Städtische Friedhöfe

Der Tod ist in Frankfurt jetzt noch teurer als anderswo

Von Mechthild Harting, Frankfurt
 - 22:01

Als sie ihre 27 Jahre alte Tochter Anna beerdigen musste, stand für die Frankfurter Mutter sofort fest: Eine Beisetzung auf einem Friedhof kommt nicht in Frage. „Friedhof ist Stein, ist totes Gelände“, sagt die Frau, die anonym bleiben möchte. Sie hat sich deshalb für eine Beisetzung in einem Friedwald entschieden – unter einem Baum, eine Stunde Fahrzeit von Frankfurt entfernt. „Ich habe die Vorstellung, dass Annas Kraft, die sie im Leben hatte, in den Baum geht und er mit ihrer Kraft wächst“, sagt die Mutter, „im Baum, da ist Leben drin.“ Die Vorstellung tröste, und den Baum könne sie anfassen, umarmen, sich anlehnen.

Dabei findet die Frankfurterin den alten Teil des Hauptfriedhofs mit seinen denkmalgeschützten Gräbern „schon schön“. Doch die Vorgaben, wie sie das Grab zu nutzen habe, von der Bepflanzung bis zur Größe des Steins, dieses „Einhalten von Ritualen“ bis hin zu denkbaren Kommentaren von anderen Friedhofsbesuchern, das schreckt sie ab. „Das hätte vor allem meiner Tochter, wie sie im Leben war, überhaupt nicht entsprochen.“

Traditionelle Beerdigungen rückläufig

Für den Frankfurter Bestatter Willi Heuse, dessen Familienunternehmen Niederlassungen im gesamten Rhein-Main-Gebiet hat, ist der Fall symptomatisch. Seiner Erfahrung nach entsprechen die Angebote der städtischen Friedhöfe nicht dem, was sich die Menschen wünschen: einen Ort, den Trauernden aufsuchen könnten, der schön sei, aber auch bezahlbar und auf Dauer wenig Arbeit mache. Ein Wald entspreche für viele dieser Vorstellung. Die Aussicht, ein Grab für 20 Jahre und länger zu erwerben und es in dieser Zeit pflegen zu müssen, womöglich mit wechselndem Blumenschmuck, entmutige viele. Dabei gebe es häufig in den ersten Jahren nach dem Todesfall das Bedürfnis, das Grab auch zu gestalten. „Es fehlen die innovativen Konzepte, die Ideen“, sagt Heuse.

Diese Entwicklung hat seiner Ansicht nach die Stadt Frankfurt verschlafen, wie so viele Städte, „die nun alle den Gebühren hinterherrennen“. Denn die Zahl der traditionellen Beerdigungen auf den Friedhöfen gehe überall zurück, doch für die Städte bleiben die Kosten für den Unterhalt der oft parkähnlichen Friedhöfe samt Trauerhallen unverändert hoch. In Frankfurt führe die schlechte Finanzausstattung der Friedhofsverwaltung dazu, dass die ersten Trauerhallen marode seien. Abenteuerlich seien mitunter die Zustände, in Bornheim etwa habe die Halle keine Heizung mehr, sagt Heuse.

Vieles „träge“ bei Friedhofsverwaltung

Um die fehlenden Gebühren, die sich in Frankfurt seit 2011 auf ein Defizit von 4,4 Millionen Euro summiert haben, auszugleichen und künftig Millionen-Ausfälle zu verhindern, hat das für die Friedhofsverwaltung zuständige Umweltdezernat eine Neuregelung vorgeschlagen, über die gestern Abend die Stadtverordneten abgestimmt haben. Danach wird das bisher aufgelaufene Defizit aus dem allgemeinen Etat der Stadt ausgeglichen, und zum 1.Januar 2014 werden die Friedhofsgebühren um durchschnittlich 25 Prozent erhöht. Die Vorlage der Grünen-Stadträtin Rosemarie Heilig ist gegen die Stimmen von SPD, Linken, Freien Wählern, Piraten und Ökolinx angenommen worden. Die schwarz-grüne Koalition im Römer ist nur von der FDP unterstützt worden.

„Die Stadt Frankfurt hat eine schwierige Situation“, gesteht Bestatter Willi Heuse zu. Schließlich habe die Stadt 36 Friedhöfe, deren Kapazitäten gar nicht benötigt würden. Im Vergleich habe Darmstadt nur fünf, Wiesbaden allerdings immerhin 23. Hinzu komme, dass in Frankfurt die Friedhofsverwaltung in sehr alten Strukturen arbeite. Da sei vieles „träge“, sagt Heuse, „sehr städtisch, sehr reguliert“. Es gebe „keine schnellen, am Kunden orientierten Entscheidungen“.

„Herber Schlag“ für Familien

Ein Blick in die sechsseitige Gebührenordnung zeigt das bürokratische Herangehen, wenn dort von Bestattungsformen wie etwa dem „Rasen-Urnen-Reihengrab“ die Rede ist. Allein für den Unterpunkt „Nutzung der Trauerhallen“ gibt es acht Gebührentatbestände. Heuse gesteht, selbst ihm als Bestatter falle es schwer, den Überblick zu behalten. Die Initiative Heiligs, die im September ein erstes Symposion ausrichten ließ, das sich mit der Zukunft der Friedhöfe beschäftigt hat, lobt Heuse. Nun müsse daraus etwas folgen. Er könnte sich vorstellen, stärker die auf dem Friedhof tätigen Betriebe, Bestatter, Steinmetze und Gärtner einzubeziehen, um gemeinsam Ideen zu entwickeln. Für ihn sei etwa ein großes, gestaltetes Gräberfeld denkbar, dass er eigenständig vermarkten könnte.

Die Gebührenerhöhung beurteilt Heuse als „ziemlich herben Schlag“ für viele Familien. Und natürlich werde durch die Erhöhung der Trend zu alternativen Bestattungsformen noch befördert. Dass es mehr anonyme Beisetzungen geben wird, erwartet Heuse nicht. Anders als die schwarz-grüne Koalition, die gestern noch auf die letzte Minute und gegen den massiven Protest der Opposition die Gebühren für diese Beisetzungsform erhöht hat, um „keinen finanziellen Anreiz zur anonymen Bestattung“ zu bieten. Heuse schätzt, dass sich unter seinen Kunden ein gutes Drittel für anonyme Beisetzungen entscheide nach dem Motto „Hauptsache günstig“. Die Mehrheit suche einen Ort der Erinnerung – auf dem Friedhof oder unter einem Baum.

Quelle: F.A.Z.
Mechthild Harting - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Harting
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
Twitter
  Zur Startseite