Frauen-Volleyball

Ohne den letzten Funken

Von Achim Dreis, Mannheim
 - 13:25

Am Ende standen sie betreten da, die Spielerinnen des VC Wiesbaden (VCW), mit leeren Gesichtern und mancher Träne im Augenwinkel. Sie hatten an diesem Nachmittag im Finale um den deutschen Volleyball-Pokal in der Mannheimer Arena über weite Strecken nicht schlecht gespielt, aber auch nicht ganz ihr Limit erreicht. Es wirkte phasenweise, als fehlte der letzte Funken Überzeugung in ihren Aktionen. „Wir haben unsere Chance nicht genutzt“, haderte die reaktivierte Mittelblockerin Julia Osterloh nach der 0:3-Niederlage (21:25, 22:25, 18:25) gegen den Dresdner SC: „Es wäre mehr drin gewesen.“

Auch VCW-Trainer Dirk Groß wirkte ernüchtert nach den drei Sätzen und der doch recht klar verpassten Pokalüberraschung: „Dresden war ’ne Klasse besser“, zollte er dem Sieger Hochachtung und ärgerte sich auch über die Darbietung seiner Mannschaft: „Wir haben Nerven gezeigt.“ Die Aufschläge mit zu wenig Wirkung serviert, im ganzen Spiel mit zu viel Respekt agiert, so seine Blitzanalyse. Zu brav insgesamt, da könne man einem Spitzenteam wie dem Dresdner SC nicht beikommen.

Auch wenn sich Wiesbadens Oberbürgermeister Sven Gerich, im Fantrikot mit der Rückennummer 1 angemessen gekleidet, bei der anschließenden Feierstunde größte Mühe gab, Begeisterung zu verströmen, so war doch unverkennbar, dass die Mannschaft nicht das beste Spiel der Saison abgeliefert hatte. Vor 11.354 Zuschauern war es den VCW-Frauen immer nur abschnittsweise gelungen, mit den Favoritinnen auf Augenhöhe zu agieren. Am Ende mussten sie nach 82 Minuten Spielzeit eine klare Niederlage quittieren und sich die Freude der Dresdner Frauengruppe angucken, die, angeführt von Libera Myrthe Schoot, fröhlich durch die Arena hüpfte und ausgelassen den fünften Pokalsieg ihrer Vereinsgeschichte feierte.

Ein Titel fehlt weiterhin in der VCW-Vita

Der VC Wiesbaden hatte zuvor erst einmal ein Pokalfinale erreicht, war 2013 aber dem Schweriner SC ebenfalls glatt in 0:3 Sätzen unterlegen gewesen. Auch diesmal galten die VCW-Frauen von vorne herein als Außenseiterinnen, schließlich zählt der fünfmalige deutsche Meister Dresdner SC zu den „großen drei“ in der Volleyball-Bundesliga neben Schwerin und dem MTV Stuttgart. Der VCW dagegen, derzeit Tabellenfünfter, hat seit seinem Aufstieg in die oberste Spielklasse 2004 nur einen zweiten Platz 2010 und einige Halbfinal-Teilnahmen in den Play-offs als Achtungserfolge zu Buche stehen. Ein Titel fehlt weiterhin in der Vereins-Vita.

Die allgemeine Vorfreude war groß, dass sich das an diesem Sonntag ändern könnte. Und auch eine gewisse Erwartungshaltung hatten die 1150 Wiesbadener Fans mitgebracht, die mit etlichen Sonderbussen und Autokonvois die nur knapp einstündige Fahrt nach Mannheim auf sich genommen hatten, um beim großen Tag dabei zu sein. Doch schon den Auftakt ins Pokalfinale verschliefen die Spielerinnen. Kaum, dass die wichtigste Partie der Vereinsgeschichte losgegangen war, lagen die Hellblauen auch schon 3:8 zurück. Erst nach dem Zwischenstand von 5:12 erwachte der berühmte Kampfgeist der VCW-Frauen: Über 8:14, 13:16 und 17:19 kamen sie kontinuierlich bis auf 20:21 heran. Vor allem Außenangreiferin Tanja Großer hielt die Wiesbadenerinnen in dieser Phase mit starken Angriffsaktionen und sechs Punkten im Spiel. Einer fehlte nur noch, um den Durchgang zu drehen – doch in der „Crunch-Time“ setzte sich der Favorit wieder ab, der Satzball ging schließlich nach Video-Challenge an Dresden: 21:25.

Im zweiten Satz lief es zunächst besser, der VCW blieb von Anfang an auf Augenhöhe, führte sogar noch 16:15. Doch wieder schlich sich eine Negativspirale bis zum 17:23 ein. Die fulminante Aufschlagsserie von Karolina Bednarova brachte zwar kurz Hoffnung und den Anschluss (22:23), mehr aber auch nicht. Durchgang zwei ging wieder an Dresden (22:25). „Das genau zeichnet ein Topteam aus, dass es solche Schwächephasen nicht erleidet“, erklärte Groß und wusste im Umkehrschluss, dass auf ihn in den kommenden Monaten und Jahren mit seinem jungen Team weiterhin viel Trainingsarbeit wartet.

Es spricht für die ungebrochene Moral seiner Spielerinnen, dass sie im dritten Satz von Anfang an aufdrehten, sogar bis auf 9:4 davoneilten. Doch nichts ist konstanter als die Wechselhaftigkeit im Frauenvolleyball: Schon folgte wieder eine „Auszeit“ mitten im Spiel. Bei 12:14 hatten die Dresdnerinnen den Durchgang zu ihren Gunsten gedreht, über 16:19 auf 16:22 näherten sie sich mit großen Schritten dem Pokalerfolg. Der zweite Matchball wurde schließlich verwandelt: 18:25. Erfolgreichste Spielerinnen auf Dresdner Seite waren die Finnin Piia Korhonen (19 Punkte), deren Angriffen die VCW-Abwehr wenig entgegen zu setzen hatte, und die Slowenin Sasa Planinsec (18), die eine Mauer am Netz darstellte und alleine neun Blockpunkte erzielte. Der VCW schaffte insgesamt nur drei.

Auf Wiesbadener Seite war Jungnationalspielerin Kimberly Drewniok mit neun Punkten die treffsicherste Spielerin. Und nach Meinung der Zuschauer war sie sogar die Beste der ganzen Partie: das Publikum wählte die Diagonalangreiferin mehrheitlich zur „Spielerin des Spiels“, wofür die Linkshänderin eine hübsche Prämie von tausend Euro einstrich. Unabhängig davon hatte sie sich schon zuvor doch zufrieden über den Pokaltag geäußert: „Ich bin trotzdem stolz“, sagte die 20-Jährige kurz nach der Niederlage. „Wir haben schon sehr gut gespielt.“ Insgesamt war sie begeistert von dem leidenschaftlichen Auftreten ihres Teams, räumte aber ein: „Wir mussten am obersten Limit sein, das ist nicht immer gelungen.“ Dafür seien sie als Mannschaft noch zu jung. Als dann die Hallenregie das immergrüne Motto „I will survive“ spielte, lachten aber auch ihre Mitspielerinnen wieder und wagten den ein oder anderen Tanzschritt. Silber ist besser als Nichts, diese Erkenntnis reifte nach und nach - auch wenn ihnen die realistische Chance nach Gold durch die Hände geglitten war.

Quelle: F.A.Z.
Achim Dreis
Sportredakteur.
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