Eintracht Frankfurt

Kraftkur für die Offensive

Von Ralf Weitbrecht
 - 12:37

Genau so haben sie es sich vorgestellt. Palmen, ein hellblauer, von ein paar harmlosen Wolken umsäumter Himmel, dazu Temperaturen von knapp 20 Grad – die Frankfurter Reisegesellschaft ist augenscheinlich zur rechten Zeit an den rechten Fleck geflogen. Nun ja, eigentlich wollte der Eintracht-Tross schon am Dienstagmorgen um neun Uhr in der Luft und auf dem Weg an die Costa Blanca sein.

Doch einige Schwierigkeiten auf dem Frankfurter Flughafen verlängerten den ursprünglich als Stippvisite am sogenannten General Aviation Terminal geplanten Aufenthalt um eineinhalb Stunden. Und weil die 30 Fußballprofis und die sogar 33 Personen starke Begleitmannschaft von Trainern, Managern, Betreuern, Ärzten, Physiotherapeuten, Osteopathen, Yoga-Trainern, Dolmetschern, Ernährungsberatern, Köchen und Medienmitarbeitern auf dem Weg zum Abflug an der Startbahn West erst noch den kompletten Flughafen mit Bussen umrunden mussten, verlor die große Frankfurter Fußballgemeinschaft erst um 10.27 Uhr die Bodenhaftung.

Das Winterprogramm zum Leistungssprung

Zwei Stunden später war das erste Etappenziel, der Flughafen von Murcia-San Javier, erreicht. Nicht mit an Bord aus dem üppigen 36 Spieler umfassenden Bundesliga-Kader waren die verletzten Alexander Meier, Jonathan de Guzmán und Nelson Mandela; zudem hatte sich die Sportliche Leitung dazu entschlossen, Yanni Regäsel, Renat Dadashov und Slobodan Medojević während des knapp sechstägigen Trainingslagers zu Hause zu lassen.

Später am Nachmittag, als Trainer Niko Kovac pünktlich um 17 Uhr zur ersten Übungseinheit unter der langsam untergehenden spanischen Sonne bat, konnte der Coach auf den zwei piekfeinen Rasenplätzen des Golf-Resorts von Campoamor erstmals „in die Vollen gehen“, wie er es vor dem Abflug bezeichnet hatte. Volle Kraft der Offensive – so könnte man das Winterprogramm bezeichnen, das Kovac im alles andere als winterlichen Spanien angehen will. Weil die bisherigen Angriffsleistungen nicht den Erwartungen der Eintracht entsprechen, will der Coach hier nachbessern. Dabei dürfte ihm die Rückkehr von Marco Fabian und Omar Mascarell in die Karten spielen.

Ein halbes Jahr musste der Tabellenachte auf den Mexikaner und den Spanier verzichten. Doch nun, da langwierige Verletzungen auskuriert sind, soll bald ein spielerischer Ruck durch die Mannschaft gehen. So der Plan. Kovac ist überzeugt, dass er aufgeht und die beiden Antreiber, die in der gesamten Vorrunde nicht am Ball sein konnten, der Eintracht guttun. „Wenn sie Normalform erreichen, ist das für die Mannschaft schon ein Leistungssprung“, sagte Kovac. „Die beiden werden die Qualität auf jeden Fall anheben“, ergänzte Fredi Bobic.

„Wir quatschen nicht, wir machen.“

Der Sportvorstand der Eintracht nahm sich am ersten Tag des Wintercamps ausgiebig Zeit, um in einer Art Tour d’Horizon die vielfältigsten Themen anzureißen und auf die Fragen der insgesamt 13 mitgereisten Journalisten zu antworten. „Wir werden auch versuchen, eine Leihe möglich zu machen“, sagte Bobic über die Bestrebungen, in der winterlichen Transferperiode vielleicht doch noch tätig zu werden und neues Personal nach Frankfurt zu holen. „Der Markt kommt langsam in die Pötte, er wird sich aber bis zum Ende ziehen.“

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Auch Bobic vermag nicht in die Zukunft zu schauen. Doch der einstige Nationalstürmer ist sicher, dass Kovacs Mannschaft keinen ähnlichen Einbruch wie in der vergangenen Rückserie erleben wird. „Von damals ist doch kaum ein Spieler mehr dabei. Ich denke, es bleibt weiter verrückt spannend. Hochklassig wird es aber eher nicht“, mutmaßte Bobic. „Abnutzungskampf halt. Die Liga ist echt anstrengend, und es wird auch weiterhin enge Ergebnisse geben.“ Enge Spiele, Siege und Niederlagen mit meist nur einem Tor Differenz – wer da nach dem passenden Verein sucht, wird schnell bei der Eintracht fündig. Bei dem Klub, der aus 17 Hinrundenspielen 26 Punkte geholt hat und Tabellenachter ist.

Eine Momentaufnahme, findet Bobic. „Wir kommen von minus zehn. Platz acht bis zehn sind wir auf keinen Fall“, sagte der 46 Jahre alte Sportvorstand zur grundsätzlichen Positionierung der Eintracht im mehrjährigen Erstliga-Ranking. „Wir als Eintracht sind vorsichtig und zurückhaltend“, betonte Bobic. „Wir haben aber Selbstvertrauen. Wir kommen von einem sehr tiefen Standard, aus dem letzten Drittel. Aber wir wollen als Verein weiter nach oben.“

Dass die Eintracht auf dem Weg dorthin zuletzt durch den Abschluss werthaltiger Sponsorengeschäfte Erfolge auch abseits des Rasens vermelden konnte, erfüllt Bobic mit Stolz. „Es macht Spaß, alle auf den Weg des Wachstums mitzunehmen.“ Sein Credo: „Wir quatschen nicht, wir machen, wir wollen etwas bewegen.“ Schon jetzt freut sich der Sportvorstand darauf, dass aus den Plänen am Reißbrett schnell Realität wird. „Ich denke in der Eintracht-Struktur, nicht eV oder AG.“ In den Bau einer neuen Geschäftsstelle auf dem Areal im Stadtwald – „es wird unsere Heimat sein“ – setzt Bobic besonders große Hoffnungen und Erwartungen. Er weiß aber auch und erinnerte daran in Campoamor: „Immer wenn etwas fertig geworden ist, war ich weg.“

Quelle: F.A.Z.
Ralf Weitbrecht
Sportredakteur.
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