Darmstadt 98

Schon wieder kein Heimsieg

Von Alex Westhoff
 - 07:42

Dirk Schuster hätte die gute zweite Halbzeit zur Grundlage nehmen können, um seinen Glauben an ein Happy End zu belegen. Er hätte die guten Momente des „Lilien“-Spiels benennen können, auf dass diese bald serienreif werden mögen und den SV Darmstadt 98 zum Verbleib in der zweiten Liga tragen. Schuster hätte das 1:1 gegen den FC Ingolstadt als Teilerfolg verkaufen können – wenn er es denn gewollt hätte.

Doch der 50-Jährige schlug einen kritischen Ton gegenüber der Mannschaft an, die nach den Ergebnissen der Konkurrenz im Tabellenkeller nunmehr drei Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz und vier Zähler auf das rettende Ufer aufweist. „Wir hatten definitiv nicht mehr als einen Punkt verdient“, sagte Schuster und beklagte, dass der SV Darmstadt in den ersten 30 Spielminuten „sehr passiv, sehr zurückhaltend“ gespielt habe. Ein Umstand, der Schuster, dessen Fußballlehre auf Kampfbereitschaft und Willenskraft fußt, nicht nur ärgerte, sondern vermutlich auch ein Stück weit verstörte. Warum seine Mannschaft in der aktuellen Situation im eigenen Stadion gegen einen ersatzgeschwächten, mit drei Niederlagen in Serie angetretenen Gegner so zögerlich agierte, vermochte Schuster nicht zu beantworten.

Kaum Garantien im „Lilien“-Spiel

Auch knapp drei Monate nach der Übernahme des Trainerpostens wird der Sachse mitunter nicht schlau aus dieser Mannschaft. Vor dem Match gegen den bayrischen Bundesliga-Mitabsteiger hatte er darauf hingewiesen, dass seine Profis nach Spielbeginn doch bitte schön ihren Tatendrang bremsen und aus einer stabilen Ordnung heraus spielen mögen. In den vergangenen Wochen waren den Gegnern stets früh im Spiel Torchancen ermöglicht worden. Nun gegen Ingolstadt musste Schuster das andere Extrem mitansehen – eine Mannschaft, die angesichts der akuten Bedrohung durch den Abstieg erlahmte und zeitig in Rückstand geriet.

Es bleibt auch nach neun Partien unter Schuster (neun Punkte) dabei: Es gibt kaum Garantien im „Lilien“-Spiel, kaum Automatismen, zu viele Höhen und Tiefen in den 90 Minuten. Mit den frischen Eindrücken von Samstagnachmittag lehnt sich niemand zu weit aus dem Fenster, der behauptet: Der Weg zum Klassenverbleib wird für die „Lilien“ widrig und schwer (bleiben). Die Südhessen kommen immer nur zeitweise in diesen ultimativen Kampfmodus, den sie von sich verlangen und als Teil der eigenen DNA begreifen. Das Jagen und Erobern von zweiten Bällen ist nach wie vor keine ausgewiesene Stärke dieses einst mit anderen Zielen zusammengestellten Ensembles – ihr Spiel ist aber zu guten Teilen ebendarauf ausgelegt. Auch Standardsituationen, einst unter Schuster die schärfste Waffe der „Lilien“, verpuffen zu häufig gefahrlos. Zumal sie schon häufig die Gefahr bargen, dass die Darmstädter nicht schnell genug wieder sortiert und in der Grundordnung stehen und, wie auch gegen Ingolstadt zu besichtigen, anfällig für schnelle Gegenstöße sind.

Kein Treffer aus dem Spiel heraus

Schusters Maxime – hinten sicher und vorne effizient – geht noch zu selten auf. Beim 2:0-Sieg in Dresden in der Vorwoche gelang es, doch der erhoffte, aus dem Erfolgserlebnis gespeiste frische Schwung blieb lange aus. Der kam erst, als Tobias Kempe nach der Halbzeit eine der beiden Sechserpositionen bekleidete. Ein spielstarker Mann in der Zentrale tat den „Lilien“ äußerst gut. Denn Kempes Qualitäten in der Spieleröffnung und -verlagerung haben weder Wilson Kamavuaka und Yannick Stark, die gemeinsam begannen, noch Slobodan Medojevic, auf die Schuster sonst vornehmlich baut. Kempe war es dann auch, der vom Elfmeterpunkt aus wuchtig zum 1:1-Ausgleich traf (66.). Es war ein ergaunerter Strafstoß von Linksverteidiger Fabian Holland, der den Laufweg von Gegenspieler Wahl kreuzte. „Ich habe ein bisschen drauf spekuliert, dass er mich trifft. Sobald die Berührung da war, wusste ich, ich lasse mich im Sechzehner fallen“, redete Holland nicht um seine nicht wirklich redlichen Motive herum.

In Summe war es aber ein wichtiger Dienst, den er dem Unterfangen Klassenverbleib der „Lilien“ erwiesen hat. Denn aus dem Spiel heraus vermochten die Darmstädter keinen Treffer zu erzielen. Obwohl sie bei Terrence Boyds Kopfball (31.), Kempes Freistoß (43.) und den Chancen von Dong-Won Ji (53. und 84.) aussichtsreich dran waren. Der FCI war durch Leipertz (17.) in Führung gegangen. Das Klassenziel ohne Heimsiege zu erreichen scheint unmöglich. Nur haben die „Lilien“ eben seit Mitte September keinen Erfolg mehr am Böllenfalltor erreicht. „Bei uns ist keiner niedergeschlagen, weil in der zweiten Halbzeit wieder eine Mannschaft auf dem Platz stand, die den Klassenerhalt verdient hat“, sagte Kempe. „Das Einzige, was zählt: Wir müssen da unten rauskommen.“

Quelle: F.A.Z.
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