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Verdichtung in Wiesbaden

„Neues Wohnzimmer“ für Schelmengraben

Von Robert Maus
 - 15:55
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Fünf bunte Schafe aus Beton stehen auf der Wiese vor den Mehrfamilienhäusern an der Karl-Marx-Straße im Schelmengraben. Die Farbe auf den Skulpturen ist teilweise abgeplatzt; sie sehen abgenutzt aus. Es müsste sich jemand um sie kümmern und ihnen einen frischen Anstrich verpassen. Damit geht es den Schafen wie dem rund 6000 Einwohner zählenden Stadtquartier, mit dem Unterschied, dass die Verantwortlichen der Stadt Wiesbaden nun begonnen haben, den Schelmengraben aufzuwerten – auch wenn nicht alle damit einverstanden sind.

Großer Bahnhof an der Baustelle für das neue Stadtteilzentrum: Mit Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), Sozialdezernent Christoph Manjura (SPD) und Stadtentwicklungsdezernent Hans-Martin Kessler (CDU) sind vor kurzem drei Magistratsmitglieder gekommen, um den ersten Spatenstich für den knapp 9,4 Millionen Euro teuren Neubau zu führen. Etwa zwei Drittel der Kosten zahlen Land und Bund. Es sei ein „guter Tag“ für den Schelmengraben, der ein „neues Wohnzimmer“ erhalte, sagt Manjura, und Gerich kündigt an: „Hier tut sich in den nächsten Jahren eine ganze Menge.“

Das scheint in der Tat notwendig, denn das Quartier gehört zu Wiesbadens Problemvierteln. Die Arbeitslosigkeit ist mit etwa 14,4 Prozent fast doppelt so hoch wie im Rest der Stadt. Rund ein Viertel der Bewohner lebt von Hartz IV, und gut 70 Prozent der Menschen weisen einen Migrationshintergrund auf. Der Ausländeranteil beträgt 28,2 Prozent, weitere 15,9 Prozent sind Spätaussiedler. Zum Vergleich: Der Anteil der Ausländer in Wiesbaden beträgt 20,6 Prozent, der der Spätaussiedler 3,8 Prozent.

Anlaufstelle für hilfsbedürftige Menschen

Das neue Stadtteilzentrum, das 2020 fertig sein soll, hat die Aufgabe, das marode Vorgängergebäude aus den achtziger Jahren zu ersetzen. Der Neubau wird drei Stockwerke haben, einen Bürgersaal, einen Familien- und Kinderraum, einen Jugendtreff sowie weitere Gruppenräume für Kulturinitiativen. Bauherr ist das Amt für soziale Arbeit, das die Hauptaufgabe des neuen Zentrums erklärt. Es soll die Anlaufstelle für Menschen in dem Quartier sein, die Hilfe benötigen. Wenn die Gesellschaft Kitt braucht, der sie zusammenhält, ist das Stadtteilzentrum die Werkstatt. Aus diesem Grund wird auch das existierende Stadtteilzentrum bis zur Fertigstellung des Neubaus offen gehalten.

Der Schelmengraben steht vor erheblichen Veränderungen. Die Stadt möchte das Quartier „nachverdichten“. Laut Gerich sind derzeit 650 neue Wohnungen angedacht. Diese sollen ausschließlich auf den Grundstücken der Wohnungsbaugesellschaft mbH Hessen (GWH) entstehen, die mit knapp 2150 Wohnungen schon jetzt der mit Abstand größte Vermieter in dem Quartier ist. Daher, so Manjura, wird die GWH auch die neuen Wohnungen bauen.

Noch vor zwei Monaten hatte die Stadtspitze die Gesellschaft dafür kritisiert, dass sie etwa der Hälfte der Bewohner die Miete um bis zu 15 Prozent erhöht hatte. Laut Gerich und Manjura müssten die Menschen in dem Quartier nun einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihres Einkommens für die Wohnung aufwenden. Sie forderten, komplett auf die Mieterhöhung zu verzichten. Dieser Forderung kam die Wohnungsbaugesellschaft nicht nach.

Widerstand gegen Nachverdichtung

Die Stadt hat keine Möglichkeit, auf die GWH Einfluss zu nehmen, weil diese der Landesbank Hessen-Thüringen gehört. Daher hat die Stadt ihre Bemühungen, die Mieten der GWH zu begrenzen, erst einmal aufgegeben, wie Manjura am Rande des Spatenstiches mitteilt. Die städtische Zurückhaltung mag auch damit zu tun haben, dass die Stadt auf die GWH angewiesen ist. In der nächsten Zeit werden Gespräche darüber geführt, wer die soziale Infrastruktur im Schelmengraben finanziert, die durch den Bau der 650 neuen Wohnungen – ursprünglich waren sogar 1000 geplant – notwendig wird.

