Kameras „kaputtgeschossen“

Tausende Einbrüche in Gartenhütten

Von Dieter Schwöbel
© Junker, Patrick, F.A.Z.

Eine weiße Katze aus Ton krallt sich ans Tor von Claudia und Friedel Geist, vor ihrem Bauch hängt ein Schild mit der Aufschrift „Willkommen in unserem Garten“. Die Einladung gilt Freunden und Nachbarn, doch es gibt auch Gestalten, die sie auf ihre sehr eigene Art interpretieren: Einbrecher. Anfang Februar haben sie die weißgetünchte Hütte der beiden Kleingärtner zwischen den Frankfurter Stadtteilen Gallus und Griesheim heimgesucht. Sie ist gemauert, hat stabile hölzerne Fensterläden und eine blechverkleidete Tür. Doch den Kriminellen hielt sie nicht stand.

Sie hebelten die Tür mit einem Stemmeisen auf, durchsuchten und durchwühlten alles und hinterließen ein einziges Chaos. Gestohlen haben sie letztlich nur eine Kaffeemaschine, in der noch Bohnen waren, die später im Nachbargarten gefunden wurden, über dessen Wiese sie wohl das Weite suchten. Mehr zu holen gab es nicht, denn wertvolle Gegenstände lässt das Ehepaar schon lange nicht mehr da. Es weiß, dass in Gartenhütten Jahr für Jahr tausendfach eingebrochen wird.

„Viel Liebe und viel Geld investiert“

Die 49 Jahre alte Frau und ihr 67 Jahre alter Mann sitzen auf der Eckbank in der kleinen, aber gemütlichen Küche. Die Tür steht offen, das Rauschen der nahen Autobahn ist zu hören. Vor der Hütte schwimmen Kois und Goldfische in einem kleinen Becken, an dessen Rand ein steinerner Buddha meditiert. Im Inneren hängen gerahmte Ehrungen und Urkunden an der Wand, eine für den zweiten Preis im Wettbewerb „Die schönsten Gärten 2003“ mit 1500 Teilnehmern.

„Wir haben viel Liebe und viel Geld investiert, und dann kriegen wir alles kaputtgemacht“, sagt Claudia Geist frustriert. Der Küchentisch vor ihr ist übersät mit Zuckerwürfeln, Metallbohrern und leeren Tüten. Der Schrank im Nebenraum steht offen, Kleidungsstücke hängen heraus, Garten-Clogs sind über den Boden verstreut.

So hat das Paar die Hütte vor mehr als einem Monat vorgefunden, und so sieht sie immer noch aus. „Aufräumen und reparieren lohnt sich bisher nicht“, sagt die Angestellte der Verkehrsgesellschaft Frankfurt. Denn bis Ende April sei in dieser Anlage das Risiko groß, dass abermals eingebrochen werde. Tatsächlich waren die Straftäter seither mindestens sechsmal in der Hütte, wie das Paar an Details erkannte. „Hätten wir gleich aufgeräumt und die Tür repariert, hätten wir den Schaden zum zweiten Mal.“

Als Vorsitzende des KGV Gutleut ist sich Claudia Geist sicher, dass schon in jeden der 96 Gärten eingebrochen wurde. Allein seit Dezember seien 150 Taten gemeldet worden. „Die Polizei lässt uns zwar nicht im Stich, kann aber eigentlich nichts ausrichten.“ Deswegen zeigten viele die Straftaten auch gar nicht mehr an. Der Aufwand lohne allenfalls, wenn Aussicht bestehe, dass die Versicherung den Schaden ersetze. Was sie ohne Kaufquittung aber nicht macht.

Isabell Neumann kann diese Resignation verstehen. „Wir können keine großen Hoffnungen machen. Letztlich können wir wenig tun“, sagt die Sprecherin der Frankfurter Polizei. Man wisse um die Situation, nehme Strafanzeigen auf und sichere verwertbare Spuren. Doch nahezu alle Fälle würden erfolglos eingestellt. Es gebe zu wenig Polizisten, um die Kleingärten besser zu überwachen, andere Kriminalitätsschwerpunkte seien wichtiger. Die Täter seien meist Obdachlose, Drogensüchtige und Osteuropäer; Letztere hätten es etwa auf Bohrmaschinen abgesehen, die sie gegebenenfalls in ihrer Heimat losschlagen könnten. Mancher Einbrecher suche auch nur einen Schlafplatz.

