„Lilien“-Präsident Friitsch

„Wir müssen nicht in Aktionismus verfallen“

Von Alex Westhoff
 - 10:50

Haben Sie mit ein bisschen Abstand diese für den SVD so nervenaufreibende Saison sacken lassen können?

Es war in der Tat ein stetiges Auf und Ab. Es ist der harte, steinige Weg geworden, den wir im Winter prognostiziert haben. Da wussten wir schon, dass wir auf der Schippe des Teufels sitzen und alle Kräfte bündeln müssen, um von dieser Schippe zu springen. Das haben wir zum Glück geschafft.

Alle Verantwortlichen haben sich gehütet, den Schaden zu benennen, den ein Abstieg verursacht hätte. Jetzt können Sie es ja sagen: Wäre der Verein kollabiert?

Ich kann mich schon nicht mehr erinnern, weil wir alle Pläne und Konzepte für dieses Szenario sofort nach dem letzten Spieltag in die Tonne getreten haben (lacht). Prinzipiell hätte das Haus Darmstadt 98 in der dritten Liga Risse bekommen – aber es wäre nicht eingestürzt. Aber in einem Haus mit Rissen möchte auch niemand wohnen.

Welche grundsätzlichen Lehren sind aus dieser Saison zu ziehen?

Dass wir uns im Sport befinden, in dem viele Mitbewerber dasselbe Ziel verfolgen: nicht abzusteigen. Die Herangehensweise, dass es einen selbst schon nicht treffen wird, ist brandgefährlich. Ebenso wie die Erwartung, dass es immer nur nach oben zu gehen hat. Im Sport, aber auch im Leben gibt es immer einige Variablen. Man könnte ein Heer von Fußballexperten einstellen und bekäme immer noch keine seriöse Prognose. Hinterher sind alle schlau, vorher nicht. Ich weise auch gerne darauf hin, dass wir uns erst vier Jahre im Profibereich befinden. In Summe hat man bei uns gesehen, dass Kleinigkeiten entscheidend waren. Auch in der Rückrunde haben wir mit einem runden Ball auf einem abgekreideten Feld gespielt. Nur haben dann die Dinge besser ineinandergegriffen, und auf einmal hat es funktioniert.

Die „Lilien“ waren in den vergangenen Sommern eine Durchlaufstation von Dutzenden Profis. Wie groß fällt der Umbruch in diesem Jahr aus?

Das wird die finale sportliche Bewertung ergeben. Dass Spieler kommen und gehen, ist ein normaler Vorgang von Bayern München bis zum Kreisligisten. Es wird Veränderungen geben, und das ist völlig okay.

Trainer Frings wollte zu Saisonbeginn auf entwicklungsfähige Spieler setzen, Nachfolger Schuster hat im Winter erfahrene Kräfte verpflichtet. Welchen Kurs schlägt der SVD nun ein?

In den ersten Darmstädter Jahren mit Dirk Schuster haben wir, weil die Situation es erforderte, viele Spieler verpflichtet, für deren Karrieren wir eine Art Reanimierung waren. Davon sind wir ein Stück weit weggekommen, weil wir uns weiterentwickeln wollen. Wir werden nicht stur nach dem Schema tätig werden, anderswo gescheiterte Spieler zu holen und bei uns zu neuem Leben zu erwecken. Wir schauen uns auch nach etablierten Profis um – was wir ja auch schon getan haben. Dies wird zu einer gewissen Kontinuität führen.

Aus der Frings-Zeit stammen einige Fehleinkäufe, die noch langfristige Verträge besitzen. Diese loszuwerden könnte teuer werden.

Wir haben auch häufig Spieler geholt, die anderswo unglücklich waren oder in der Spielkonzeption keine Rolle gespielt haben und bei uns dann eingeschlagen haben. So werden auch Spieler, die bei uns kaum zum Zuge kamen, anderswo gut passen. Ich bin mir sicher, dass wir dann auf dem Markt Lösungen finden können. Die Vereine und die Spieler haben ihre Interessen – und wie fast immer im Leben ist dort, wo ein Wille ist, auch ein Weg.

Der Spielraum für Neuverpflichtungen könnte begrenzt sein, wenn mancher bei den „Lilien“ perspektivloser Profi auf seinem Vertrag beharrt.

Dann ist es so, und wir werden damit umgehen müssen. Ich bin überzeugt, dass es für jeden eine Lösung gibt.

Das Thema Sportdirektor treibt den Klub schon lange um. Werden Sie einen einstellen?

Fakt ist: Die Aufgaben des Cheftrainers und Sportdirektors waren bislang bei Dirk Schuster sehr gut aufgehoben. Das hat er während seiner Zeit bei uns bewiesen – gemeinsam mit dem Team um ihn herum. Deshalb haben wir keine Not und müssen kurzfristig nicht in Aktionismus verfallen. Aber natürlich machen wir uns Gedanken, wie wir unsere sportlichen Strukturen weiter ausbauen können. Wir werden diese Frage analysieren und schauen, zu welchem Ergebnis wir kommen.

Die Fans haben sich in großem Stil von der Gegengeraden am Böllenfalltor verabschiedet, weil im Sommer die Bagger für den Stadionumbau anrücken sollten. Drei Tage nach Saisonende teilte der Verein mit, dass vor Herbst nichts passiert. Da dürften sich viele verschaukelt gefühlt haben.

In uns bekannten Fankreisen haben wir rechtzeitig kommuniziert, dass Verzögerungen auftreten werden. Jeder wird Verständnis haben, dass wir solch eine Mitteilung nicht in der Endphase des Abstiegskampfs plaziert haben. Fakt ist: Die Bauindustrie boomt, und wir haben im Rahmen der europaweiten Ausschreibung nur deutlich überhöhte Angebote vorliegen. Deshalb haben wir noch mal kurz auf die Bremse getreten. Auch diesbezüglich werden wir eine Lösung finden und das Vorhaben umsetzen.

Quelle: F.A.S.
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