SV Darmstadt 98

Die Last der Erwartungshaltung

Von Alex Westhoff
 - 08:36

In den vergangenen Jahren, als der SV Darmstadt 98 seine landauf, landab mit Sympathie bedachten Aufstiegsgeschichten schrieb, war Rüdiger Fritsch eines besonders wichtig. Niemals wollte er sich nachsagen sagen, das unerwartete sportliche Hoch nicht genutzt zu haben, um den Klub auf allen Ebenen nachhaltig voranzubringen. Überhaupt: Spricht man mit dem SVD-Präsidenten über das Spieltagsgeschäft hinaus gehende Themen, ist „Nachhaltigkeit“ sein zentraler Begriff. Die Darmstädter Fußball-Märchen-Geschichte sei „zu Ende erzählt. Das Märchenbuch ist zugeklappt“, sagt Fritsch. In den Augen der „Lilien“-Verantwortlichen ist der Klub nach dem rastlosen Marsch von der Schwelle zur vierten Liga bis zu einem zweijährigen Gastspiel erster Klasse nunmehr ein normaler Wettbewerber im Konzert der Großen, dem er ja erst seit Kurzem angehört. Und zwar ein Wettbewerber mit erheblichem Nachholbedarf, wie Fritsch sagt mit Blick auf die zuletzt arg strapazierten (Infra-)Strukturen im Verein.

Ob Union Berlin, Braunschweig, Freiburg oder Augsburg – all jene Profifußball-Adressen, mit denen sich mancher schon auf Augenhöhe wähnt, seien den „Lilien“ noch meilenweit voraus. Rehabilitation, medizinischer Bereich, Trainingsbedingungen, Nachwuchsleistungszentrum, Stadion, sogar bis in die Kaderplanung hinein zögen sich die Standortnachteile der Südhessen, die Schritt für Schritt angegangen werden (sollen). Denn nicht jeder potentielle Neuzugang, der Besseres gewohnt ist, schätzt die Aussicht, sein Programm an Stretching und Stabilisationsübungen in den schmalen Katakomben des Böllenfalltorstadions vor der Toilettentür absolvieren zu müssen.

„Das kann nicht unser Maßstab sein“

Natürlich haben die Darmstädter in der vergangenen Saison eine Liga höher gespielt als beispielsweise Branchengrößen wie Hannover 96 und der VfB Stuttgart, „aber das kann allen Ernstes doch nicht unser Maßstab sein“, so Fritsch. „Wir machen gerade den Spagat zwischen sportlicher Etablierung und nachhaltiger Entwicklung des gesamten Vereins.“ Die Verantwortlichen beim SV 98 haben es nicht leicht, über die aktuelle Sieglos-Serie des Zweitligateams hinaus mit den Zukunftsthemen durchzudringen. Denn die aufgekommene Erwartungshaltung – etwas, was man in den vergangenen Jahren als ewiger Underdog gar nicht kannte – lastet spürbar schwer auf dem „Lilien“-Betrieb. Das liegt daran, dass in diesem Kalenderjahr mit dem würdevollen Abschied aus der Bundesliga, den namhaften Transfers im Sommer und dem gutem Start in die Zweitligasaison Hoffnungen geweckt worden sind. Da klingt es freilich nicht wirklich sexy, wenn man, wie die „Lilien“-Verantwortlichen es tun, sich nach den sportlich heimatlosen Jahren zum Ziel setzt, sich als gute Marke in der zweiten Liga zu etablieren.

Fritsch und seine Mitstreiter im Präsidium haben das sportliche Märchen mit einer gewissen Nüchternheit hinter den Kulissen flankiert – der Blick ging weniger durchs Fernrohr als in den Rückspiegel. So erfreut sich der Verein finanziell bester Gesundheit und ist vom 1. Januar 2018 an über eine Tochtergesellschaft Betreiber des Stadions am Böllenfalltor. In den kommenden drei Jahren wird das Stadion für knapp 30 Millionen Euro umgebaut – ein Erfolg für Fritsch, der nunmehr jahrelang dafür gestritten hat. Der SVD-Präsident hebt hervor, dass in der ersten Stufe des Umbaus das neue Funktionsgebäude für den Profibetrieb errichtet wird. „Und nicht der Vip-Bereich, mit dem man schnell viel Geld verdienen kann“, sagt Fritsch.

Nachhaltiges Gestalten in allen Bereichen

Auch in der Kaderplanung hat sich das Ziel, nachhaltig zu gestalten, längst bemerkbar gemacht. Das Gros des Aufgebots verfügt über Verträge mit Laufzeiten über Juni 2018 hinaus. Das notgedrungen hastige Hantieren auf dem Transfermarkt auf den letzten Drücker soll der Vergangenheit angehören. „Die kurzfristige Denke haben wir abgelöst, um Schritt für Schritt die nächsten Entwicklungsstufen zu erreichen“, sagt Fritsch. Der Wirtschaftsanwalt wählt das Bild von Darmstadt 98 als Haus, das in den vergangenen Jahren schnell in die Höhe gewachsen sei. „Doch der Unterbau fehlt. Deshalb schaufeln wir gerade viel Sand und Beton drunter, um stabiler zu werden“, sagt Fritsch.

Mit Vehemenz tritt der Macher der „Lilien“ allen Mutmaßungen entgehen, dass die schon sieben Spiele währende Sieglos-Serie und spielerische Stagnation nach dem guten Saisonstart intern Cheftrainer Torsten Frings angelastet werden. „Er passt super zu Darmstadt 98. Zumal Fritsch darauf verweist, dass der Chefcoach beim SVD „immer noch auch ein Pionier sein muss“. Denn seine Aufgaben beschränken sich nicht nur auf die Profimannschaft. Sondern so wie das neu entstandene Nachwuchsleistungszentrum auf Input angewiesen sei, so muss Frings aufgrund des bewussten Verzichts auf einen Sportdirektor auch Aufgaben im Management übernehmen. In größeren Zusammenhängen betrachtet ist die aktuelle sportliche Delle in der Bilanz für Fritsch kein Grund zur Sorge. „Wir ruhen in uns selbst – soweit dies im schon fast hysterischen Profifußball möglich ist“, sagt der Präsident. Er sagt aber auch: „Keiner hat Lust, sich daran zu gewöhnen, dass wir nicht mehr gewinnen.“

Quelle: F.A.Z.
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