Studenten auf Wohnungssuche

Mit Gehaltsnachweis ins Rotlichtviertel

Von Christoph Brügmann, Ekaterina Kel
© Hedwig, Victor, F.A.Z.

Die Küche einer Wohngemeinschaft eignet sich hervorragend dafür, lange Überlegungen zu Vor- und Nachteilen eines Sandwich-Toasters anzustellen. Besonders, wenn ein Student auf WG-Suche sich als zukünftiger Mitbewohner profilieren will und deshalb ein solches Gerät als Mitgift verspricht. Überzeugen kann ein Satz wie dieser: „Die Sandwiches sind richtig gut, wenn du mal einen Kater hast.“ Wenn dann die Augen der Bewohner aufleuchten, hat der Aspirant einen Fuß in der Tür.

Es hilft also, selbst etwas bieten zu können, wenn man noch kurz vor Semesterbeginn ein Zimmer in Frankfurt sucht. Auch wenn es, wie das Kämmerlein in der Dreier-WG an der Mörfelder Landstraße, kaum zehn Quadratmeter groß ist, dringend einen Anstrich benötigt, im Erdgeschoss gleich oberhalb des kalten Kellers liegt und ziemlich düster ist, weil eine dicke Tanne vor dem Fenster das Tageslicht verschluckt. Aber immerhin hat es echte Holzdielen und eine drei Meter hohe Decke. Und es liegt im Kneipenstadtteil Sachsenhausen. Eine Bleibe „mit Charme“, heißt es in der Anzeige auf wg-gesucht.de, dem wohl bekanntesten Portal für studentische Wohngemeinschaften.

Es riecht nach immerfeuchten Wänden

Besser weitersuchen? Angesichts der Alternativen mag der Student vielleicht lieber die 310 Euro Monatsmiete, fast 800 Euro Kaution und 100 Euro Abschlag für die paar gebrauchten Ikea-Möbel investieren. Er bringt den Toaster mit, kauft freiwillig fehlendes Besteck und findet sich damit ab, dass die Mitbewohner zwei der langweiligsten Menschen sind, die ihm jemals begegnet sind.

Denn das, was der Frankfurter WG-Markt sonst noch bietet, ist auch nicht verlockender. Zum Beispiel das am Ziegelhüttenweg gelegene 24 Quadratmeter große Zimmer mit eigenem Zugang zur Dachterrasse und Blick auf die Skyline. Die vier Bewohner bewerben ihr Domizil mit Fotos von fruchtigen Cocktails vor untergehender Sonne. Doch die scheinbare Traumwohnung entpuppt sich als ehemaliger Büroraum, die Decke des Zimmers ist mit eingebauten runden Halogenlampen ausgestattet, an einer Wand hängt eine ausziehbare Projektionsleinwand.

In den beiden Badezimmern riecht es nach immerfeuchten Wänden, da helfen auch die einst teuren italienischen Fliesen nicht. Die in der IT- und Bankenbranche tätigen Mitbewohner nennen den stolzen Preis für die Unterkunft: 840 Euro inklusive Nebenkosten. Dazu 1500 Euro Kaution. Dafür gibt es zwei große Kühlschränke.

Miete in Mainz sprengt das Budget

Lieber schnell zur nächsten Besichtigung an der Taunusstraße. „Ein bisschen Rotlicht muss sein“, meint der Hausverwalter des kernsanierten Baus und verspricht, das Bahnhofsviertel werde bald schon das Szeneviertel Nummer eins sein. „Sie sind hier wirklich mittendrin.“ Wohl wahr, denn in einem von den neun individuell abschließbaren Zimmern, ausgestattet mit Spanplatten-Möbeln von zweifelhafter Stabilität, nimmt der Bewohner dank ungedämmter Fenster Tag und Nacht am lebhaften Geschehen auf der Straße teil. Mindestens 680 Euro Warmmiete müsste der Mieter für 24 Quadratmeter zahlen. Den Vertrag dürfte er aber nur mit Gehaltsnachweis unterschreiben.

Nächste Station: Eschersheim. Hinter dem Kleingartenverein, am Ende der Eleonore-Sterling-Straße, teilen sich zwei Männer Ende fünfzig eine Wohnung und haben noch ein Zimmer frei. Sie schwärmen von Ruhe und solidarischen Kühlschrankregeln. Obwohl die Miete – 650 Euro warm – zusammenzucken lässt, will der Student es sich überlegen. Wenigstens hat das Zimmer keinen Eigengeruch.

