World Cup of Darts

Wenn die Halle abhebt

Von David Lindenfeld
 - 16:03

Kurz vor 23 Uhr am Freitagabend brachten Max Hopp und Martin Schindler die Wassergläser auf der Bühne mit einem imitierten Jubelsprung von Cristiano Ronaldo zum Wackeln. Freude und Erleichterung standen den beiden Deutschen nach dem Auftaktsieg beim World Cup of Darts in der Frankfurter Eissporthalle ins Gesicht geschrieben. In der vorletzten Partie der ersten Runde setzte sich das junge Duo in einer spannenden Begegnung gegen die beiden Schweden Daniel Larsson und Dennis Nilsson durch – unterstützt vom Frankfurter Publikum, das jeden gelungenen Wurf in eins der acht Millimeter schmalen Triple- und Doppel-Felder der Dartscheibe frenetisch bejubelte.

„Es war genau wie letztes Jahr ein absolut geiles Gefühl, vor diesem Publikum zu spielen. Das ist unbeschreiblich“, sagte der 21 Jahre alte Schindler. Er holte mit seinen Würfen im siebten Leg – wie ein Spiel genannt wird, in dem sich die Spieler von 501 Punkten auf null bringen müssen – das entscheidende Break für Deutschland, indem er 126 Punkte mit zwei Treffern in die dreifache 19 und dem obligatorischen Wurf auf ein Doppelfeld zum Abschluss des Legs ausmachte. Die ausgelassene Stimmung erreichte ihren Höhenpunkt.

Laute Buhrufe nach Fehlwürfen

Schon vor der Partie hatten die zum Großteil kostümierten Zuschauer mit ihren Anfeuerungsrufen eine stimmungsvolle Atmosphäre kreiert und beim Gang der Spieler auf die Bühne signalisiert, dass die Sympathien an diesem Abend klar verteilt sein werden. Dies bekamen die Schweden dann auch während der Partie deutlich zu spüren: Viele Würfe wurden von lauten Buhrufen und Pfiffen begleitet, was bei der Konzentrationssportart Darts nicht unbedingt gern gesehen wird: Gleich mehrmals drehte Russ Bray, der bekannteste Caller der Professional Darts Corporation (PDC) mit der rauhen und markanten Stimme, den Kopf zum Publikum und versuchte mit einem „Thank you“ aufzuhalten, was längst nicht mehr zu stoppen war. „Was hier bei deutschen Spielen los ist, ist brutal. Ich gönne es keinem Gegner, das zu erleben“, sagt Darts-Fachmann Gordon Shumway, der unter dem aus der Fernsehserie „Alf“ bekannten Künstlernamen als professioneller Caller die Turniere der PDC Europe jahrelang moderierte und am Sonntag als Experte das Finale des World Cup of Darts für den TV-Sender Sport1 kommentieren wird.

Während die überwiegend jungen und zum Teil alkoholisierten Zuschauer im Hintergrund ordentlich Lärm machen, geht es für die Profis auf der Bühne darum, die Konzentration aufrecht- zuerhalten, um die Wurfbewegung möglichst immer gleich und erfolgreich abspulen zu können. Shumway, der schon seit über 40 Jahren Darts spielt, kennt noch andere Zeiten: Früher herrschte während der Würfe im Publikum meist absolute Ruhe, wie man das von anderen Konzentrationssportarten, zum Beispiel dem Snooker, kennt.

„Mittlerweile ist es ein Teil des Dartssports geworden, dass die Halle abhebt, während man wirft. Damit müssen die Spieler klarkommen“, sagt Shumway, der jedoch an das deutsche Publikum appelliert, den gegnerischen Spielern auf der Bühne mehr Respekt zu zollen: „Es wäre schön, wenn man die Fans hin und wieder daran erinnert, dass Darts ein Konzentrationsspiel ist und man den Gegner in Ruhe auf sein Doppel werfen lassen sollte. Man kann alles machen im Dartssport, nur nicht den Gegner ausbuhen.“ Der einzige Team-Wettbewerb der PDC ist für Shumway jedes Jahr etwas Besonderes, da die Spieler nicht nur in Einzeln, sondern auch in Doppeln gegeneinander antreten. Für die Profis, die sonst das ganze Jahr über nur allein auf der Bühne stehen, ist das eine ungewohnte Situation. Die Pausen zwischen den Würfen sind länger, der Rhythmus deshalb ein ganz anderer.

