Mainz gegen Hertha

Kommt jetzt der Lippenleserbeweis?

Von Daniel Meuren, Mainz
 - 19:48

Stefan Bell musste schon schmunzeln, bevor ihm überhaupt die erste Frage gestellt wurde. „Der Videobeweis ist klasse“, sagte Bell, nachdem seine Mannschaft in der Fußball-Bundesliga dank eines aufgrund der TV-Bilder zugesprochenen Elfmeters, den Pablo de Blasis verwandelte (54. Minute), 1:0 gegen Hertha BSC gewonnen hatte. „Habe ich je was anderes gesagt?“ Das hatte Bell nach der 2:3-Niederlage gegen Hoffenheim, und das wusste der 26 Jahre alte Mainzer Innenverteidiger nur drei Tage danach selbstredend noch allzu gut.

„Das ist eine Katastrophe, dass du nach jedem Spiel über den Videobeweis reden musst. Das macht das ganze Spiel kaputt“, hatte der Mainzer Kapitän Stefan Bell unter der Woche gesagt. „Das ist noch ungerechter als vorher, wo der entscheidende Mann der Schiedsrichter auf dem Platz war und nicht irgendwer vor einem Bildschirm.“ Auch Sportdirektor Rouven Schröder hatte moniert, dass er keine Lust mehr darauf habe, nach einem Spiel nicht mehr über Fußball, sondern nur noch den fernen Assistenten reden zu müssen, nachdem Mainz 05 mehrfach gehadert hatte mit jener Neuerung, die in der Bundesliga derzeit für mehr Gesprächsstoff sorgt als sportliche Darbietungen.

Bundesliga

„Seht ihr, man muss sich nur beschweren“, sagte Bell nachdem nun tatsächlich nicht allein der in Köln in einem Studio sitzende Video-Assistent Benjamin Cortus dem Mainzer Bell und seinen Kollegen vermeintliche Gerechtigkeit widerfahren ließ. Cortus hatte Schiedsrichter Tobias Stieler nach einem nicht geahndeten Foul von Karim Rekik an Yoshinori Muto im Strafraum via Funk gebeten, sich auf einem an der Mittellinie postierten Bildschirm selbst noch einmal die Szene anzuschauen. Nach diesem Doppelpass mit dem Assistenten traf Stieler die letzte Entscheidung somit aufgrund eigener Anschauung und nicht ferngesteuert. Der Akzeptanz des Videobeweises dürfte dieses Vorgehen entgegenkommen. „Für die Glaubwürdigkeit des Videobeweises ist es auf jeden Fall besser, dass der Schiedsrichter da zum Bildschirm läuft, als dass er anderthalb Minuten mit dem Finger am Ohr auf dem Platz rumsteht“, sagte Bell.

Der Unparteiische wollte sein Vorgehen derweil noch nicht als eine allgemeine Handlungsempfehlung ansehen, er dementierte auch Vermutungen, dass der Gang in die so genannte „Review Area“ eine Ansage der Schiedsrichterführung nach der Kritik der vergangenen Wochen gewesen sein könnte. „Dem Video-Assistenten war es am Bildschirm nicht so klar, wie er die Situation bewerten soll. Er fragte mich vor allem, ob ich den Armeinsatz gesehen hatte. Das hatte ich nicht, weil ich in der Situation sehr nah dran war und nur auf die Füße geachtet hatte“, sagte Stieler später. „Nach Ansicht der TV-Bilder habe ich dann meine Entscheidung revidiert.“ Stieler betonte allerdings auch, dass er nichts davon halte, nun wie in anderen Ligen eher üblich bei jeder Szene in die „Review Area“ zu laufen. „Man sollte das nicht überstrapazieren“, sagte er.

Ohne das Gesprächsthema Videobeweis hätte es nach einem äußerst schwachen Bundesligaspiel ohne Linie auf beiden Seiten außer einer Roten Karte für Hertha-Torjäger Vedad Ibisevic wegen Schiedsrichterbeleidigung in der Schlussminute kaum Gesprächsstoff gegeben, wenn es eben nicht zur Ferndiagnose aus Köln gekommen wäre. Eine solche Ferndiagnose, freilich einer weniger visuellen Gattung, sondern einen Lippenleser-Beweis, wünschte sich nach Schlusspfiff nun auch Vedad Ibisevic. Der Torjäger behauptete steif und fest, dass der Schiedsrichter ihn missverstanden habe. „Der Schiedsrichter hatte mich wegen einer Platzwunde zur Behandlung vom Platz geschickt, ich hatte ihn dann gebeten, auf dem Platz bleiben zu dürfen, weil es nicht so schlimm blutete und nur noch die Nachspielzeit zu spielen war“, sagte Ibisevic.

„Als er bei seiner Meinung blieb, sagte ich nur ‚Das ist doch schlecht.’ Er hat aber wohl ‚Du bist scheiße’ verstanden. Ich hoffe, dass ein Lippenleser das bestätigt.“ Stieler betonte aber später, Ibisevic sehr wohl sehr genau verstanden zu haben. Die drei Punkte wird so oder so auch ein Lippenleser den Mainzern nicht mehr nehmen können, die unter der Woche noch nach einem berauschenden Heimspiel 2:3 gegen Hoffenheim verloren hatten und umso dankbarer waren für die Aufstockung ihres Kontos. Mit nun sechs Punkten sieht die Welt für die schlecht in die Saison gestarteten Rheinhessen nun deutlich besser aus. „Wir haben gezeigt, dass wir auch solch ein Spiel gewinnen können“, sagte Trainer Sandro Schwarz. Damit meinte er, ein Duell für sich entschieden zu haben gegen einen sehr zähen, dicht gestaffelten Gegner wie die Berliner. Dafür sei Geduld nötig gewesen. Und eben auch der Video-Assistent.

Quelle: F.A.S.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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