Sport
Umbruch 2017

Eintracht muss sich wieder neu erfinden

Von Ralf Weitbrecht, Frankfurt
© Jan Huebner, F.A.Z.

Sonnige amerikanische Westküste statt regnerisches Salzburger Land. Meteorologisch hat die Eintracht eine gute Wahl getroffen, als sie sich dafür entschied, das erste Sommercamp fern der Heimat in den Vereinigten Staaten abzuhalten. Seitdem die Frankfurter Reisegesellschaft mit Trainern, Spielern und fast ebenso vielen Betreuern und Helfern neben und hinter der Mannschaft am 6. Juli in den weiten Westen geflogen ist, herrschen beste Bedingungen. Vor einem Jahr, als Coach Niko Kovac mit einer Rumpftruppe zum Übungscamp nach Flachau fuhr, war das noch anders.

Trotzdem gibt es Parallelen zwischen Sommer 2016 und Sommer 2017: Die Eintracht muss sich wieder neu erfinden. „Wieder einmal mussten wir einen Umbruch vollziehen“, sagte Kovac vor dem Abflug aus San Diego nach San Francisco. In Chula Vista, wenige Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt, hatte die Eintracht nach dem ersten Stopp in Seattle zeitlich länger Quartier bezogen und gewohnt intensiv an der Fitness gearbeitet. Mittlerweile befindet sich der Bundesligaklub in San Jose im Silicon Valley, der technischen Kaderschmiede der Vereinigten Staaten.

Kovac überschüttet Haller geradezu mit Lob

Pläne schmieden, an Strukturen basteln, neues Personal rekrutieren: Wieder ist Kovac im Verbund mit Sportvorstand Fredi Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner gefordert, eine neue Mannschaft zusammenzustellen. Denjenigen, die schon den neuen Dress mit dem Adler auf der Brust tragen, bescheinigte Kovac nach der ersten Woche in den Vereinigten Staaten gute Arbeit. „Hier ist genau der richtige Ort, an dem wir arbeiten können. Die Jungs sind mit Intensität und Freude dabei.“ Eine Einschätzung, die nicht überrascht. Schließlich wollen sich etablierte wie aufbegehrende Fußballprofis mit Nachdruck empfehlen und eine gute Ausgangsposition für die elf zu besetzenden Startplätze sichern.

Auch Taleb Tawatha rechnet sich Chancen aus. Doch der Israeli sollte realistisch sein. Nur weil sich Bastian Oczipka nach fünf höchst erfolgreichen Frankfurter Jahren von der Eintracht in Richtung Schalke 04 verabschiedet hat, steigen damit nicht automatisch Tawathas Aussichten, eins zu eins Oczipkas Rolle einzunehmen. Dazu ist er einfach nicht gut genug, wenngleich ihm Kovac zugestand, sich verbessert zu haben. „Es stimmt, auf der linken Seite haben wir eine kleine Lücke. Taleb hat bislang sehr gute Ansätze gezeigt. Aber wir müssen etwas tun und schauen, was am Markt möglich ist.“ Zum Beispiel dies: Im Wettstreit mit dem erstklassigen Ligarivalen Hamburger SV darum kämpfen, wer sich möglicherweise die Dienste des Nürnbergers Tim Leibold sichern kann. Noch steht Leibold beim „Club“ im Wort, an den er vertraglich bis einschließlich 30. Juni 2018 gebunden ist. Was dieses Dokument wert ist, zeigt unter anderem die Personalie Ozcipka. „Wenn ein Spieler weg will, können wir nichts machen“, sagte Kovac. „Wir wollten ihm auch nicht die Chance verbauen, die sich ihm jetzt geboten hat. Es ist part of the Game, das gehört zum Fußball dazu. Wir mussten es einfach machen.“ Zudem: „Basti ist ein toller Spieler und ein toller Mensch.“ Einer, der der Eintracht zeit seines Wirkens auf und neben dem Platz stets gut getan hat. Ob der 23 Jahre alte Leibold als ein möglicher Nachfolgekandidat – auch kursieren die Namen von Dennis Aogo und Konstantin Rausch in der Branche – in Oczipkas Fußspuren treten kann?

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Mit dem Personal, das Kovac aktuell zur Verfügung steht, zeigte er sich zufrieden. Vor allem Sebastien Haller überschüttete er geradezu mit Lob. „Er ist ein guter Torschütze, der pro Saison 15 Tore schießen kann. Deshalb haben wir ihn geholt.“ Beim zweiten Testspiel während der Trainingslagerreise, das in der Nacht zum Samstag bei den San Jose Earthquakes stattfand, sollte Haller ein weiteres Mal seine Klasse zeigen. „Er spielt auf jeden Fall“, kündigte Kovac an und gab dem Nachzügler, der wegen fehlender Papiere die komplette erste Woche in den Vereinigten Staaten verpasst hatte, eine Einsatzgarantie. Kovac bekräftigte zudem, „dass das Trainingslager hier für uns ein absoluter Volltreffer ist. Wir als Klub müssen uns anderen Märkten öffnen. Das gehört zum Business dazu. Wir als Eintracht kommen in Amerika gut an.“ Ob die Eintracht auch auf dem deutschen Markt mit dem Kerngeschäft Bundesliga ankommt, wird sich vom 20. August an zeigen.

Quelle: F.A.Z.
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