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Staatstheater Wiesbaden

Im Cordanzug zum Gottesstaat

Von Matthias Bischoff
 - 15:57
Großartig wandelbar: Tom Gerber als Francois Bild: Karl & Monika Forster, F.A.Z.

Als Michel Houellebecq 2015 in seiner utopischen Romansatire „Unterwerfung“ das abgründige Horrorgemälde eines in naher Zukunft von Muslimbrüdern regierten Frankreichs entwarf, war ein Präsident Macron noch undenkbar. Die Angst vor einer Machtübernahme durch den Front National ließ damals Houellebecqs Vision nicht ganz unrealistisch erscheinen: Um Marine Le Pen zu verhindern, unterstützen Linke und Liberale einen gemäßigten Muslim, und Frankreich wird zu einem muslimisch geprägten Gottesstaat.

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Die Aktualität des umstrittenen Romans hat gleichwohl durch den Sieg Macrons kaum gelitten. Am Staatstheater Wiesbaden hat Intendant Uwe Eric Laufenberg in seiner Inszenierung die Handlung einfach noch ein paar Jahre weiter in die Zukunft verlegt. Nun ist auch Macron gescheitert abgetreten, an Frankreichs Problemen hat sich nichts geändert, und der Erzähler François, Literaturprofessor an der Sorbonne und Spezialist für den Décadence-Dichter Joris-Karl Huysmans, rekapituliert den allumfassenden Wandel, der in Wahrheit ein Umsturz ist, aber im Roman wie auf der Bühne mit erschreckender Sanftheit und Selbstverständlichkeit daherkommt.

Mit Zeitungsausrissen verkleidete Bühne

Dies liegt, so die zugespitzte These Houellebecqs, vor allem an der schlaffen Unterwerfungslust des Bürgertums, an der im Kern korrupten Kollaborationsbereitschaft der Eliten. Vor allem die Männer, das suggeriert „Unterwerfung“ auf geradezu perfide Weise, haben in der neuen Zeit nur Vorteile: Sie müssen nicht länger mit den Frauen um knappe Arbeitsplätze konkurrieren, sie dürfen sich so viele Frauen halten, wie es ihr Geldbeutel erlaubt, ja sie gewinnen sogar die verlorene Potenz und Libido wieder. Die Unterleibsobsession zieht sich durch das gesamte Werk Houellebecqs, in „Unterwerfung“ wird sie als zentraler Baustein für die Wiedererrichtung des Patriarchats im Zeichen des Halbmonds erschreckend plausibel eingesetzt.

Houellebecqs Roman ist ein Gesellschaftsroman, ein breit gefächertes Panorama der französischen Gegenwartskultur mit zahlreichen wiedererkennbaren Protagonisten des Pariser Politik-, Medien- und Kulturszene. Nur winzige Bruchteile davon sind auf der anfangs mit Zeitungsausrissen verkleideten Bühne (Matthias Schaller) im Kleinen Haus des Staatstheaters zu sehen. Und das ist auch gut so.

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Das begeisternde Gelingen

Denn die hochkonzentrierte, nur knapp neunzig intensive Minuten dauernde Fassung von Anna-Sophia Güther, Tom Gerber und Laura Weber fokussiert die gesamte Handlung auf den antriebsschwachen Intellektuellen François, lässt dessen jüdische Freundin (Mira Helene Benser) nur als Videoeinspielung, den muslimisch gewendeten Universitätspräsidenten Rediger nur als Stimme (Rubert Levember) erscheinen. Der ganze Abend steht und fällt also mit Tom Gerber als François, und dies ist, neben der klugen Beschränkung auf den eher persönlichen Kern des Romans, der wesentliche Grund für das begeisternde Gelingen dieser Adaption.

Denn Gerber, anfangs im grauen Parka überm knittrigen braunen Cord-Anzug bringt die Figur mit all ihren Schwächen und Abgründen ganz dicht an uns heran. Mal wirkt er mit seinem genitalfixierten Frauenverschleiß mehr als abstoßend, dann wieder formuliert er messerscharf hellsichtig, wie seine Umgebung mit dem grundstürzenden Macht- und Kulturwechsel umgeht. Manchmal reicht eine in die Höhe gehaltene Brille, mal eine absichtsvoll achtlos übergestülpte Glatze, um eine Figur, deren Text er gerade spricht, zu kennzeichnen. Am Ende setzt er sich ein weißes Käppchen auf und zieht die schweren Schnürschuhe aus: Der Weg zur Konvertierung führt über den Hamam. Aus dem Erotomanen wird in der neuen Zeit ein braver Familienvater, dem künftig seine verschiedenen Frauen die lebensnotwendige Lust bereiten.

Man nimmt Gerber diesen Wandel ab, weil er die abgrundtiefe Müdigkeit und den Lebensekel des Kopfmenschen zuvor ebenso glaubwürdig bis in die Körperhaltung hinein gezeigt hat. Natürlich setzt er immer wieder ironisierende Distanzmarken, doch gelingt es, das Interesse an dem Menschen François aufrechtzuerhalten und eben dadurch nachvollziehbar zu machen, was mit ihm und mit der ganzen Gesellschaft geschieht. Ovationen für das Produktionsteam, vor allem aber für den großartigen Tom Gerber.

Quelle: F.A.Z.
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