Kaum Ladestationen

Kurzschluss in der E-Mobilität

Von Jochen Remmert, Rhein-Main
 - 18:17

2020 sollen eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen umherfahren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hält das noch immer für möglich, nachdem sie dieses Ziel 2011 zum ersten Mal ins Regierungsprogramm hatte schreiben lassen. Nach heutigem Stand fehlen allerdings noch rund 980.000 Autos zur Million. Wie neuen Zulassungszahlen zu entnehmen ist, sind gerade einmal gut 20.000 Fahrzeuge mit reinem Elektroantrieb in Deutschland unterwegs. Selbst wenn sich schlagartig die Zulassungszahl vom vergangenen Jahr verzehnfachen würden, würde das Ziel verfehlt. Denn 2014 sind gerade einmal 8500 E-Automobile neu zugelassen worden.

In Hessen waren es 535. Alles in allem fahren nur 1437 Autos rein elektrisch zwischen Kassel und dem Odenwald herum. Bei den Hybridautos sieht es hier mit gut 10.000 schon besser aus. Bei Elektromobilität im engen Sinne geht es aber nicht um diese Hybriden, bei denen der Verbrennungsmotor auch unmittelbar für den Vortrieb sorgt, sondern um rein elektrisch angetriebene Autos. Manche von diesen haben zwar auch einen kleinen Range Extender genannten Verbrennungsmotor an Bord, der treibt aber keine Achsen an, sondern soll nur Akkumulatoren aufladen und die Reichweite erhöhen.

Nicht sonderlich zukunftsweisend

Zur geringen Zahl von Elektroautos in Hessen passt, dass es in Frankfurt derzeit gerade einmal 21 Stromtankstellen der Mainova und zwölf von RWE gibt, drei weitere sind bei Unternehmen installiert und einige wenige sind in Parkhäusern zu finden. Flächendeckend geht anders - die Elektromobilität steht offenbar nicht im Mittelpunkt des Interesses. Jedenfalls weiß man beispielsweise im Frankfurter Umweltdezernat dazu eigentlich nur eines zu sagen, nämlich dass man für Elektromobilität nicht zuständig sei. Die Einlassung des Frankfurter Energieversorgers Mainova, dass die Infrastruktur für E-Mobilität „inzwischen sehr gut ausgebaut ist“, klingt im ersten Moment wie ein verspäteter Fastnachtsscherz. Gemessen an der geringen Auslastung der Stromzapfsäulen im öffentlichen Raum Frankfurts, ist die Aussage aber sogar zutreffend. Da es nur vereinzelt Elektrofahrzeuge gibt, braucht man vordergründig auch nicht mehr Stromtankstellen. Zudem sind die Parkplätze, neben denen Elektrozapfsäulen stehen, auch für jedes andere Auto freigegeben. Deshalb finden sich dort meist Autos mit einem üblichen Verbrennungsmotor. Aus der mit dem Thema befassten Wirtschaftsförderung Frankfurt heißt es dazu, es sei rechtlich nicht möglich, diesen Parkraum für Elektroautos zu reservieren.

Zukunftsweisend klingt das eben nicht. Dabei hatte sich die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) stets persönlich immer ins Zeug gelegt, um für Elektromobilität zu werben. Die ersten Säulen nahm sie selbst in Betrieb. Und schon 2011 sollten drei Elektrobusse von der Frankfurter Innenstadt in den Flughafenstadtteil Gateway Gardens fahren. Doch im Sommer 2012 musste man die Pläne wieder begraben, weil der chinesische Hersteller BYD weder zugelassene Busse noch die entsprechende Werkstatt-Infrastruktur bereitstellen konnte.

George Clooney im Elektrosportwagen

Die Frankfurter Nahverkehrsgesellschaft Traffiq würde gerne E-Busse auf ihren Strecken sehen. Deshalb sind bei Ausschreibungen auch alternative Antriebe ausdrücklich erwünscht, wie Traffiq mitteilt. Nur müsse man sich darüber im Klaren sein, dass Busse mit reinem Elektroantrieb zwar im Betrieb nicht teurer als herkömmlich angetriebene Fahrzeuge seien - durch die neue Infrastruktur für die Wartung entstünden aber erst einmal zusätzliche Kosten. Ganz abgesehen vom höheren Anschaffungspreis.