„Der Schelmengraben ist ein hochattraktives Wohnquartier“, sagt Gerich zur Kritik an der Siedlung und ergänzt: „Es gibt viele Grünflächen, und der Ausblick aus den Häusern ist toll.“ Gleichwohl räumt er im Gespräch ein, dass man ein solches Wohngebiet heute nicht mehr in dieser Art und Weise bauen würde. Aber auch das neue Wohnquartier Ostfeld/Kalkofen wird seiner Einschätzung nach eine hochverdichtete Wohnsiedlung werden, allerdings anders gebaut. So werde etwa Parkraum nicht mehr so sichtbar an der Straße vorgehalten.

All die neuen Erkenntnisse und daraus resultierenden Maßnahmen sollen in die Pläne für die 650 neuen Wohnungen einfließen. Trotzdem gibt es Widerstand. Nach Bekanntwerden des Vorhabens gründete sich die Bürgerinitiative „Lebenswerter Schelmengraben“, die unter anderem mit dem Argument gegen die Nachverdichtung kämpft, dass der Schelmengraben schon heute die höchste Wohndichte aller Wiesbadener Siedlungen aufweise. Für die Pläne spricht sich indes die Initiative „Gemeinwohl hat Vorfahrt“ aus. Um die widersprechenden Ansichten unter einen Hut zu bringen, wurde ein Quartiersrat gewählt, der vergangenes Jahr seine Arbeit aufnahm.

Schelmengraben als Experiment?

Die neuen Wohnungen im Schelmengraben sollen laut Gerich zudem für eine bessere soziale Mischung in dem Quartier sorgen. Nur ein Teil werde als Sozialwohnung gebaut. Es soll auch Wohnungen geben, die für die Mittelschicht konzipiert sind, damit der vielzitierte Polizist und die Krankenschwester dort einziehen. Es ist laut Stadtentwicklungsdezernent Kessler derzeit allerdings nicht absehbar, wann die Bebauungspläne rechtskräftig werden. Bisher ist das Jahr 2020 im Gespräch. Einen Termin, wann Menschen in die Wohnungen einziehen können, nennt er auf Nachfrage nicht.

Der Widerstand gegen die Pläne hält indes an. Dabei geht es den Kritikern nicht nur um ihren eigenen Vorteil. Hans Schade ist ein Beispiel dafür. Der Rentner ist 2016 mit seiner Frau aus Taunusstein in den Schelmengraben gezogen. „Wir kannten den Ruf des Viertels, und wir wussten, was alle sagen würden“, erzählt er und fügt an: „Wir halten es aber für ein gutes Experiment, wenn so viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten zusammenwohnen.“ Für Schade steht fest: „Wir waren mit unserer Wohnsituation noch nie so zufrieden wie heute.“

Sein Wohlgefallen löst sich indes auf, wenn er an die geplante Nachverdichtung denkt. „Ich halte das Vorgehen der Stadt für planlos und die Ankündigung, dass eine bessere Durchmischung erreicht werden soll, für Propaganda. Es zieht doch niemand in den Schelmengraben, wenn ich ihm vorher sage: Wir brauchen dich für die soziale Durchmischung.“

„Offene Wunde“ soll geschlossen werden

Schade weiß, dass Wohnraum knapp ist, aber er würde es für besser halten, wenn im hochverdichteten Schelmengraben nicht noch weitere Wohnungen gebaut würden. „Ich glaube, das macht die Stadt nur, weil sie hier mit wenig Widerstand rechnet. Die wollen sich des Problems mit zu wenig Sozialwohnungen in Wiesbaden hier bei uns entledigen“, stellt er fest.

Es gibt ein weiteres Problem im Quartier, das der Stadtspitze auf den Nägeln brennt. Das sogenannte rote Hochhaus im Zentrum des Schelmengrabens hat mit dem Unternehmen „Round Hill Capital“ einen neuen Eigentümer. Laut Kessler befinde sich die Stadt im Gespräch mit den neuen Eigentümern, um die „unhaltbaren Zustände“ schnellstmöglich zu beheben. Der Dotzheimer Ortsvorsteher Gert-Uwe Mende (SPD) bezeichnet das Hochhaus als „offene Wunde“, die geschlossen werden müsse. Er fordert die neuen Eigentümer auf, sich um ihr Eigentum zu kümmern. Die Nachverdichtung des Quartiers ist seiner Einschätzung nach eine Aufwertung. „Wir wollen den Schelmengraben verbessern“, stellt Mende klar.

Quelle: F.A.Z.
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