Mainz 05

Neue Variabilität

Von Daniel Meuren, Mainz
 - 23:10

Selbst für Nigel de Jong dürfte sein Einstieg bei Mainz 05 höchst ungewöhnlich gewesen sein. Am vergangenen Sonntag absolvierte er erst einen Pressetermin auf dem Trainingsgelände am Bruchweg, dann marschierte er in die Mannschaftskabine, wo er sich seinen neuen Mitspielern vorstellte, und zwei Stunden später stand er schon auf dem Spielfeld, wo er im Testspiel gegen Borussia Mönchengladbach erstaunlich passabel zu Werke ging für einen solchen Kaltstart im neuen Job. Da kam dem 33 Jahre alten Niederländer seine große Erfahrung zugute aus 81 Länderspielen, darunter das gegen Spanien verlorene WM-Endspiel von 2010, sowie Stationen in Chelsea, beim AC Mailand oder Galatasaray Istanbul. De Jong hat, auch wenn er die 0:3-Niederlage im Testspiel ebenso wenig verhindern konnte wie seine Nebenleute, den neuen Mitspielern Hinweise gegeben auf die Rolle, die er zu übernehmen gedenkt.

Der defensive Mittelfeldspieler soll mit seiner Abgeklärtheit eine Stütze im gelegentlich etwas fragilen Mainzer Gebilde werden. „De Jong ist sehr aktiv, will den Ball haben. Der Eindruck vom Test hat sich im Training in der vergangenen Woche bestätigt“, sagt Trainer Sandro Schwarz vor dem Rückrundenauftakt an diesem Samstag (15.30 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker und Sky) bei Hannover 96. „Wir trauen ihm zu, Samstag auch von Beginn an auf dem Platz zu stehen. Er ist ein Top-Profi, überragend auch im Gespräch und direkt im Team dabei. Und du siehst an den Augen, dass er Bock auf die Aufgabe hat.“

Auch de Jong müht sich nach Kräften, den Verdacht auszuräumen, dass sein Gastspiel in Mainz ein Karriereausklang sein könnte. „Ich bin noch nicht fertig“, sagte er. Mainz 05 habe er aus seiner Zeit beim HSV als kleinen Verein mit guter Stimmung in Erinnerung, in dem „nicht viel gelabert“ werde. Stattdessen könne man sich auf den Fußball konzentrieren. De Jong zeichnet neben dem Platz zudem eine Gelassenheit des Alters aus. Und entsprechend ordnet er auch seine berühmteste Szene als Fußballer, jenen unrühmlichen Kickbox-Tritt gegen Xabi Alonso im WM-Finale, entspannt als Anekdote aus längst vergangenen Tagen ein. „Man wird älter und schlauer. Das gehört in die Vergangenheit“, sagt er.

Wie baut Schwarz sein Team

In der Gegenwart ist es nun die Aufgabe des Trainers, seinem prominenten Neuzugang die passende Position im Team zu geben. De Jong kommt vom Selbstverständnis und Spielstil her wahrscheinlich nur als zentraler defensiver Mittelfeldspieler in Frage, als alleiniger Sechser oder Teil einer Doppel-Sechs. Da ihm nach einigen Monaten ohne Wettkampfpraxis indes noch Spritzigkeit fehlt, dürfte die Tendenz zu einem Einsatz an der Seite des physisch starken Nebenmanns Jean-Philippe Gbamin gehen. Gbamin, in der Hinserie der beste Mainzer, zeigte indes seine stärksten Leistungen, wenn er im defensiven Mittelfeld allein das Sagen hatte oder gar wie zuletzt gegen Borussia Dortmund als Chef einer Abwehr-Dreierkette.

Sollte Gbamin die Rolle als „Libero“ übernehmen, könnte de Jong freilich auch ein Dreier-Mittelfeld mit Suat Serdar oder Danny Latza, der in HAnnover freilich wegen einer Gelbsperre fehlt, bilden. Alle möglichen Aufstellungsoptionen weisen auf eine neue Mainzer Stärke hin: Die Rheinhessen sind dank de Jong und auch dem zweiten Neuzugang Anthony Ujah deutlich schwerer ausrechenbar als noch vor Weihnachten. Die neue Variabilität gestattet in der Offensive, auf zwei Spitzen zu setzen, wenn beispielsweise Yoshinori Muto an der Seite des physisch starken Ujah auflaufen würde. Der nigerianische Rückkehrer Ujah könnte wie de Jong schon in Hannover in der Anfangsformation stehen.

Schwarz lässt sich vor dem ersten Pflichtspiel im neuen Jahr nicht in die neu gemischten Karten schauen, er betont aber einen positiven Nebeneffekt der Kader-Feinjustierung. „Wir haben einen sehr guten, verschärften Konkurrenzkampf in jeder Einheit“, sagt er. Zudem blicken die Mainzer auf einen Ausflug in den Schwarzwald zurück, wo der Kader samt Betreuern eine Nacht gemeinsam auf einer Hütte verbracht und in Matratzenlagern geschlafen hat. „Das war eine Top-Teambuilding-Maßnahme, das hat uns alle zusammengeschweißt“, sagt Schwarz. Die zusätzliche Energie des Teamgeists könnte nötig sein. Denn trotz der positiven Signale der Neuzugänge de Jong und Ujah droht dem Tabellenfünfzehnten eine Rückserie, in der es wie im Vorjahr auf einen harten Kampf um den Klassenverbleib hinauslaufen dürfte.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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