„In der Planung für das nächste Jahr“

Unabhängig davon, in welchem Modus gespielt wird, liegt die Faszination für den Präzisionssport in Deutschland für Shumway in der großen Spannung, die die Partien mit sich bringen. „Darts ist wie drei Stunden Elfmeterschießen beim Fußball. Es ist nie langweilig, weil ein Spieler 0:4 hinten liegen und immer noch 6:4 gewinnen kann“, sagt der Experte, der seit der Erstaustragung des Wettbewerbs 2012 in Deutschland, als die Team-Weltmeisterschaft noch in Hamburg stattfand, jedes Mal beim World Cup of Darts dabei war.

Ob er die besten Dartsspieler der Welt auch im kommenden Jahr noch in Frankfurt sehen kann, steht aktuell noch in den Sternen. „Wir sind in der Planung für das nächste Jahr. Hinter Frankfurt als Austragungsort des World Cup of Darts ist momentan noch ein Fragezeichen“, sagt der Präsident der PDC Europe, Werner von Moltke, der darauf verweist, dass sich die PDC Europe kontinuierlich „weiterentwickelt und solide weiterwächst“. Die beiden Turniertage am Wochenende in der Eissporthalle, die beim Darts Platz für rund 3500 Zuschauer bietet, waren schon vor Turnierstart ausverkauft. Dass das Interesse an der Sportart in Deutschland derzeit enorm ist, wurde zuletzt wieder beim German Darts Masters in Gelsenkirchen deutlich: 20 100 Zuschauer besuchten die Veranstaltung in der Fußballarena von Schalke 04 und stellten damit einen Weltrekord für die meisten Zuschauer bei einem Dartsturnier auf.

„Wir haben nach wie vor keinen richtigen deutschen Star. Obwohl uns ein Boris Becker oder ein Michael Schumacher fehlt, ist es uns gelungen, aus einer Kneipensportart einen interessanten Faktor zu schaffen“, sagt von Moltke. Aufgrund des großen Zuspruchs in Deutschland prüft die PDC Europe von Jahr zu Jahr neu, ob die Austragung des World Cup of Darts in Frankfurt unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten weiterhin Sinn macht. Eine endgültige Entscheidung sei noch nicht gefallen, versichert von Moltke: „Die offizielle Bekanntgabe wird es im August geben.“

Umgezogen von der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg in die Eissporthalle war die PDC mit dem World Cup of Darts im Jahr 2015 aufgrund der höheren Zuschauerkapazität, die die Halle in Frankfurt bot. Nun könnte bald auch die Frankfurter Halle nicht mehr groß genug sein. Shumway warnt jedoch davor, dass die Sportart eine aus seiner Sicht falsche Entwicklung nimmt: „Ein Stadion mit 20 000 Leuten sieht toll aus, aber was man nicht vergessen darf, ist, dass die Thermik eine ganz andere ist, wenn in einem Fußball-Stadion 20 000 Leute ad hoc klatschen. Die Konzentrationssportart Darts kann man gar nicht mehr richtig ausüben, weil die Luft auch durch die Windbewegungen eine ganz andere ist.“ Er plädiert dafür, in deutlich kleineren Hallen zu spielen. „In meinen Augen sollten die Hallen maximal acht- bis zehntausend Zuschauer fassen.“ Für die Dartsfans aus der Region wäre die Verlegung der Veranstaltung eine große Enttäuschung. Die Imitation des Ronaldo-Jubels der beiden derzeit besten deutschen Dartsspieler würde bei der Beliebtheit des Sports an einem anderen Ort in Deutschland jedoch sicher auch auf Zuspruch stoßen.

Quelle: F.A.S.
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