Sport
Rüdiger Fritsch

„Bei uns bricht nichts zusammen“

Von Jörg Daniels, Darmstadt
© dpa, F.A.Z.

Die Bundesligazeit in Darmstadt neigt sich dem Ende zu. Was war Ihr schönstes Erlebnis in den vergangenen zwei Jahren?

Als wir in der Vorsaison 1:0 in der Halbzeitpause bei Bayern München geführt haben, diese Viertelstunde habe ich wirklich genossen. Da bin ich ein bisschen breiter geworden, mein Jackett war kurz vor dem Platzen. Aber wir wussten natürlich, dass es noch eine zweite Halbzeit geben würde. Darauf haben uns die Bayern-Verantwortlichen auch relativ schnell hingewiesen. Trotzdem: Diese Viertelstunde nimmt mir niemand mehr (lacht).

Wie werden Sie reagieren, wenn der Abstieg demnächst besiegelt ist?

Wir haben in Darmstadt in den vergangenen Jahren so toll gefeiert und so viel Freude erfahren, jetzt müssen wir auch mit der Realität umgehen. Nach unserem Werdegang darf bei vernünftiger Betrachtung keiner enttäuscht sein. Den Abstieg als Niederlage zu bewerten wäre grober Unsinn.

Inwieweit hat die Bundesliga-Zugehörigkeit Ihre Sichtweise auf den Fußball verändert?

Meine Sichtweise hat sich nicht verändert. Es war eine tolle Erfahrung, die zwei Jahre waren ein Geschenk für uns. Aber wir haben auch gesehen, dass wir als Verein noch viel lernen müssen und verbessern können. Doch jetzt wissen wir auch, dass Darmstadt und die erste Liga perspektivisch zusammenpassen können – wenn sich hier noch das eine oder andere Schritt für Schritt verändert.

Was muss Darmstadt noch lernen?

Die Gesamtvoraussetzungen, die ein Verein hat, beeinflussen sehr stark die sportliche Leistungsfähigkeit. Das ist heute einfach so, in den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Fußball massiv verändert. Es gibt keinen klassischen Wettstreit unter Stadt-Vereinen mehr. Vielmehr haben wir heute Fußballunternehmen: mit den entsprechenden Strukturen und wirtschaftlicher Stabilität. Deshalb wissen wir, dass wir in Darmstadt einiges aufholen müssen. Natürlich unter Beibehaltung unserer Identität.

Wird die Bundesliga ohne Darmstadt ärmer sein?

Das müssen andere beantworten. Wir empfanden uns natürlich als tolle Bereicherung (lacht). Und wir haben uns immer respektiert gefühlt, wir hatten die Sympathie des Underdogs. Aber vielleicht hat sich der eine oder andere auch gedacht: Was wollen denn die verrückten Darmstädter hier? Grundsätzlich hat unsere Erfolgsgeschichte, die ja nicht strategisch und finanziell auf dem Reißbrett geplant war, sondern die wir uns hart erarbeitet haben, in der Fußballwelt für große Anerkennung gesorgt. Die eine oder andere Klubführung, die mehr Geld ausgegeben, aber sportlich weniger Erfolg hatte, musste sich vielleicht hinterfragen. Die zwei Jahre haben uns aber sicherlich weiter bei der Konsolidierung geholfen.

Das heißt?

Seit 2008, seit der Ära meines Vorgängers Hans Kessler, ist der Verein schuldenfrei. Und wir haben die kaufmännischen Gesetze weiter eingehalten und keine Wechsel auf die Zukunft gemacht, die uns hinterher teuer zu stehen kommen würden.

Hat der Klub finanziell ein Polster bilden können?

Wenn man im Vergleich zu den Großen finanziell schwach ist und sportlich mithalten will, muss man ja annähernd alles, was man hat, investieren, um den Abstand nicht noch größer werden zu lassen. Ist man als kleinerer Verein mal 30 oder 40 Jahre im Profifußball unterwegs, kann man sich ein Polster anlegen. Dafür ist unsere Zeit aber zu kurz gewesen. Wenn wir sie im Profifußball verlängern, werden wir uns sicherlich weiter stabilisieren.

Wie muss Darmstadt mit dem Abstieg umgehen?

Wir müssen uns mit der zweiten Liga seriös und realistisch auseinandersetzen. Wir dürfen uns nicht irgendwelchen Träumereien hingeben. In den vergangenen Jahren haben wir sportlich drei Wunder vollbracht. Wenn wir zum Durchdrehen neigen würden, hätten wir viel früher die Gelegenheit dazu gehabt. Wir können jede Saison realistisch einschätzen. Insofern ist bei uns auch die Fallhöhe nicht so groß, weil wir nicht mit Luftschlössern arbeiten. Wir sind aufgeräumt. Bei uns bricht nichts zusammen. Hier geht auch keiner in die Knie. Wir haben uns nie höher gemacht, als wir sind.

Ist Darmstadt ein etablierter Zweitliga-Klub?

