Rheingau Literatur Festival

Wo im Wein ganz besonders viel Wahrheit liegt

Von Florian Balke, Rhein-Main
 - 12:34

„Anderthalb Gläser Wein sind drin“, sagt Heiner Boehncke. Ein Durchschnittswert. So viele Gläser Wein nehmen die Besucher des Rheingau Literatur Festivals seiner Erfahrung nach bei Lesungen zu sich. Zum 25. Mal findet das Festival in diesem Jahr statt, vom 14. bis zum 24. September sind zahlreiche Autoren in den Weingütern des Rheingaus zu Gast, gelesen wird an Orten wie Schloss Johannisberg, der Geisenheimer Sektkellerei Bardong und dem Weingut Baron Knyphausen: „Näher am Wein kann man nicht dran sein. Und an der Literatur auch nicht.“

Begonnen hat das kleine Geschwisterkind des ein paar Jahre älteren Rheingau Musik Festivals, das in diesem Jahr schon zum 30. Mal stattfindet, im Herbst 1993. Von Anfang an schwebte Michael Herrmann, dem Intendanten des Musikfestivals, ein Lesefest vor, das Wein und Literatur miteinander verbindet. Wie beim Musikfestival gab es einige Anlaufschwierigkeiten, aber schon 1994 wurde zum ersten Mal der mit einem Preisgeld von 11 111 Euro dotierte Rheingau-Literaturpreis vergeben, den es bis heute gibt und den die Jury am Donnerstag Ingo Schulze zuerkannt hat. Er erhält die Auszeichnung für seinen Roman „Peter Holtz – Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“, der Anfang September bei S. Fischer in Frankfurt erscheint.

Longseller und neues im Gepäck

Die 111 Flaschen Wein aus dem Rheingau, die mit dem Preis ebenfalls verbunden sind, erhält der 1962 in Dresden geborene Schriftsteller am 24. September, wenn ihm die Auszeichnung von 11 Uhr an auf Burg Schwarzenstein in Geisenheim-Johannisberg überreicht wird. Vielleicht wird Schulze ja so kreativ wie Saša Stanišić im vergangenen Jahr. Der hat in der Nacht vor seinem Auftritt noch rasch den Text umgeschrieben, den er vortragen wollte, und Herrmann und Boehncke darin auftauchen lassen.

Der Literaturwissenschaftler, der lange als Redakteur für den Hessischen Rundfunk gearbeitet und an der Frankfurter Goethe-Universität gelehrt hat, ist seit 2004 Künstlerischer Leiter des Festes. In diesem Jahr freut er sich besonders auf die Lesung von Sten Nadolny. Der vor knapp zwei Wochen 75 Jahre alt gewordene Autor der „Entdeckung der Langsamkeit“ hat nicht nur einen Bestseller geschrieben, der bis heute ein Longseller geblieben ist, sondern bringt auch ein neues Buch mit: „Das ist ein so feiner, umgänglicher Mensch mit einem frischen Roman – besser geht’s gar nicht.“ Am 15. September von 20 Uhr an stellt Nadolny „Das Glück des Zauberers“ auf Schloss Johannisberg vor.

Planung von Anfang des Jahres an

Zur Vierteljahrhundertfeier des Festivals kommen neben Nadolny auf Wunsch Herrmanns aber auch drei weitere Träger des Rheingau-Literaturpreises mit neuen Titeln zurück an den Ort ihrer Auszeichnung. Peter Stamm eröffnet das Festival am 14. September von 20 Uhr an auf Burg Schwarzenstein mit seinem neuen Roman „Weit über das Land“, Christoph Peters präsentiert seinen Erzählungsband „Selfie mit Sheikh“ am 21. September von 20 Uhr an auf dem Knyphausenschen Gut in Eltville-Erbach. Und Thomas Lehr liest am 22. September von 20 Uhr an in der Sektkellerei Bardong aus seinem Roman „Schlafende Sonne“.

