Kommentar

Hässliche Seite der Freiheit

Von Helmut Schwan
 - 17:50

Dass Extremisten, Terroristen und Kinderschänder die weltumspannende Datenflut für ihre Zwecke nutzen, ist ein Befund, der viel zu lange eher resigniert erhoben wurde. Die Vorstellung, es gebe dagegen demnächst so etwas wie eine global operierende Internetpolizei, geht an der Realität weit vorbei. Zwar hat sich in den vergangenen beiden Jahren die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene verbessert, und auch über die Kontinente tauscht sich die Polizei inzwischen besser aus. Aber ohne dass die Unternehmen, die die „sozialen Netzwerke“ betreiben, sich stärker engagieren, wird der Missbrauch dieser Kommunikationskanäle nicht zu stoppen sein.

Weshalb Facebook, Twitter und die übrigen Anbieter sich schwer damit tun, die interne Kontrolle zu stärken, mag etwas mit kalifornischer Libertinage wie überhaupt mit dem uramerikanischen Gedanken zu tun haben, das Gute werde sich in der großen Gemeinschaft gegen das Böse schon durchsetzen.

Die Erfahrung aus rund zweieinhalb Jahrzehnten Internet zeigt aber, dass sich das schrankenlose Medium eher in die andere Richtung entwickelt. Kriminelle und Extremisten seien dort ihren Verfolgern stets mindestens zwei Schritte voraus, ist ein weitverbreiteter Eindruck. Er ist nicht ganz falsch. Zumindest nutzen sie skrupellos technische Fortentwicklungen wie das sogenannte Darknet, in dem die Nutzer garantiert anonym bleiben sollen, für ihre Zwecke.

Gefahren einer schrankenlosen Kommunikation

Marktführer Facebook sollte daher überdenken, ob er sich weiterhin darauf beschränken will, in erster Linie auf Hinweise aus der eigenen „Gemeinschaft“ zu reagieren, wenn Nutzer sich rassistisch austoben, sonstwie Hass verbreiten oder eben über das Medium versuchen, junge Frauen und Männer für angebliche heilige Kämpfe in den Tod zu schicken. In den Vereinigten Staaten hat Facebook, wenn die Vermutungen stimmen, zum Teil das Heft des Handelns schon aus der Hand gegeben und der NSA Zugang gewähren müssen, um terroristische Umtriebe möglichst früh zu erkennen.

Hierzulande mögen engagierte Streiter wie der hessische Landtagsabgeordnete Tipi mitunter für ihren einsamen Kampf gegen Salafisten und Hassprediger belächelt werden. Ihr Verdienst ist aber, das Bewusstsein für die Gefahren aufrechtzuerhalten, die eine weitgehend schrankenlose Kommunikation birgt.

Das Heimtückische an dem Terrorismus neuester Generation ist, dass er in einer Spielart auf Einzeltäter setzt, die in keinem polizeilichen Raster hängen bleiben. Sie zu radikalisieren und fernzusteuern gehört zu den hässlichen Möglichkeiten in den sozialen Netzwerken.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schwan, Helmut (hs.)
Helmut Schwan
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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