Mainz 05

Ein bisschen Frieden

Von Daniel Meuren, Mainz
 - 08:24

Am Ende war Johannes Kaluza offensichtlich gut beraten. Der offene Brief, in dem der 63 Jahre alte Vereinschef am Mittwoch auf der Homepage von Mainz 05 seinen Rückritt begründete, liest sich, als sei er von einem erfahrenen Krisenmanager formuliert, den der Fußball-Bundesligaklub vielleicht besser schon vor vielen Monaten zur Lösung seiner selbstgeschaffenen Führungskrise mit ins schlingernde Boot geholt hätte. Nachdem Kaluza in den vergangenen Wochen nahezu von einer Pfütze in die nächste trat, hat er nun mit dem Schreiben einen würdevollen Abgang gewählt.

„Es darf in unserem Verein nicht das Interesse des Einzelnen, von wem auch immer, über dem Wohl des Vereins stehen. Und in einer sportlich angespannten und auch wirtschaftlich herausfordernden Situation unseres Klubs dürfen nicht Nebenkriegsschauplätze in den Mittelpunkt rücken und Kräfte binden, die wir für unseren gemeinsamen Erfolg brauchen“, schrieb Kaluza. „Auch wenn mir der Schritt schwer fällt, weil ich den Verein liebe, Gefallen an der Aufgabe gefunden habe und noch viele Ideen gerne verwirklicht hätte, ist es unumgänglich: Ich trete heute und mit sofortiger Wirkung von meiner Funktion als Vereins- und Vorstandsvorsitzender zurück.“ Kaluza gestand zudem Fehler ein und schrieb, irritiert zu sein, dass teils „jedes Wort auf die Goldwaage gelegt“ worden sei.

„Mainz 05 arm, aber sexy“

Weltfremde Ideen wie eine gemeinsame monatliche Trainingseinheit von Profis und Fans oder die Anekdote, dass der bei Vereinsanlässen der Rot-Weißen stets in rote Hose gekleidete Kaluza beim VIP-Empfang den in Bingen geborenen und seit einem Jahrzehnt im Klub aktiven Torhüter Jannik Huth nicht erkannte und auf Englisch ansprach, sorgten zunächst nur für ein wenig Spott. Die wiederholte Äußerung, dass „Mainz 05 arm, aber sexy“ sei, erregte aber schon bald Ärger im Aufsichtsrat. Die Fanabteilung sah sich brüskiert, weil Kaluza ein Kölner Marktforschungsinstitut mit einer Studie beauftragte, die in Konkurrenz zu Bemühungen der Fans um eine ähnliche Studie zu stehen schien.

Zur Eskalation trug letztlich bei, dass der vermeintliche Kämpfer gegen den Kommerz, der nach dem Abgang des durch eine hohe Aufwandsentschädigung und einen geheimgehaltenen Beratervertrag in Ungnade gefallenen Vorgängers Harald Strutz in einer Stimmungswahl vor allem auch durch die Stimmen der Ultras ins Amt gewählt wurde, plötzlich den Eindruck erweckte, selbst auf ein gutes Honorar aus zu sein. „So kam es zu Missverständnissen – zum Beispiel, als ich als wirtschaftlich unabhängiger Unternehmer den Eindruck habe entstehen lassen, es ginge mir ums Geld“, schreibt Kaluza nun. Honorig ist in diesem Zusammenhang, dass die ihm vom Aufsichtsrat letztlich zugestandene Aufwandsentschädigung für die vergangenen sechs Monate in Höhe von summiert 18.000 Euro auf seinen Wunsch der Nachwuchsarbeit zufließen soll.

