Eintracht Frankfurt

„Wir sind einer der gesündesten Bundesligaklubs“

Von Peter Heß
 - 10:30

Vorstandsmitglied Axel Hellmann lobt den neuen Trainer Adi Hütter schon vor dessen erstem Training. Sie auch?

Das ist gut, dass Axel das tut, wir brauchen keine Kakophonie in Vorstand und Aufsichtsrat. Ich habe Adi Hütter bis jetzt nur telefonisch gesprochen und sage, wir werden zurechtkommen. Natürlich haben wir uns vorher sorgfältig informiert. Und ich habe nichts Schlechtes über ihn gehört. Im Gegenteil. Wie Sie wissen, ist der frühere Eintracht-Spieler Pirmin Schwegler mein Freund. Dessen Bruder hat unter Hütter gespielt und nur Gutes berichtet. Und dass Uli Hoeneß mir sagte, auch die Bayern hätten Hütter auf dem Radar gehabt, ist mir eine innere Bestätigung. Ich hatte ihn nicht auf dem Schirm. Aber Fredi Bobic mag ja phantasievolle Lösungen.

Nachdem der Rausch des Pokalsieges verflogen ist: Wie sehen Sie die Zukunft der Eintracht? So rosig wie viele Fans?

Ich war nie im Rausch, ich schaue auch bei Triumphen über den Tellerrand hinaus. Ich habe mich sofort gefragt: Was ist jetzt eigentlich passiert? Was bedeutet das für die Zukunft? Für uns ist der Pokalsieg eine Hypothek für die Zukunft. Ich freue mich, aber ich sehe auch, was auf uns zukommt. Die Europa League bedeutet eine große Herausforderung, an der mancher gescheitert ist, der in den Europapokal so hineingerutscht ist. Im Erfolg kann man die größten Fehler begehen – und wir haben viele Entscheidungen zu treffen. Wie viel wir investieren, wo wir investieren, in wen wir investieren.

Und wie gehen Sie die Sache an? Offensiv oder defensiv?

Wir haben jetzt mehr Möglichkeiten, Lösungen zu finden. Vor zwei Jahren mussten wir einen Spieler für eine Million Euro verkaufen, wenn wir einen neuen für 500.000 Euro verpflichten wollten. Jetzt sprechen wir über andere Summen, und es muss auch keiner mehr verkauft werden, um investieren zu können. Aber wir wollen keine Abkürzungen auf dem Weg nach oben nehmen, wir wollen weiter langsam und kontinuierlich wachsen und dabei auch die Rahmenbedingungen und die Infrastruktur verbessern. Wie mit dem Bau der Geschäftsstelle und des Campus, wie mit der Einwicklung neuer Geschäftsfelder. Es wird längst nicht jeder Extra-Euro in Transfers fließen. Für mich sind die sportlichen Ziele in der Bundesliga im Wesentlichen dieselben wie vor der vergangenen Saison. Nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben und vielleicht einen etwas ansehnlicheren Fußball spielen. Das wäre schon ganz gut. Für uns ist der Pokalsieg die Bestätigung unserer Arbeit in den vergangenen zwei Jahren, nicht die Plattform für einen Angriff auf Platz fünf.

Wie wertvoll ist der Pokalsieg?

Das lässt sich nicht genau evaluieren. Aber er sorgt allein dafür, dass wir nicht aus der Verteilung des internationalen Fernsehtopfes der Bundesliga fallen. Das sind schon mal fünf, sechs Millionen Euro im Jahr. Dann macht uns der Titel für Sponsoren interessant. Früher mussten wir 100 Mal gegen eine Tür rennen, bis sie vielleicht einmal aufging. Jetzt kommen Sponsoren auf uns zu. Wir haben mehrere Anfragen, zum Teil über ein Volumen von fünf, sechs Millionen Euro über drei Jahre. Aber das muss natürlich erst noch genau ausgehandelt werden. Früher war alles ganz einfach. Da gingen wir zum alten Ammerschläger (Frankfurter Kaufhaus-Besitzer Alois Ammerschläger, die Redaktion), tranken drei Flaschen Wein in seinem Büro, und er buchte eine Werbebande. Heute kommen Spezialisten und schauen, wo die Schnittstellen sind, ob es Übereinstimmungen bei den Marken-Philosophien gibt und welche Effekte erzielt werden können.