Mit der Planung dessen, was im September für jährlich rund 3000 Festivalbesucher auf dem Programm steht, beginnt Boehncke zu Anfang des jeweiligen neuen Jahres. Was schließlich den fertigen Plan ausmacht, ist eine Mischung aus den Büchern, die in einem bestimmten Herbst herauskommen, und denen, die ihm besonders gefallen. Sein Budget setzt sich, ähnlich wie das des Musikfestivals, aus dem Erlös der Eintrittskarten und der Unterstützung durch Sponsoren zusammen.

Landschaft der Literatur

An der Dotierung des Literaturpreises ist das Land Hessen mit 5000 Euro beteiligt. Dass die Ehrung mit den 111 von den Prädikatsweingütern des Rheingaus gestellten Flaschen einhergeht, ist den Schriftstellern im deutschsprachigen Raum wohlbekannt. Rufe man sie an, um ihnen die Entscheidung der Jury mitzuteilen, vergewisserten sich viele, ob es auch wirklich der Preis mit dem Wein sei, sagt Boehncke. Sie wüssten, dass man sie auch sonst gut behandele: „Sie kommen gerne.“

Aber auch er denkt im vierzehnten Planerjahr oft zurück. Zum Beispiel an das Festival, auf dem Hans Magnus Enzensberger vor einigen Jahren den Prachtband „Kosmos“ vorstellte, sein großes Alexander-von-Humboldt-Projekt in der Anderen Bibliothek. Beim Erzählen zeigte er nach draußen, wies auf den Rhein und erinnerte die Zuhörer daran, dass der junge Humboldt im Frühling 1790 mit seinem Lehrer Georg Forster von Mainz aus genau diesen Abschnitt des Stromes hinabgefahren sei: „Ein magischer Moment.“

Der daran erinnert, dass der Rheingau nicht nur eine Weinlandschaft ist, sondern auch eine der Literatur. Das reicht von Clemens Brentanos Schlüsselerfahrung einer romantischen Landschaft im Osteinschen Park des Jahres 1802 bis zu Goethes Rheingau-Aufenthalt im Sommer 1814, in dem der mit den Romantikern über Kreuz liegende Weimarer Klassiker ihren Themen und Denkweisen so nahe kam wie nie zuvor, vom Wein der Gegend hilfreich unterstützt.

Zu Büchern und Getränken bekehren

Zu den schreibenden Festivalgästen, die häufig wiederkommen, zählt Boehncke den Frankfurter Schriftsteller Matthias Altenburg, der am 17. September von 18 Uhr an auf Burg Schwarzenstein einen ersten Einblick in seinen Jan-Seghers-Krimi „Menschenfischer“ gibt, der im November erscheint. Noch mehr Verbrechen gibt es am selben Tag bei Cora Stephan, die in der Kelterhalle des Rheingau Musik Festivals in Oestrich von 11 Uhr an ihren neuen Anne-Chaplet-Krimi vorstellt. „In tiefen Schluchten“ spielt in Frankreich, das zum bevorstehenden Auftritt als Gastland der Frankfurter Buchmesse auch von Ulrich Wickert in einem neuen Buch erklärt wird (20. September).

Constanze Neumanns Roman „Der Himmel über Palermo“ hingegen berichtet davon, was Wagners Stieftochter Blandine von Bülow auf Sizilien suchte (16. September). Irgendwann aber ist Schluss mit dem Lesen, dann geht es an die Getränke. So wie bei Martin Walser, der sich vor ein paar Jahren den Sekt verbat: „Ich trinke keinen Sekt.“ Er tat es dann doch. Vielleicht bekehrt das Festival ja auch in diesem Jahr den einen oder anderen Besucher zu neuen Getränken. Und neuen Büchern.

Weitere Informationen zum Programm des Festivals und Karten gibt es im Internet unter der Adresse www.rheingau-musik-festival.de.

Quelle: F.A.Z.
Florian Balke - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Florian Balke
Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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