Schlimme Zustände in Hanau

Ein Leben zwischen Kakerlaken und Müllbergen

Von Luise Glaser-Lotz, Hanau
 - 17:34

Der Rand der Hanauer Gesellschaft befindet sich in der Daimlerstraße. Seit der Öffnung der Grenzen zu Rumänien und Bulgarien sind in die aus acht Gebäuden bestehende Wohnanlage in der Nähe des Hauptbahnhofs immer mehr Armutsflüchtlinge eingezogen, mit und ohne Anmeldung, mit und ohne Mietvertrag. Wie viele Menschen sich in den Wohnungen, aber auch in einzelnen Räumen in den Kellern oder in den Tiefgaragen aufhielten, das wusste über die Jahre niemand so genau.

Der Internationale Bund, der sich in einem Kooperationsprojekt mit der Stadt um diejenigen Familien kümmert, die sich helfen lassen wollen, sprach in seinem Jahresbericht für das Jahr 2016 von schätzungsweise 400 Personen, vor allem Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien, darunter zahlreiche Roma. Immer wieder gaben und geben die unwürdigen Zustände dort Anlass zu Diskussionen, und das bisweilen zudringliche Verhalten mancher Bewohner bringt die Nutzer des nahen Bauhofs in Rage.

Das Ausmaß der Verwahrlosung war nicht klar

Wie es aussieht, könnte der soziale Brennpunkt in einiger Zeit verschwunden sein, denn Investoren, die Offenbacher Unternehmen MS & Söhne Grund- und Immobilienbesitz GmbH sowie Finest Property UG, kauften die Anlage und übernahmen sie Mitte Oktober. Sie wollen nach den Worten von Anna Kurz, Geschäftsführerin der Finest Property, dort Mietwohnungen im gehobenen Standard mit zwei bis fünf Zimmern für rund 100 Familien schaffen. Der Mietpreis stehe noch nicht fest, er werde sich an denen vergleichbarer Hanauer Immobilien orientieren.

Aber es komme darauf an, wie schwierig es werde und wie lange es dauere, bis die Häuser von den Bewohnern verlassen seien. Anschließend wird mit einer Sanierungszeit von sechs bis zwölf Monaten gerechnet. Die Erkenntnis, dass die Häuser nur ohne Bewohner auf Vordermann gebracht werden könnten, sei erst nach der Übernahme entstanden. Man habe schlimme Zustände erwartet, aber das Ausmaß der Verwahrlosung sei erst mit Beginn der Aufräumarbeiten offenbar geworden.

Wovon Kurz spricht, wird bei einem Rundgang deutlich. Am schlimmsten ist es in einigen Kellern, dort hausten Kurz zufolge Menschen auf Matratzen zwischen Müll und heruntergekommenen Waschräumen. 36 Container seien bisher mit Abfällen aller Art gefüllt worden, aber ständig komme neuer Müll hinzu. In einem Kellerraum stapelt sich der Dreck bis fast unter die Decke. Der kann aber nicht weggeräumt werden, sagt Bauleiter Carmine Esposito, weil es, so unvorstellbar es auch sei, noch einen Bewohner des Raumes gebe. Sein Bett sei unter den Abfällen verschwunden. Aufpassen muss man vor Kabeln am Boden. Das könnten Stromleitungen sein, denn üblich war es nach den Schilderungen des Bauleiters, dass die Hauptleitungen illegal angezapft wurden.

Alles muss in den Häusern erneuert werden: die Leitungen, die Fenster und die Türen. Vor allem der Austausch der Gasleitungen könne nur stattfinden, wenn niemand mehr dort wohne, sagt Kurz. Auch rund um die Gebäude herrscht Müllchaos. An vielen Stellen stapeln sich alte Autoreifen, hinter einem Haus gibt es einen ganzen Berg davon. Der Treppenabgang in eine Kellerwohnung wurde laut Esposito kürzlich vom Müll befreit, jetzt kann die Treppe vor lauter Unrat und Glasscherben kaum mehr betreten werden. Dass sich dort Ratten und Kakerlaken wohl fühlen, ist keine Frage. Die Plage sei riesig, berichtet der Bauleiter. Auch das sei ein Grund dafür, warum alle Mieter gehen müssten, auch diejenigen, die versuchten, sich hinter ihrer Wohnungstür ein Zuhause zu schaffen. Davon gibt es durchaus einige in der Wohnanlage, aber bei dem starken Ungezieferbefall reichen Putzen und Sauberkeit nicht aus.