Davon kann man nicht sprechen. Wir sind genau drei Jahre oben im Profifußball: ein Jahr in der zweiten und zwei Jahre in der ersten Liga. Ein etablierter Zweitliga-Klub hat eine ganz andere Historie. Vom Prinzip ist für uns jede Liga im Profifußball noch eine Herausforderung. Unser Ziel ist es, uns im Profifußball für längere Zeit zu etablieren.

Wie groß wird die Herausforderung sein, in der zweiten Liga unter neuen Voraussetzungen – Ihr Verein kommt von oben – festen Boden unter die Füße zu bekommen?

Die Aufgabenstellung ist jetzt eine andere: Wir waren immer der berühmte Außenseiter und hatten nichts zu verlieren. Wir konnten von unten angreifen und es eigentlich immer nur besser machen, als es von der Fußballwelt erwartet wurde. Jetzt könnte es zum ersten Mal anders sein. Wir werden die zweite Liga nicht im Hurra-Sturm angehen – auf jeden Fall nicht verbal. Wir wollen die zweite Liga seriös annehmen.

Den Wiederaufstieg rufen Sie nicht aus?

Das ist alles Unsinn. Der VfB Stuttgart und Hannover 96 verfügen in dieser Zweitliga-Saison im Kampf um den Aufstieg über immense Millionenbeträge mehr als wir. Und jetzt? Sie müssen ebenfalls hart am etwaigen Aufstieg arbeiten.

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Aber mit einem Personaletat in Höhe von etwa zwölf Millionen Euro, wie ihn der SVD plant, kann man auch bestehen.

Davon gehen wir aus. Der Etat ist aber nicht dazu geeignet, zu sagen, wir sind ein Aufstiegsfavorit. Wir sollten die Sache von unten nach oben angehen – und nicht auf die anderen herabschauen.

Wer wird der Außenseiter sein, wenn Darmstadt in der neuen Saison auf den 1. FC Nürnberg trifft?

Das werden wir weiter sein. Vielleicht gibt es in einer Partie auch mal keinen Außenseiter, und beide Vereine begegnen sich auf Augenhöhe. Viel wird auch von der Qualität des jeweiligen Spielerkaders abhängen. Der Name eines Klubs ist heute nicht entscheidend, sondern der Inhalt und die Fakten.

Aber die Wahrnehmung der Darmstädter in der zweiten Liga wird jetzt eine andere sein.

Natürlich werden wir ernst genommen. Wir sind nicht mehr der kleine, sensationelle Aufsteiger mit einem Mini-Etat, der auch in der zweiten Liga belächelt wird. Aber wir müssen die Situation und jeden Gegner ernst nehmen.

Ist der Transfer von Kevin Großkreutz ein Zeichen dafür, dass der SVD in der zweiten Liga Ambitionen hegt?

Für uns als Darmstadt 98 ist Kevin Großkreutz ein absoluter Qualitätsspieler. Seine Verpflichtung und die bereits erfolgten Vertragsverlängerungen mit Stammspielern zeigen, dass wir perspektivisch an die Sache herangehen. Wir wollen uns für die zweite Liga sauber aufstellen.

Haben Sie mit Kevin Großkreutz persönlich gesprochen?

Ja, klar. Und ich habe einen absolut positiven Eindruck gewonnen. Bei uns wird er sich auf den Fußball konzentrieren können. Wir wollen ihn als Fußballer und nehmen ihn so, wie er ist.

Wie ordnen Sie die Eskapaden ein, die er sich in der Vergangenheit geleistet hat?

Natürlich gehen wir davon aus, dass er sich bei uns professionell verhalten wird. Wir haben ihn auch nicht dafür verpflichtet, um im Lilien-Kids-Club zu arbeiten. Mit dem anderen Kram muss man aufhören. Wir haben alle schon Fehler gemacht und meistens aus ihnen gelernt.

Über Trainer Torsten Frings sagen Sie, dass er ein „Erfolgstyp“ sei. Wie ist er mit den Misserfolgen der vergangenen Monate umgegangen?

Als er zu uns kam, hatten wir acht Punkte. Dass wir hier in der Rückrunde wie das heiße Messer durch die Butter marschieren und stramm auf das vierte Wunder zusteuern, war nicht zu erwarten. Wenn man weiß, was auf einen zukommen kann, kann man mit den Dingen auch besser umgehen. Wir haben mit Torsten besprochen, dass es womöglich erst in der neuen Saison in Anführungsstrichen richtig losgehen wird.

Darmstadt wartet weiter auf das neue Stadion. Wie groß ist Ihre Geduld noch?

Selbstverständlich würden wir da gerne mehr Fortschritt sehen. Aber wir haben die Gespräche mit der Stadt wieder aufgenommen und werden gemeinsam neuen Schwung in die Sache bringen. Und dabei hoffentlich auch ein Ergebnis erzielen. Es wäre superschade, wenn dieses tolle Fußballfest, das wir hier in den vergangenen Jahren gefeiert haben und das Hunderttausenden von Menschen viel bedeutet hat und noch bedeutet, verlorenginge. Wir haben alle gemeinsam die Fußballidentität nach Darmstadt zurückgebracht. Es wäre bitter, wenn Darmstadt wieder von der Fußball-Landkarte verschwinden würde.

Das Gespräch führte Jörg Daniels.

Quelle: F.A.Z.
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