Hessisches Landesabitur

Reifeprüfung bestanden

Von Matthias Trautsch
 - 12:35

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Das machen die Schlagzeilen zur Einführung des Landesabiturs im Jahr 2007 deutlich. Vor dem „Fetisch der Vergleichbarkeit“ und vor „Gleichmacherei“ warnt die Opposition im hessischen Landtag, vor einem zum Scheitern verdammten „Versuch, Bildung zu normieren“ die Lehrergewerkschaft GEW. Wer das liest, dem kann in diesen Tagen, da ziemlich unaufgeregt wieder einmal zentrale Abiturprüfungen geschrieben werden, nostalgisch zumute werden.

Die Einführung des Landesabiturs war nicht die einzige Bildungsreform, die im Jahr 2007 die hessischen Schulen bewegte. Die CDU Roland Kochs versuchte, das vom Pisa-Schock erschütterte Schulwesen umzugestalten und hatte mit ihrer absoluten Mehrheit auch die Macht dazu. Manches Projekt muss als gescheitert betrachtet werden, allen voran die schlecht vorbereitete und inzwischen nur noch optionale achtjährige Gymnasialzeit. Doch das Zentralabitur hat sich etabliert.

Prüfungen laufen

Mehr als 25.000 junge Hessen absolvieren derzeit die schriftlichen Prüfungen. Am Donnerstag haben sie mit Englisch begonnen, heute werden sie mit den Leistungskursen unter anderem in Deutsch, Geschichte und Sport fortgesetzt, um dann kurz vor den Osterferien mit den Leistungs- und Grundkursen Physik zu enden. Wurden die Aufgaben früher von den einzelnen Lehrern erarbeitet, werden sie seit zehn Jahren zentral für ganz Hessen erstellt. Verantwortlich dafür sind Fachkommissionen, bestehend aus erfahrenen Abitur-Prüfern.

Das heißt allerdings nicht, dass nichts schiefgehen kann. Besonders eklatant waren die Fehler in der Mathematik-Prüfung 2009. In den Aufgabenstellungen fehlten ein Minuszeichen, der Verweis auf die Variable y und ein Hinweis auf ein Baumdiagramm. Zwar fielen die Fehler am Prüfungsmorgen auf. Doch die Nachricht aus Wiesbaden erreichte manche Schulen erst, als die Abiturienten über den unverständlichen Aufgaben bereits verzweifelt waren. Das Malheur sorgte auch deshalb für Aufsehen, weil so viele Schüler betroffen waren. Mathematik ist das mit Abstand häufigste Prüfungsfach, zwei von drei Abiturienten belegen es.

Die Panne hatte für das Kultusministerium ein unangenehmes und zudem langwieriges Nachspiel. Die gerade erst ins Amt gekommene Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) kam der Forderung zwar nach, eine Wiederholung anzubieten, doch das reichte der Redaktion einer großen Boulevardzeitung nicht. Sie forderte, den Namen und die Funktion dessen zu nennen, der die fehlerhaften Unterlagen freigegeben hatte.

Drei Jahre juristischer Streit

Als das Ministerium das mit dem Argument der Schutzbedürftigkeit des Mitarbeiters verweigerte, ging der Verlag vor Gericht. Es gehe um die prinzipielle Frage, welchen Anspruch Journalisten auf Auskunft von Behörden hätten. Aus dem Ministerium wurde hingegen gestreut, dass die Beharrlichkeit der Zeitung vor allem damit zu tun habe, dass unter den Abiturienten auch die Tochter des Frankfurter Redaktionsleiters gewesen sei. Der juristische Streit dauerte drei Jahre und endete erst vor dem Hessischen Verwaltungsgerichtshof, der dem Ministerium recht gab.

Pannen ähnlicher Größenordnung sind seither nicht mehr passiert, allerdings gibt es immer wieder Kritik an komplizierten und teils unsinnigen Fragestellungen. Im vergangenen Jahr lautete eine Aufgabe im Deutsch-Abitur beispielsweise: „Beurteilen Sie, inwiefern die Kenntnis der Visionen Grenouilles aus Süskinds ,Das Parfum’ und des Prinzen aus Kleists ,Prinz Friedrich von Homburg’ die Einschätzung dieser literarischen Figuren und ihrer Handlungen durch die Leser beeinflusst.“

Lehrer, die ihre Prüflinge damit konfrontieren mussten, gaben offen zu, dass sie selbst die Fragestellung nicht verstanden hätten. Die Formulierung sei schon inhaltlich falsch, weil der Prinz von Homburg keine Visionen, sondern Träume gehabt habe, und auch grammatikalisch unsauber. In einer etwas einfacheren Formulierung trete die Sinnlosigkeit der Aufgabe zutage: „Beurteilen Sie, welchen Einfluss es auf den Leser hat, dass in dem Text etwas geschildert wird.“

Aufgaben aus einer bundesweiten Sammlung

Immerhin können sich die hessischen Abiturienten in den schriftlichen Prüfungen zwischen mehreren Aufgaben entscheiden. Darunter sind in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch in diesem Jahr erstmals Aufgaben, die aus einer bundesweiten Sammlung stammen. Die Kultusministerkonferenz unternimmt mit diesem Aufgabenpool einen ersten Schritt zu einer bundesweiten Angleichung der Prüfung. In dieselbe Richtung gehen die nationalen Bildungsstandards, auf die sich die Länder in den genannten vier Fächern geeinigt haben und die nun auch für die Naturwissenschaften entwickelt werden sollen.

