Weltmeisterschaft im Büro

Zwischen Euphorie und Abmahnung

Von Daniel Schleidt
 - 09:39

Der Livestream funktioniert schon. Vom langjährigen Fußballfan ist die an diesem Donnerstag beginnende Weltmeisterschaft seit Monaten rot im Bürokalender eingetragen, und zwar mit der Notiz: „Keine Termine“. Heißt so viel wie: Auch während der Arbeitszeit ist das Projekt Titelverteidigung durch Jogis Jungs wichtiger als der Schreibtischalltag. Die Kopfhörer liegen bereit, der Bildschirm ist sicherheitshalber so von der Tür weggedreht, dass der Blick eines ungebetenen Gastes nicht als Erstes auf den Bildschirm fällt, der in den nächsten gut vier Fußballwochen öfters Fußball aus Russland zeigen wird.

So oder ähnlich dürfte die Lage zurzeit in vielen Büros im Rhein-Main-Gebiet sein. Die Fußball-Weltmeisterschaft stellt Unternehmen vor die Frage, ob sie solches Verhalten akzeptieren wollen. Die schwarz-rot-goldene TV-Euphorie zwecks gutem Betriebsklima schüren oder mit Abmahnungen drohen – das ist die Frage, die sich den Chefs stellt.

Fantreff im Erdgeschoss

Die Deutsche Familienversicherung in Frankfurt hat deshalb eine klare Linie ausgegeben: Das Unternehmen bietet allen Mitarbeitern an, die Spiele der deutschen Nationalmannschaft gemeinsam zu verfolgen. Das gilt einem Sprecher zufolge auch für die Duelle am Wochenende. Mitarbeiter haben dafür den Konferenzraum im Erdgeschoss zum Fantreff umgebaut. Während der Spiele von Neuer, Boateng, Özil und Kollegen ruht nicht nur die Arbeit; die Mitarbeiter werden auch noch mit Grillsteaks und alkoholfreien Getränken versorgt. Bei den Spielen ohne deutsche Beteiligung ist die Fan-Arena geschlossen, aber wer mit Spanien, Nigeria, Argentinien oder einem anderen Team sympathisiere, dürfe die Partien „seiner“ Nation über ein Smartphone oder auch im Livestream auf dem Firmen-PC schauen, heißt es.

Fußball verbindet. Viele Unternehmen nutzen deshalb die WM, um den Teamgeist zu stärken. Allerdings sind Fernsehübertragungen nicht ohne weiteres möglich. Laut Reglement des Fußball-Weltverbands Fifa müssen Unternehmen für das Zeigen von Spielen unter Umständen eine gebührenpflichtige Lizenz erwerben, wie die Industrie- und Handelskammer mitteilt. Das trifft dann zu, wenn die Veranstaltungen gewerblichen Zwecken dienen, also entweder Eintritt erhoben oder ein anderer geschäftlicher Nutzen erzielt wird. Eine Lizenz ist auch bei Veranstaltungen mit mehr als 5000 Besuchern erforderlich – die ist allerdings kostenfrei.

Kein Recht auf Fußballkonsum

In den meisten Betrieben gibt es keine offiziellen Veranstaltungen, Live-Ticker und Übertragungen auf dem Computer werden aber geduldet. So heißt es von der Taunussparkasse, die flexiblen Arbeitszeiten ermöglichten Angestellten, die deutschen Spiele anzuschauen. Da aber der Geschäftsbetrieb nicht beeinträchtigt werden darf, müssen sich die Mitarbeiter absprechen. Wer arbeiten müsse, könne jedoch „ab und an einen Blick auf den Live-Ticker am Rechner“ werfen, heißt es von der Bank mit Sitz in Bad Homburg.

Für fußballbegeisterte Mitarbeiter kann übertriebener Fußballkonsum am Arbeitsplatz aber auch zu ernsthaften Schwierigkeiten führen. Ein Recht, WM-Spiele während der Arbeitszeit zu verfolgen, gibt es nämlich nicht. Arbeitsrechtler empfehlen deshalb, sich immer mit dem Vorgesetzten abzustimmen und im Zweifel lieber offiziell Urlaub zu nehmen, anstatt das Spiel heimlich im Büro zu verfolgen. Auch der Feierabend kann nur nach Rücksprache vorverlegt werden – oder wenn es flexible Arbeitszeitregelungen ohnehin zulassen.

Das Büro tippt mit

Einige Betriebe richten sogar ihre Sommerfeste nach dem Spielplan der WM aus. Die Köhl GmbH aus Rödermark zum Beispiel hat zu einem Spiel der Deutschen ein Grillfest organisiert, bei dem alle Mitarbeiter aus einem Foodtruck versorgt werden, wie der mittelständische Hersteller von Konferenzsesseln mitteilt.

Sehr beliebt in Unternehmen sind auch Tippspiele. Laut einer Umfrage des Jobportals Indeed unter etwa 4000 Arbeitnehmern bieten 28 Prozent der Unternehmen interne Tipprunden an, an denen demnach 85 Prozent der Angestellten teilnehmen. Oft winken attraktive Preise: Die Commerzbank verspricht den besten Teilnehmern Trikots und Fußbälle, bei der Taunussparkasse gewinnt die siegreiche Tippgruppe ein Team-Event. Der Pharmakonzern Sanofi spendet für jeden abgegebenen Tipp Geld an das interne Kinderhilfswerk „Enfants de Sanofi“.

Die Indeed-Umfrage macht den selbsterklärten Experten unter den WM-Tippern allerdings wenig Hoffnung auf einen Sieg. Mehr als die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass diejenigen gewinnen, die am wenigsten Ahnung vom Fußball haben.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Schleidt
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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