Taunussteiner Spielwarenhandel

„Wir arbeiten umsonst“

Von Robert Maus
 - 12:12

Es ist einer der Orte, der nicht nur Kinderherzen höher schlagen lässt. In den Regalen liegen Modellbausätze, ferngesteuerte Rennwagen und kleine Güterzüge. Aus einer Glasvitrine am Eingang schauen Drachen, Ritter und bunte Feen auf ihre kleinen Fans hinab. Das Ladengeschäft strahlt eine liebevoll organisierte Unordnung aus. Jeder Blick entdeckt ein neues Spielzeug – eine spannende Einladung zum Eintritt in die Welt der Phantasie. „Das ist wie eine Zeitreise, solche Läden habe ich als Kind geliebt“, schwärmt ein Kunde, der mit seinen Kindern gekommen ist.

Noch vor wenigen Jahren gab es solche Spielwarengeschäfte in vielen Städten. Die erbarmungslose Konkurrenz – erst der großen Handelsmarken und dann der Online-Händler – hat viele inhabergeführte Geschäfte mittlerweile in die Knie gezwungen. Aber nicht alle. Monika und Bernd Schauss halten stand. Das Taunussteiner Ehepaar hat in den vergangenen 40 Jahren zu viel Herzblut investiert, um jetzt zu weichen.

„Dann kam das Internet“

Seit 1946 gibt es das Einzelhandelsgeschäft Schauss im Taunussteiner Stadtteil Hahn und seit den sechziger Jahren ist es vorrangig ein Spielzeuggeschäft, wie die 68 Jahre alte Inhaberin Schauss erzählt. „Mein Vater hat nach der Kriegsgefangenschaft damit angefangen.“ Sie habe das Geschäft dann zusammen mit ihrem Mann übernommen. „Wir haben noch die große Blütezeit in den achtziger und neunziger Jahren miterlebt“, sagt sie und fügt an: „Dann kam das Internet und alles hat sich geändert.“

Monika Schauss steht hinter der Theke bei den Spielzeugeisenbahnen. Hinter ihr sind Loks und Waggons aufgebaut, vor ihr liegen Viking-Autos, fein säuberlich aufgereiht. Ein kleines Regal mit Modellbau-Farbtöpfchen zieht die Blicke auf sich. Es klingt ein wenig Wehmut an, wenn die Chefin von einer Vergangenheit erzählt, in der ganze Scharen von Kindern vor den Schaufenstern standen.

Eine feste Institution

Heute, so stellt sie klar, kann ihr Geschäft nur überleben, weil sie viele kleinere und damit preisgünstige Spielsachen verkaufen. In Taunusstein ist Schauss noch eine feste Institution. Eltern hinterlegen in dem Geschäft für ihre Kinder eine sogenannte Geburtstagstüte. Aus diesen Tüten suchen sich wiederum andere Eltern eines der Geschenke für das Geburtstagskind aus. „Ohne die Tüten hätten wir wohl schon schließen müssen. Etwa 80 Prozent unseres Umsatzes machen wir mit kleinen Geschenken“, sagt die Inhaberin und ergänzt: „Zurzeit hängen hier etwa 40 Geburtstagstüten.“

Es gibt im gesamten Rheingau-Taunus-Kreis nur noch ein weiteres Spielzeuggeschäft – auch das wird vom Ehepaar Schauss betrieben. Die Tage der Filiale in Bad Schwalbach sind jedoch gezählt. „Das Geschäft werden wir nach der Landesgartenschau schließen, da legen wir jeden Tag drauf“, berichtet Bernd Schauss. Er macht die Buchführung des Familienunternehmens und kennt die Zahlen. „Wir beide arbeiten umsonst“, antwortet seine Frau auf die Frage, ob sich der Einsatz noch lohnt. Wenn ihnen die Häuser nicht gehören würden und sie Miete bezahlen müssten, dann hätten sie schon lange aufhören müssen, stellt sie klar. Noch beschäftigen sie eine Verkäuferin in Vollzeit, weitere Frauen helfen ab und an aus. In dem Gebäude ist auch ein Fahrradgeschäft mit dem Namen Schauss, das vom Sohn des Ehepaars geführt wird.