Während das hessische Zentralabitur vor zehn Jahren vornehmlich von der linken Landtagsopposition kritisiert wurde, formulieren inzwischen eher konservative Bildungsforscher ihre Skepsis gegen eine fortschreitende Vereinheitlichung der Prüfungen. Der Frankfurter Biologie-Didaktiker Hans Peter Klein sieht in der „Standardisierung“ allzu oft eine Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Die landesweit und womöglich bald bundesweit erarbeiteten Prüfungen führten nicht nur zu einer Nivellierung, sondern auch zur Senkung der Ansprüche, weil kein Kultusminister es sich leisten könne, wenn seine Schüler reihenweise durchs Abitur rasselten.

In seinem unlängst erschienenen Buch „Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen“ nennt Klein Beispiele von zentral erstellten Abituraufgaben, die kaum noch fachliche Anforderungen stellen. Teils müssten die Schüler nur die Aufgaben abschreiben oder umformulieren, um mit ihren Antworten auf der sicheren Seite zu sein. Aus den hessischen Durchschnittsnoten der vergangenen zehn Jahre lässt sich nicht ableiten, dass das Abitur einfacher wird – zumindest nicht so einfach. Der landesweite Notenschnitt ist seit der letzten dezentralen schriftlichen Prüfung im Jahr 2006 von 2,48 auf 2,40 im vorigen Jahr gefallen. Das ist eine Verbesserung, aber noch nicht die vielfach vermutete „Noten-Inflation“.

Allerdings ist zu beachten, dass die Zahl der Abiturienten seit 2006 um rund ein Viertel zugenommen hat. Es erreichen also Schüler die Hochschulreife, die das früher nicht geschafft hätten, ohne dass sich das auf den landesweiten Notenschnitt auswirkt. Auffällig ist außerdem, dass immer mehr Absolventen ein glattes Einser-Abi gelingt. Erreichte 2006 nur knapp ein Prozent eine Endnote von 1,0, waren es zuletzt mehr als zwei Prozent. Im bundesweiten Vergleich ist das gar nicht besonders viel, mancherorts ist es auch mit einer Spitzennote nicht mehr möglich, einen Studienplatz in Medizin zu bekommen. Der Düsseldorfer Bildungsforscher Rainer Bölling warnt vor einer „forcierten Vermehrung höherer Schulabschlüsse auf Kosten der Qualität“ und verweist auf das Beispiel Frankreichs. Dort sollen 80 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, doch nach Böllings Meinung wird es dadurch statt zum erhofften sozialen Aufstieg der Massen nur zu einer Entwertung des Abschlusses kommen.

Rankings der angeblich besten Gymnasien

Bei der Betrachtung des hessischen Noten-Aufschwungs ist allerdings auch zu beachten, dass die zentral erstellten Klausuren nur 60 Prozent der Prüfungsnote ausmachen. Hinzu kommen die Ergebnisse der mündlichen Prüfungen, die weiterhin in der Hand der Lehrer liegen. Vor allem aber tragen alle Prüfungen nur ein Drittel zur Gesamtnote bei, der Rest speist sich aus den Zensuren der letzten beiden Schuljahre. Das hat manche Medien in den ersten Jahren des Zentralabiturs freilich nicht davon abgehalten, anhand der Endnoten Rankings der angeblich besten Gymnasien zu erstellen. Auch heute noch wirbt manche Schule mit einem besonders guten Abi-Schnitt. Dabei ist der maßgeblich dem Ermessen der jeweiligen Lehrer geschuldet – böswillig könnte man behaupten: Je besser die Note, desto niedriger der Anspruch.

Der Politik ist es bei allem öffentlich beteuerten Streben nach „Transparenz“ ganz recht, dass die Abiturergebnisse nicht allzu aussagekräftig sind. Eine mit ihnen ausgetragene Konkurrenz könnte eine Unwucht ins Bildungswesen bringen, da Schulen, die es mit ihrer Schülerklientel ohnehin schwerer als andere haben, dann zusätzlich unter Druck gerieten. Unverständlich ist allerdings, dass die Abituraufgaben nicht gleich nach den Klausuren veröffentlicht werden, sondern erst über den Umweg eines Verlags, der Geld mit Büchern zur Prüfungsvorbereitung verdient. Vielleicht wäre die Freigabe der Texte die passende Neuerung nach zehn Jahren Landesabitur. Schließlich ist es durchaus von öffentlichem Interesse, nach welchen Kriterien sich die Hochschulreife der hessischen Schüler bemisst.

Quelle: F.A.S.
Matthias Trautsch- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Trautsch
Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
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