SV Darmstadt 98

Die „Lilien“ und die Gretchenfrage

Von Alex Westhoff, Frankfurt
 - 08:03

15 Punkte sind in den verbleibenden Partien der Bundesligasaison noch zu vergeben. Bei 14 Punkten Rückstand auf den Relegationsplatz braucht man kein ausgewiesener Mathematiker zu sein, um zu erkennen, dass der Abstieg des SV Darmstadt 98 unmittelbar bevorsteht. Spötter im Umfeld des Klubs halten den Klassenverbleib aber für wahrscheinlicher, als dass in absehbarer Zukunft eine – an Profifußballmaßstäben gemessen – taugliche Heimstatt für die „Lilien“ entsteht. Die seit Jahren von kleinen Schritten vorwärts, kleinen Schritten rückwärts und viel Stillstand geprägte Darmstädter Stadionfrage hat nun aber erheblich an Brisanz gewonnen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) ließ den Klub im Lizenzierungsbescheid für die neue Saison wissen, dass ihre Geduld mit dem baufälligen Stadion am Böllenfalltor zu Ende sei. Wie der SV 98 mitteilte, ist für eine weitere Genehmigung als Spielstätte die Überdachung der Gegengerade bis zum 31. Januar 2018 nötig. Diese Auflage gilt unabhängig von der sportlichen Zugehörigkeit zur ersten oder zweiten Spielklasse.

Präsident Rüdiger Fritsch wurde am Donnerstag im Gespräch mit dieser Zeitung sehr deutlich: „Stand jetzt spielen wir in der Rückrunde der kommenden Saison in Frankfurt oder Offenbach. Wir würden Zuschauer, Sponsoren und viel von unserer Identität verlieren. Der Verein wäre in seiner Existenz bedroht.“ Auch Trainer Torsten Frings sprach von einer „absoluten Katastrophe“. Zumal die „Lilien“ in ihrem Falle nicht nur übergangsweise, sondern mindestens mittelfristig ihre Heimspiele nicht mehr in Darmstadt austragen könnten. Seit dem überraschenden Aufstieg in die zweite Liga 2014 bekommen die „Lilien“ als einziger Mieter und die Stadt als Eigentümer in jedem Frühjahr Auflagen, die das Stadion betreffen. „Da geht es beispielsweise um das Flutlicht, medientechnische Kriterien oder Sicherheitstechnik. Diese Auflagen lassen sich abarbeiten. Sicherheitstechnische Aspekte wie Kameraüberwachung oder Gebäudefunk sind normale Dinge, mit denen auch moderne Stadien immer wieder konfrontiert sind“, sagt SVD-Geschäftsführer Michael Weilguny.

Keine Perspektive und kein Zeitplan

Der Schreck sitzt nun tief. Denn von dem Druck, den die DFL nun ausübt, und von der Frist, die für die Überdachung der auf Kriegsschutt errichteten Gegentribüne gesetzt wurde, ist die Klubführung überrascht worden. Zumal die Frist – neun Monate – für solch einen immensen baulichen Aufwand äußerst knapp bemessen ist und im Verein schon als unmöglich zu schaffen betrachtet wird. Aus diesem Befund speist sich auch der Einspruch, den der Klub gegen die Entscheidung der DFL einlegen will. Nun hat die DFL aber im Zuge ihres Bescheids auch deutlich gemacht, wie die „Lilien“ dem drohenden Umzug in ein Stadion der Erzrivalen Eintracht oder Offenbacher Kickers entgehen können. Die Ligavereinigung stört sich vor allem an der fehlenden Perspektive für einen Neu- oder Umbau des Stadions am Böllenfalltor. Eine Verlängerung der Ausnahmegenehmigung wäre also weiterhin möglich. Doch konkrete Pläne hat es schon eine Weile nicht mehr gegeben.

Die Stadt Darmstadt kündigte am Donnerstagnachmittag an, dem Verein „auch in der kommenden Saison das Jonathan-Heimes-Stadion am Böllenfalltor als Spielstätte sichern zu wollen“. Doch könne die Überdachung der Gegengerade nur in einem „bautechnisch sehr aufwendigen und teuren Verfahren ermöglicht werden. Dies würde den Abbruch der derzeitigen Gegengeraden und den Neubau dieser Zuschauerplätze erfordern – mit allen Konsequenzen: finanziellen, baurechtlichen sowie strategischen, was die Standortfrage angeht.“ Einst wurde in Darmstadt sogar der Beginn der aktuellen Saison 2016/17 avisiert, dass die südhessischen Profis in einer schicken Arena kicken. Eine Machbarkeitsstudie ergab, dass ein Umbau der alten Schüssel am Traditionsstandort Böllenfalltor am sinnvollsten sei. Auch das Land Hessen sagte zu, sich an dem etwa 30 Millionen Euro teuren Projekt zu beteiligen.

Kann der SV in Darmstadt bleiben?

Als dann doch ein Bauleitverfahren nötig wurde, geriet der Zeitplan erst durcheinander – und als das Ergebnis heraussprang, dass ein Neubau an der Nieder-Ramstädter Straße aus rechtlichen Gründen nicht machbar sei, gab es gar keinen Zeitplan mehr. Für Ende Mai wird das Gutachten eines Frankfurter Architektenbüros erwartet, das derzeit im Auftrag der Stadt vier potentielle Stadionstandorte auf der grünen Wiese prüft. Doch allem Anschein nach scheinen alle Vier erhebliche Nachteile beziehungsweise Mehrkosten mit sich zu bringen, so dass Oberbürgermeister Jochen Partsch jüngst wieder die Option Umbau Böllenfalltorstadion ins für den SVD zunehmend böse Spiel brachte. Vereinspräsident Fritsch warnt seit Jahren gebetsmühlenartig vor der drohenden Gefahr, dass das ehrwürdige, von den Fans heiß und innig geliebte „Bölle“ eines Tages nicht mehr spieltauglich sein werde. Die Stadionfrage ist in den Augen von Geschäftsführer Weilguny zur „Gretchenfrage“ des ganzen Klubs geworden.

Und Fritsch sagt: „Verein und Stadt müssen zusammenrücken und zwar schnell. In dem jetzt erreichten Stadium reicht es der DFL nicht mehr, einen möglichen Neubaustandort prüfen. Es muss konkreter werden. Auf Kulanz brauchen wir nicht mehr hoffen in meinen Augen.“ Zumal der Spielbetrieb im alten Stadion wirtschaftlich schon lange nicht mehr sinnvoll ist. Zwei Millionen Euro zahlt der SVD im Jahr für den Spielbetrieb – und davon beträgt die reine Stadionmiete nur ein Drittel. Der Rest geht an Dienstleister und Vermieter von temporären Aufbauten aller Art. Teure Flickschusterei an dem baufälligen Areal ist in den vergangenen Jahren zur Methode geworden. Der sportliche Abstieg ist längst kein Schreckensszenario für den SV Darmstadt 98 mehr – es geht nicht mehr darum, in der ersten Liga, sondern in Darmstadt bleiben zu können.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenRüdiger FritschTorsten FringsDarmstadtDFLSV Darmstadt 98