Kaluza kommt mit seinem Rücktritt einer vom Aufsichtsrat anberaumten außerordentlichen Mitgliederversammlung zuvor, bei der er vermutlich schweren Angriffen ausgesetzt gewesen wäre. Zudem kann die Wahl eines Nachfolgers noch früh genug stattfinden, um den Tabellen-Vierzehnten vor der entscheidenden Phase einer sportlich möglicherweise schwierigen Saison vom internen Druck zu befreien. Ein vom ersten Tag an zum Scheitern verurteiltes Missverständnis ist also zu einem gerade noch akzeptablen Zeitpunkt beendet. Dieses Missverständnis hat seinen Ursprung in einer fehlerhaften Satzung, die auf eine Fortsetzung der Präsidentschaft von Strutz zugeschnitten war. So stand auf einmal ein zuvor unbekanntes Gesicht als recht zufällig gewählter ehrenamtlicher Chef dem Verein vor. Kaluza, der zuvor einen Essigsäurehersteller als geschäftsführender Anteilseigner leitete, wäre derweil mit seiner unkonventionellen Art und der Innovationsfreude vermutlich in einem weniger professionell aufgestellten Randsport auf mehr Gegenliebe gestoßen als Führungsfigur als in einem Profifußballklub mit gewachsenen Strukturen.

Freundliche Worte nach Wochen des Streits

Der vorab am frühen Morgen von Kaluza informierte Aufsichtsratschef Detlev Höhne, dessen Gremium wie der Vorsitzende nach der Umstrukturierung im Sommer ohne Vorerfahrung die Arbeit aufnahm, fand in der Pressemitteilung freundliche Worte nach Wochen des Streits. „Am Ende eines schwierigen gemeinsamen Weges trennen wir uns in gegenseitigem Respekt und in der gemeinsamen Verantwortung für die Interessen von Mainz 05“, so Höhne, der Kaluza wohl in den vergangenen Tagen in persönlichen Gesprächen die Augen öffnete für den Ernst der Situation.

Für die vom Aufsichtsrat umgehend für den 21. Januar anberaumte Neuwahl können sich bis Heiligabend Interessenten bei der fünfköpfigen Wahlkommission bewerben. Voraussetzungen sind laut Satzung ein Alter zwischen 30 und 75, eine mindestens zehnjährige Erfahrung in wirtschaftlichen Angelegenheiten in einer Managementposition oder einer vergleichbaren Führungsposition im Sport, alternativ kann der Kandidat eine anerkannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens sein.

Nach Informationen dieser Zeitung will der Aufsichtsrat einen „Konsenskandidaten“ suchen, der den Verein als zurückhaltender Vorsitzender befrieden könnte und den Weg zu Korrekturen an der Satzung unterstützen würde, um die Rolle des ehrenamtlich gewählten Vorstandsvorsitzenden klarer zu begrenzen als bisher. Einige Namen sind bereits um Umlauf, einen Favoriten gibt es indes noch nicht. Der im Sommer für die Wahl nicht mehr zugelassene Peter Sommer soll zudem eine abermalige Kandidatur erwägen. Gleichfalls auf eigenen Antrieb könnte Jürgen Doetz, der Kaluza bei der Abstimmung im Juni in der Stichwahl knapp gegen Kaluza unterlegen war, sich nochmals dem Votum der Mitglieder stellen. „Ich bin in den vergangenen Tagen immer wieder angesprochen worden. Aber man sollte jetzt nicht in Hektik verfallen. Ich habe noch keine fertigen Überlegungen. Falls ich zur Verfügung stehen sollte, würde ich mich erst einmal mit den Gremien des Vereins austauschen“, sagte Doetz auf Anfrage.

Er könnte nun deutlich bessere Chancen haben als im Sommer. Damals galt er vor allem den Ultras noch als Vertreter der Ära Strutz, der den Neuanfang bremsen könnte. Nun könnte er das mittlerweile entstandene Bedürfnis der Mitglieder nach Kontinuität stillen. Der fast 30 Jahre an der Seite von Strutz im Vorstand aktive Doetz, aus Politik und Medienpolitik erfahrener Manager und aktuell hochdotiert für Politik wie Wirtschaft als Berater tätig, könnte sich glaubwürdig als Mann des Übergangs darstellen. Denn seinen Ambitionen sind klare Grenzen gesetzt. Der Dreiundsiebzigjährige dürfte aus Altersgründen nach Ablauf der dreijährigen Präsidentschaft gemäß Satzung nicht wieder gewählt werden.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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