2000 Euro boten die neuen Eigentümer denen, die bis Ende November ausgezogen sind, 800 Euro bekommt, wer bis zum Jahresende die Daimlerstraße verlassen hat. Bisher habe man die Prämie 25 Mal ausgezahlt, berichtet Kurz. Die Leute seien zwar gegangen, aber einige seien über Nacht wiedergekommen. Bei allen, die einen gültigen Mietvertrag besitzen, würden die Kündigungsfristen selbstverständlich eingehalten.

Die Kritik des Hanauer Mieterbunds kann die Property-Geschäftsführerin daher nicht nachvollziehen. Ein Großteil der Bewohner besitze nicht einmal einen Mietvertrag. Mieterbundvorsitzender Hans-Egon Heinz wirft den neuen Eigentümern „skandalöses und asoziales Verhalten“ vor, denn sie nötigten die Bewohner zum Auszug.

Heinz spricht von dubiosen Angeboten, von Räumungsklagen sowie das Auftauchen von Gerichtsvollziehern und Polizei. Man habe sich um den persönlichen Kontakt mit den Bewohnern bemüht, hält Kurz dagegen. Man habe sie auf der Straße vor dem Haus angesprochen, wo sich tagsüber viele aufhielten, und habe in den Wohnungen vorgesprochen und sei dabei auf viel Entgegenkommen gestoßen. Bei der Übernahme seien 419 Personen gemeldet gewesen, vor einer Woche noch circa 200. Seitdem seien weitere 15 weggezogen, wohin, das kann Kurz nicht sagen. Sie geht davon aus, dass viele in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehrten.

Wer trägt die Verantwortung?

Von der Stadt Hanau fühlen sich die Investoren gut unterstützt. „Die steht voll hinter uns“, berichtet Anna Kurz. Bürgermeister und Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel (SPD) weist die Schuld an der Misere dem bisherigen Eigentümer Jürgen H. zu, der sich in der Regel nicht öffentlich äußert. Er habe die Häuser zu Schrottimmobilien verkommen lassen und keinen Beitrag dazu geleistet, dass sich die Situation verbessern konnte, kritisiert Weiss-Thiel. Nur weil an der Daimlerstraße quasi Ausnahmezustand geherrscht habe und es zu Straftaten gekommen sei, habe sich die Stadt um eine soziale Betreuung gekümmert und mit dem Internationalen Bund im Jahr 2013 das Kooperationsprojekt begründet.

Daraus könne nun nicht die Verantwortung der Stadt abgeleitet werden, die Zustände zu beseitigen. Eine rechtliche Handhabe habe es dazu nicht gegeben. Schließlich seien die Häuser keine städtische Einrichtung, die einfach geschlossen werden könne. Es sei Aufgabe des Eigentümers und auch der Mieter, die Bewohnbarkeit der Häuser herzustellen, nicht der Stadt. Klar sei, dass nur in komplett geräumten Häusern eine grundlegende Sanierung möglich sei. Mit der Übernahme der Häuser durch die Offenbacher Investoren bestehe nun erstmals die Chance zur Verbesserung der Lage. Für viele der jetzigen Bewohner wäre ein Rückzug in die Heimat die beste Lösung, denn ihre Umverteilung beispielsweise in Wohnungen der städtischen Baugesellschaft sei nicht vorgesehen, sagt der Bürgermeister.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Glaser-Lotz, Luise (lu.)
Luise Glaser-Lotz
Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.
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