeige“ verhängt.

Aber der Stilblüten-Sammler zieht sich auch selbst durch den Kakao. „Wir haben ein paar Flaschenhälse, in denen die Räder nicht ineinandergreifen“, soll er laut dem Buch bei einem Pressegespräch gesagt haben. Ergo: Auch ein Sprachpapst ist nicht unfehlbar.

Quelle: F.A.Z.
Ralf Euler
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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