Welche Argumente hat die Eintracht noch für die Sponsoren, außer dem Pokaltitel?

Unsere Solidität. Das gilt für die Führungsstruktur – nie hat es, solange ich bei der Eintracht bin, so gut gepasst wie in den vergangenen zwei Jahren – und bei den Finanzen. 28 Millionen Euro Eigenkapital sind eine Hausnummer. Und wir haben keine Vermarktungsrechte verpfändet, alle Einnahmen gehen auch an uns. Dazu können wir eine positive Entwicklung nachweisen. Wir sind im Ranking der TV-Einnahmen um vier Plätze nach vorne gerückt und werden bei 60 Millionen Euro liegen. Auch dadurch werden wir in der nächsten Saison erstmals die 150-Millionen-Umsatzgrenze durchbrechen. Wir sind sicher einer der gesündesten Vereine der Bundesliga.

Präsident Peter Fischer allerdings gilt nicht jedem als ein Vorbild an Seriosität.

Er bringt 54 000 Mitglieder unter einen Hut und wird mit 99,2 Prozent der Stimmen gewählt. Irgendetwas muss er also haben. Ich bewundere ihn für seine Arbeit in den vergangenen 18 Jahren. Die Vielfalt unserer Eintracht-Mitglieder ist sprichwörtlich, und all die unterschiedlichen Menschen wollen genau diesen Präsidenten. Das spricht für ihn. Genauso sein Kommentar zur Eintracht und der AfD. Das war sehr mutig. Da kann er noch drei Orden verliehen bekommen, aber den Ärger, den er sich damit eingehandelt hat, den muss jemand erst einmal aushalten.

Wie groß ist der Anteil von Fredi Bobic an dem Aufschwung der Eintracht? Was hat Bobic bei der Eintracht verändert und bewirkt?

Mit ihm haben wir unter anderem eine Scouting-Abteilung bekommen, die den Namen verdient. Wenn die Transferquote bei 50:50 liegt, ist das schon o. K., wir haben zuletzt aber 80 Prozent und plus. Nicht jede Neuverpflichtung hat zu 100 Prozent eingeschlagen, aber fast jeder hat über die Saison seinen Wert gehabt und seinen Beitrag zum Erfolg geleistet. Im Vergleich zu den Bayern oder zwei, drei anderen Top-Klubs in der Bundesliga sind wir ein Ausbildungsverein. Wenn Millionen-Offerten ins Haus flattern, werden weder der Klub noch die betroffenen Spieler nein sagen können. Aber wir arbeiten daran, auch hier in die Oberstufe versetzt zu werden. Insgesamt ist die Transferpolitik eine erfolgreiche.

Video starten

Neuer Eintracht-Coach„Natürlich stehe ich für offensiven Fußball“

Wieso rufen Sie Bobic schon mal um 2 Uhr morgens an?

Weil ich schon um 21 Uhr ins Bett gegangen bin, dann aufwache und mir etwas durch den Kopf geht, was ich unbedingt mit Fredi Bobic besprechen will.

Das spricht für ein gutes Verhältnis, die meisten wären verärgert, um diese Zeit angerufen zu werden.

Vor allem haben wir ein vertrauensvolles Verhältnis, das ist bei Fredi nicht so leicht zu erlangen. Er will Beweise, dass das, was man sagt, auch stimmt und nachhaltig gilt. Das ist bei uns der Fall gewesen. Bisher ist nichts geschehen, wofür wir uns beim anderen hätten entschuldigen müssen. In einer Branche, in der so viel geschwätzt wird, ist es wertvoll, zu wissen, dass es stimmt, was der andere sagt.

