Vor dem Pokalfinale

Was sich die Frankfurter Eintracht schuldig ist

Von Peter Heß
 - 08:56

Für eingefleischte Fans der Frankfurter Eintracht sind solche Sätze von Fredi Bobic und Niko Kovac nur schwer hinzunehmen, mit denen sie das vorläufige Zerplatzen der Europacup-Träume zu beschönigen versuchten. Wer will schon hören, dass Platz acht auch etwas ist, worauf man stolz sein kann, wenn der Klub sieben Spieltage vor Saisonende noch auf einem Champions-League-Platz stand und der Vorsprung vor dem VfB Stuttgart sieben Punkte betrug. Dem VfB Stuttgart, der der Eintracht am letzten Spieltag noch die letzte in der Bundesliga ausgespielte Qualifikationschance für die Europa League stibitzte und zwei Punkte vor ihr ins Ziel stürmte.

Die Schwaben schafften es, weil sie die Bayern auf dem falschen Fuß erwischten – und die Chance elanvoll beim Schopfe packten. Die Eintracht war dazu vor zwei Wochen nicht in der Lage gewesen, als sie vom Rekordmeister mit sieben Anfängern in der Startelf empfangen wurde. Dieses 1:4 verfestigte den Eindruck, den viele von der Eintracht in der Schlussphase der Saison hatten: Die Mannschaft wirkte ausgelaugt. Zu zwei Siegen raffte sie sich im April und Mai noch auf – im Pokalhalbfinale gegen Schalke und in der Bundesliga gegen den HSV. Aber auch in diesen Begegnungen wirkte das Team nicht mehr so zwingend und entschlossen wie in der ersten Hälfte der Rückrunde, als die kämpferischen und aggressiven Hessen die Liga in Angst und Schrecken versetzte.

Physische Grenzen

Doch die Erfolge hatten ihren Preis. Die Mannschaft spielte über ihre Verhältnisse, weil es ihr Woche für Woche gelang, an ihre physischen Grenzen und ein wenig darüber hinaus zu gehen. Das kann bis zum Saisonende gutgehen, wenn sich glückliche Umstände verketten, muss aber nicht. Und in Frankfurt verketteten sich eher unglückliche Umstände. Die Unruhe, die die Bekanntgabe des Wechsels von Trainer Kovac zu den Bayern mit sich brachte, half nicht, und die Verletzungen und Sperren, die wichtige Spieler betrafen, auch nicht.

Wie sehr Kovacs Entscheidung, die Eintracht zu verlassen, in den Hinterköpfen der Profis mitspielte, kann niemand bemessen. Aber die Aura des Trainers, die bis dahin makellos war, weil er alles vorbildlich vorlebte, was er von seinen Spielern verlangte, erlitt eine Schramme. Es mag menschlich sein, dass die Profis nun ihre Müdigkeit stärker spüren und schlechter ihren inneren Schweinhund überwinden können als zuvor. Doch hätte Kovac wegen dieser Gefahr auf das Münchner Engagement verzichten sollen? Niemand kann es Kovac verdenken, die Stelle beim Rekordmeister zu übernehmen. Und niemand sollte wegen des Sinkflugs zum Bundesligaende vergessen, wer die Eintracht in die lichten Höhen geführt hat.

Was bleibt also übrig, als über die vergebene Möglichkeit zu seufzen, seinen Frieden damit zu machen und die letzte Minimalchance auf Europa geschlossen anzugehen? An einen Sieg im Pokalfinale über die Bayern zu glauben wäre vermessen. Aber dem hohen Favoriten eine Fußball-Schlacht zu bieten, wie im vergangenen Jahr Borussia Dortmund, und Kovac einen würdigen Abschied zu bereiten, das ist sich die Eintracht schuldig.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß
Sportredakteur.
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