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Schlechte Ernte

Ein Herbst fast ohne Boskoop

Von Thorsten Winter
 - 19:30
Mangel: Nicht nur der Boskoop, auch andere Apfelsorten leiden dieses Jahr unter den späten Frösten nach der Blüte (Symbolbild) Bild: dpa, F.A.Z.

Eine Wucht, diese Frucht. Auch eine echte Männerpranke kann sie kaum umfassen, so groß wird sie gemeinhin. Und dann erst ihr Fleisch: fest und grob, säuerlich und würzig und voller Vitamin C. Herrlich. Zudem hält sie sich bis ins Frühjahr hinein. Das alles zusammen macht den Boskoop zu einem der beliebtesten Tafel- und Backäpfel. Doch in diesen Tagen sucht manch ein Kunde im Supermarkt oder bei dem Direktvermarkter seines Vertrauens vergebens nach dieser Apfelsorte, die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Nähe der Käsestadt Gouda in den Niederlanden erstmals auftauchte und mit ihrem vollen Namen Schöner von Boskoop heißt. Ist das ein Zufall? Gar eine Verschwörung des Handels, der Verbrauchern gerne mal was Neues vorsetzt und Bewährtes aus dem Sortiment nimmt?

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Nachfrage bei einem, der es wissen muss: Berthold Heil in Kriftel. Der Obstbauer bestätigt, dass der im Deutschen meist knackig-kurz Boskop genannte Apfel dieses Jahr ein Mangelprodukt ist. Der Grund sei aber keine Auslistung durch Supermarktketten, vielmehr liege der Mangel in Launen der Natur begründet. Tückische Fröste im April nach der frühen Apfelblüte haben auch im Hessenland dem wohlschmeckenden Holländer arg zugesetzt, wie der Obstbauer berichtet. Das kann er mit ebenso nackten wie traurigen Zahlen belegen: „Normalerweise ernte ich 100 bis 120 Großkisten voller Boskoop, dieses Jahr sind es nur sieben.“ Da ist es mit Boskoop und anderen Apfelsorten aus der Region schlicht Essig im Laden.

Hoffnung für Boskoop-Freunde

Recht gut ist in diesen Tagen noch dran, wer als Liebhaber dieser Sorte in Mittel- oder Nordhessen lebt. Dort findet sich Boskoop regionaler Herkunft in ausgewählten Läden. Aber es besteht ein Funken Hoffnung für Boskoop-Freunde in Rhein-Main: Da diese Sorte als Winterfrucht gilt und spät geerntet wird, kommen noch aus anderen Regionen gewisse Mengen auf den Markt. Rewe gelobt, nach Beginn der Ernte in der nächsten Woche diesen Apfel etwa auch in Frankfurt wieder anzubieten. Doch wird das Angebot deutlich überschaubarer bleiben als in den vergangenen Jahren, zumal der Händler den Boskoop nach seinen Angaben nur von deutschen Lieferanten bezieht. Und April-Fröste gab es eben nicht nur in Hessen.

So haben die rheinland-pfälzischen Obstbaubetriebe erst vor wenigen Tagen eine Apfelernte auf Rekordtief gemeldet. Bisher hatten die Obstbauern aus diesem Bundesland im Jahr 1981 die geringste Apfelerntemenge verzeichnet. Seinerzeit pflückten ihre Helfer 13 100 Tonnen von den Bäumen. Doch in diesem Jahr werden es sogar nur 9500 Tonnen sein. Das hat zumindest das Statistische Landesamt ausgerechnet. Zum Vergleich: In den vergangenen fünf Jahren konnten die Obstbauern fast 30 600 Tonnen ernten.

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Trübe Aussichten

Vor allem für Apfel-Junkies sind das trübe Aussichten. Rechnerisch stehen in Rheinland-Pfalz nämlich nur 2,9 Kilogramm zur Verfügung, dabei isst der Rheinland-Pfälzer an sich 19 Kilogramm im Jahr. Und echte Liebhaber dieser Frucht dürften diese Menge ganz locker innerhalb eines Monats verputzen.

Nachrichten aus den norddeutschen Anbaugebieten wie dem Alten Land lassen das Herz der Freunde von Holsteiner Cox, Elstar und anderen Tafeläpfeln auch nicht höher schlagen. Dort liegt die Menge gut ein Drittel unter der von 2016. Im Zweifel bleiben der australische Braeburn, Granny Smith aus Südafrika und der Pink Lady aus Frankreich. Auch wenn diese Allerweltssorten nicht gerade eine Wucht sind.

Quelle: F.A.Z.
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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