Auch zu Niko Kovac hatten Sie ein sehr gutes Verhältnis gehabt. Hat es sehr durch die Begleitumstände des Wechsels zu den Bayern gelitten?

Als ich ihn nach der Bekanntgabe des Wechsels zu den Bayern traf, sagte ich ihm gleich: Niko, bitte erzähle mir nicht die Geschichte, dass alles an einem Vormittag abgewickelt wurde. Ich bin aus dem Märchenalter heraus. Bei der Kommunikation sind Fehler gemacht worden, von ihm und von den Bayern. Aber ich bin ihm nicht böse. Er hat für die Eintracht eine hervorragende Arbeit geleistet. Und dass er gehen würde, wenn Real oder die Bayern ihn wollen, war doch klar. Das hatten wir sogar noch im letzten Trainingslager zusammen besprochen.

Auf der letzten Aufsichtsratssitzung wurde in Philipp Holzer ein zweiter stellvertretender Aufsichtsrat bestellt. Wieso?

Es lag eine Diskrepanz zwischen Satzung und Geschäftsordnung der AG vor. In der Geschäftsordnung waren zwei Stellvertreter festgeschrieben, in der Satzung nur einer. Das haben wir angeglichen.

Philipp Holzer ist auch neuer Aktionär der AG. Gemeinsam mit Stephen Orenstein steht er hinter den „Freunden des Adlers“, die von den „Freunden der Eintracht“ 18,55 Prozent der Aktien erworben haben. Damit ist der Aktionärskreis um einen „Freund“ erweitert worden?

Ja, einen Feind hätten wir auch nicht genommen. Und es musste ein Freund sein, der auch die Möglichkeit hat, zusätzlich zum Kaufpreis etwas in die AG einzuzahlen. Denn es war ja geplant, das Eigenkapital der Eintracht zu erhöhen. Insgesamt ging es um eine Kapitalerhöhung von 15 Millionen Euro, die die drei Minderheitsaktionäre im Verhältnis zu ihren Anteilen tätigten (Freunde des Adlers 18,55 Prozent, Freunde der Eintracht zehn Prozent, Wolfgang Steubing AG 3,57 Prozent, die Redaktion). Die Freunde der Eintracht mussten jedoch kein frisches Geld in die Hand nehmen, sie konnten die Einlage aus dem Aktienverkauf an Holzer und Orenstein bestreiten.

Die Eintracht-Aktien im Jahr 2003 zu erwerben scheint kein schlechtes Geschäft gewesen zu sein, oder?

Ja, für fünf Euro zu kaufen und für acht Euro zu verkaufen ist nicht schlecht. Wir haben alle damals die Eintracht-Aktien nicht wie eine Siemens- oder Deutsche-Bank-Aktie gekauft, da war auch Herzblut dabei. Andererseits ist es wichtig, wenn etwas herausspringt. Das zeigt, dass man auch im Fußball gute Aktiengeschäfte machen kann, es gab ja viele Reinfälle in der Vergangenheit.

Sie sprachen von nun 28 Millionen Euro Eigenkapital. Wie kommt die Summe zustande? Bisher gingen wir davon aus, dass die Eintracht etwa fünf Millionen besitzt, dazu die Auffrischung um 15 Millionen.

Es ist eine sehr schöne Geschichte, dass wir durch etliche Marketing- und Sponsoring-Maßnahmen sowie den Gewinn des DFB-Pokals das Eigenkapital so kräftig erhöhen konnten.

Was macht es für einen Unterschied, statt fünf Millionen 28 Millionen Eigenkapital zu besitzen?

Zunächst ist es ein allgemeiner Wohlfühlfaktor. Mehr Geld zu haben ist nie schlecht. Darüber hinaus können wir uns nun finanziell sehr viel flexibler und smarter bei den großen Aufgaben bewegen, die vor uns stehen.

Quelle: F.A.Z.
Peter Heß
Sportredakteur.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFredi BobicEintracht FrankfurtFinanzenAxel HellmannNiko KovacPirmin SchweglerUli HoeneßWein