Die Politik muss also E-Mobilität nicht nur auf dem Papier wollen, sondern auch als Kostenfaktor ertragen können. Die Offenbacher hatten vor wenigen Jahren einen E-Bus tatsächlich im Einsatz. Die Ingenieure hatten aber die Heizung vergessen. Böse Zungen behaupteten damals, es habe daran gelegen, dass der Bus im warmen Portugal gebaut worden sei.

Derartige Mängel weist beispielsweise das neueste Modell der Elektroautobauer von Tesla nicht auf - obwohl das Unternehmen im ebenfalls sonnigen Kalifornien sitzt. Die Autos, inzwischen auch in Frankfurt im Opernturm anzuschauen und zu kaufen, können es, was Leistung, Ausstattung und Optik betrifft, mit der Oberklasse von Mercedes, BMW oder Audi aufnehmen. Was den Preis betrifft, allerdings auch: Bei rund 72.000 Euro geht es los. Will der Kunde den Akkusatz, der dem Model S eine Reichweite von 480 Kilometern verschafft, eine Leistung von 367 PS und eine Beschleunigung auf 100 Stundenkilometer in 5,9 Sekunden, muss er mindestens 82.000 Euro ausgeben. Die noch stärkere Sportversion gibt es ab 96.000 Euro. Bekannt geworden ist die Marke Tesla mit dem Elektrosportwagen auf Lotus-Basis und dadurch, dass Stars wie Steven Spielberg und George Clooney oder Musiker der Kult-Band Red Hot Chili Peppers zur Kundschaft zählen.

2020 will Tesla profitabel sein

Im Unternehmen des amerikanischen Internet-Milliardärs Elon Musk hat man allerdings auch schnell erkannt, dass man gerade in Europa nicht darauf warten kann, bis irgendwer ein Netz von Stromtankstellen aufbaut, wie eine Sprecherin sagt. Deshalb habe Tesla im vergangenen Jahr in Europa 140, allein in Deutschland 29 Schnellladestationen an Hauptverkehrsstrecken aufgestellt, an denen Tesla-Kunden schnell Strom tanken könnten, „for free“, wie sie sagt. Tesla verstehe sich als Vorreiter der E-Mobilität, weshalb man im übernächsten Jahr auch ein Kompaktmodell für den Massenmarkt herausbringen wolle, das etwa halb so viel kosten soll wie die aktuellen Autos. 2020 will Tesla dann auch profitabel sein, im Moment schreiben die Enthusiasten rote Zahlen.

Mit dem 3. Frankfurter Elektromobilitätstag am 19. April in der Klassikstadt in Fechenheim will die Stadt einen weiteren Anlauf nehmen, vorhandene Vorbehalte gegen Elektroautos abzubauen, heißt es weiter bei der Wirtschaftsförderung. Die allerdings sind aus Sicht der Verbraucher nicht ganz unangebracht. Aber nicht etwa deshalb, weil es keine Serienfahrzeuge gäbe, die auch für den Alltagsbetrieb geeignet wären. Da gibt es inzwischen schon einige Fahrzeuge wie den Elektro-Smart, den Kleinwagen Renault Zoe, die Kompakten BMW i3, Nissan Leaf oder den E-Golf von Volkswagen.

Problem: Niedriger Ölpreis

Das Haupthindernis ist nicht einmal der im Vergleich höhere Preis, heißt es beim hessischen Landesverband des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes, sondern ganz klar die fehlende Infrastruktur. Die Verkaufszahlen bei den Hybriden zeigten, dass die Kunden durchaus bereit seien, auch etwas mehr auszugeben, wenn es der Umwelt diene. Doch wenn man sich schlicht nicht sicher sein könne, dass man sein Auto ohne große strategische Planung mehr oder weniger überall wieder aufladen könne, greife das Gros der Kunden immer zur weniger nervenaufreibenden Variante.

Zudem haben die Hersteller selbst nach Angaben eines Sprechers des hessischen Branchenverbands die herkömmliche Motorentechnik noch einmal derart auf geringe Emission und niedrigen Verbrauch getrimmt, dass es die reinen Elektroautos noch ein Stück schwerer haben. Zumal der Ölpreis zuletzt niedrig wie lange nicht mehr war. Aber er steigt längst wieder. Und damit gibt es wieder eine Chance für mehr E-Mobilität, wenn es denn auch mit der Infrastruktur funktioniert.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Remmert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Remmert
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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