Beim „WG-Casting“ für die Wohnung an der Goethestraße in muss sich der Student bohrenden Fragen stellen. Zum Beispiel, wie reinlich er sei und wie lärmempfindlich. Hat er etwas Brauchbares im Gepäck, eine Spielekonsole oder einen Fernseher? Und wie oft käme eigentlich die Freundin zu Besuch? Für den menschlichen Aspekt wird beim Bewerbungsgespräch die im Ausland weilende Mitbewohnerin via Skype dazugeschaltet. Und das alles für einen 15 Quadratmeter großen Raum, der mit einer dünnen Rigipswand vom Gemeinschaftswohnzimmer abgetrennt ist. Monatsmiete: 370 Euro. Dass es von der Neustadt nicht weit zur Uni und zum Zentrum ist, tröstet da wenig.

Frisch renoviert und kernsaniert

Trotzdem zählen Zimmer wie dieses zu den besten Angeboten in Mainz. Der Wohnungsmarkt gilt seit Jahren als schwierig, besonders für Studenten. Die Ansprüche sind zwar meist niedrig, trotzdem finden nur wenige auf Anhieb eine neue Bleibe. Wer nach einer Ein-Zimmer-Wohnung sucht, merkt meist schnell, dass die Kosten sein Budget sprengen.

Bezahlbaren Wohnraum für Einzelgänger gibt es vielleicht im Raum Bingen, aber kaum in Mainz-Bretzenheim, einem Stadtteil nicht weit von der Universität. Zugegeben, 33 Quadratmeter sind für einen Hochschüler relativ viel. 650 Euro Miete aber auch, vor allem am Bretzenheimer Südring, der nicht gerade nahe an der City liegt. Die Wohnung ist frisch renoviert, kernsaniert, wie es in der Anzeige heißt. Aber der Balkon nimmt schon derart viel Platz ein, dass für die Wohnung gefühlt noch 25 Quadratmeter bleiben.

An Ruhe ist nicht zu denken

Der Fluglärm sei übrigens selten ein Problem, bekommt der Bewerber zu hören: Wer sitze schon morgens auf dem Balkon? Studenten wohl nicht, die sitzen dann eher im Hörsaal. Es interessieren sich auch mehrere für die Wohnung – bis ihnen der aktuelle Mieter klarmacht, dass sie sich so eine Unterkunft finanziell wohl nicht leisten können.

Die wichtigste Tugend auf dem Mainzer Wohnungsmarkt ist Schnelligkeit. Was schön und bezahlbar ist, verschwindet schneller aus dem Netz, als es eingestellt wird. Stehen bleibt dort zum Beispiel eine Ein-Zimmer-Wohnung an der Kaiserstraße. 25 Quadratmeter und rund 350 Euro warm, das hört sich gut an, außerdem ist man in der Neustadt, und da möchten alle hin. Der Nachteil der Wohnung ist, dass die Wände dünner kaum sein könnten. Von nebenan dröhnen während der Besichtigung die Fernseher, an Ruhe ist hier nicht zu denken.

1000 Euro für den Vormieter

Doch auch für solche dubiosen Quartiere finden sich noch Mieter: Studenten, die andernorts chancenlos sind, weil sie zu einer von vier besonders prekären Gruppen gehören. Erstsemester sind unbeliebt, weil sie vielleicht bald den Studienort wechseln und dann wieder ausziehen – so wie Fast-Absolventen, die nach der Uni vermutlich bald einen Job finden. Ähnlich schwer haben es Raucher und Haustierbesitzer, die kaum jemand in seine frisch renovierte Wohnung lassen will.

Endlich ist der Suchende fündig geworden. Doch dann baut sich noch ein letztes Hindernis auf: Rund 1000 Euro Abstand will der Vormieter an der Wallaustraße für seine Hinterlassenschaften, sonst werde er die ausgefüllte Selbstauskunft nicht an den Vermieter übermitteln. Schließlich habe er in Eigenregie Laminat gelegt, und die beiden Holzbretter an der Küchenwand habe er auch höchstselbst angeschraubt. Der Student überlegt, sich auf den Deal einzulassen. Immerhin könnte er sich dann den Umzugstransporter sparen.

Quelle: F.A.Z.
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