Roman Hensel teilt die ungebetenen Gäste inzwischen in drei Kategorien ein. Der Rentner gärtnert seit 35 Jahren in der Anlage „Cronberger“ neben dem Bornheimer Friedhof. „Es gibt Gasflaschendiebe, Leergutdiebe und Essensdiebe.“ Das Leergut werfe ein paar Cent ab, die Gasflaschen immerhin einige Euro. Die Hungrigen ließen Konserven mitgehen, sagt Hensel, der über den „schmerzhaften Einbruch in die Intimsphäre“ klagt. Seine sehr solide und gut verschlossene Holzhütte wurde binnen sechs Jahren dreimal durchsucht, die Tür ging dabei jedes Mal zu Bruch. „Das war massivste Gewalt“, sagt er. Jetzt hat er eine besonders dicke Tür mit einem Rahmen montiert, der auch Stemmeisen besser widersteht, sie kostet 660 Euro. Das Geld ersetzt ihm die Versicherung. Doch den uralten Bundeswehrparka, an dem er so hing, kann ihm keiner ersetzen.

Kameras „kaputtgeschossen“

Hensel spricht vom „Ohnmachtgefühl“ gegenüber den kriminellen Eindringlingen, das die meisten Kleingärtner leider nur zu gut kennten. Aber er ist auch zornig, will sich wehren. Mit anderen Vereinsmitgliedern ist er nachts schon auf Patrouille gegangen, um abzuschrecken, und er würde das auch wieder tun. Doch der Aufwand ist groß, und Mitstreiter finden sich nicht. Dabei billigt auch Polizeisprecherin Neumann solchen Kontrollgängen eine „abschreckende Wirkung“ zu, warnt aber davor, sich in Gefahr zu begeben.

Andere Kleingärtner in der Anlage schließen ihre Hütte grundsätzlich nicht mehr ab. Sie ziehen auch keine Vorhänge zu. Damit wollen sie signalisieren, dass es nichts zu holen gibt. Dringen Fremde dennoch ein, bleibt wenigstens die Tür heil.

Wieder andere montieren eine Kamera. Im Garten von Claudia und Friedel Geist hat das nichts genutzt, die Einbrecher entdeckten die Linse in fünf Meter Höhe und kappten die Stromversorgung. Ein Nachbar von Hensel hat die Kamera im Vogelkasten versteckt und tatsächlich einen nächtlichen Besucher gefilmt. Die Polizei hat die Aufnahmen gerne mitgenommen, aber nicht mehr zurückgegeben, das Foto konnte nicht ausgehängt werden. „Damit schützt man den Einbrecher noch, statt ihm klarzumachen, dass er hier besser nicht mehr herkommt“, schimpft Hensel.

Auch Hannelore Dörr und ihr Mann haben sich vor drei Jahren eine Kamera gekauft, nachdem mal wieder eingebrochen worden war. Doch sie liegt bis heute ungenutzt in der Hütte in Goldstein. Nachdem in der Anlage Kameras „kaputtgeschossen“ worden seien, habe sie keinen Sinn in einer Montage mehr gesehen, sagt die 73 Jahre alte Frau. Sie steht der Stadtgruppe Frankfurt der Kleingärtner vor und bewirtschaftet seit mehr als 40 Jahren eine eigene Parzelle. Dörr kritisiert die Stadt, die als Eigentümer daran festhält, dass die Anlagen tagsüber für Spaziergänger zugänglich bleiben müssen und nicht abgeschlossen werden dürfen. Dabei sei doch klar, dass Einbrecher die Gärten im Hellen auskundschafteten, um nachts wiederzukommen und Beute zu machen.

Auch Claudia Geist ist dafür, tagsüber abzuschließen. Zumal es in ihrer Anlage schon einen Fall von Diebstahl am Nachmittag gab. Während die Pächter in ihrem Beet arbeiteten, entwendete ein Mann das Portemonnaie und flüchtete per Rad. Der Vorfall habe viele geschockt. Sie traut sich seitdem nicht mehr, früh morgens allein in den Garten zu gehen. „Ich habe es geliebt, um 7 Uhr allein hier zu sein. Jetzt mache ich das nicht mehr.“

Quelle: F.A.Z.
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