Dem Internet preislich die Stirn bieten

Nur bei kleinen Artikeln ist das Taunussteiner Ehepaar noch in der Lage, dem Internet preislich die Stirn zu bieten. Dies aber auch nur, weil die Versandkosten die Preisunterschiede oft ausgleichen. Größere Spielsachen, so gesteht Monika Schauss ein, seien im Netz oft billiger. Es sind aber auch die großen Handelsketten, die mit ihrer Marktmacht im Wettbewerb für einen kleinen Einzelhändler kaum zu schlagen sind. „Wir haben noch Fastnachtskostüme im Angebot. Ich habe meinem Mann gesagt, dass wir das nicht mehr machen, wenn wir nicht mindestens 50 verkaufen. Jetzt haben wir gestern das fünfzigste verkauft“, sagt sie. Die restlichen Kleider werden verpackt und gelagert. Die großen Ketten, so weiß Inhaberin Schauss, schicken die Kleider an die Hersteller zurück. „Die können sich das erlauben“, konstatiert sie.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Nur noch 33 Prozent des gesamten Spielzeugumsatzes wurden 2016 in deutschen Fachhandelsgeschäften erwirtschaftet, wie der Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels mitteilt. Nach dessen Prognose waren es 2017 sogar nur 32 Prozent. Im Internet, so der Verband, wurden 2016 mittlerweile 36 Prozent des Umsatzes erlöst und laut Prognose 37 Prozent im vergangenen Jahr. Der Rest wird in Supermärkten, Kaufhäusern, Buchhandlungen und anderen Geschäften verkauft.

Markt wächst nicht im Facheinzelhandel

Dieser Trend wird durch die Zahl der Einzelhändler, die Spielwaren im Sortiment haben, bestätigt. Gab es 2013 in Deutschland noch 3294 solcher Händler, waren es 2014 noch 3217 und 2015 sogar nur noch 3130. Wie stark der Facheinzelhandel unter Druck ist, erkennt man daran, dass die Gesamtausgaben für Spielzeug 2016 auf rund 3,1 Milliarden Euro gestiegen sind. 2015 betrugen sie 2,99 Milliarden Euro. Der Markt wächst – aber nicht im Facheinzelhandel.

Diese Entwicklung spüren auch die Taunussteiner. „Wir machen jedes Jahr etwa fünf Prozent weniger Umsatz“, sagt Bernd Schauss. Seit den neunziger Jahren habe sich der Umsatz nahezu halbiert. Im Stadtteil Bleidenstadt hatte das Ehepaar ebenfalls ein Geschäft – vor fünf Jahren mussten sie es schließen.

Es gibt aber auch Kunden wie Jan Engel. Der Taunussteiner ist mit seinen Kindern gekommen, die sofort zu stöbern beginnen. „Ich kaufe nur hier Spielsachen für meine Kinder“, sagt er und fügt an: „Ich mag es nicht, im Internet zu bestellen. Außerdem möchte ich, dass das Geschäft erhalten bleibt.“ Während er spricht, sucht sich seine Tochter eine Walfigur aus. Ihr Bruder steht daneben, die Kinder sind in ihrer Welt. Für den Vater steht fest: „Das ist einfach ein tolles Geschäft.“

„Sie müssen die Kinder erleben, wenn sie hier reinkommen. Da glänzen die Augen. Es gibt hier ein Mädchen, wenn das kommt, sagt es immer, unser Geschäft sei sein Paradies.“ Monika Schauss lächelt, wenn sie von ihren jungen Kunden spricht. Von Bitterkeit keine Spur. Ihr Mann ist gebürtiger Frankfurter. „Als Kind habe ich mir in Bockenheim immer die Nase an den Schaufenstern der Spielzeugläden platt gedrückt.“

Heute ist er 71 Jahre alt und absoluter Experte, was Spielzeugeisenbahnen betrifft. Es gibt kleine Jungs, die an der Kasse fragen: „Ist Herr Schauss da?“ Es ist vor allem die individuelle Beratung, mit der die beiden Inhaber sich noch gegen die Konkurrenz wehren. Sie kostet jedoch Zeit und Kraft. Wie lange wollen die beiden Eheleute noch weitermachen? Andere sind in diesem Alter lange im Ruhestand. „Bis wir umfallen“, sagt Monika Schauss resolut. Und es gibt keinen Zweifel daran, dass sie das ernst meint.

Quelle: F.A.Z.
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