Kanzleien und Generation Y

Top-Anwalt mit Teilzeitvertrag

Von Jochen Remmert
© Marc-Steffen Unger, F.A.Z.

In einer der großen Anwaltskanzleien arbeiten, aber trotzdem nicht mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten und noch Zeit für Familie, Sport und Hobbys haben. Geht nicht? Geht doch. Das versprechen neuerdings jedenfalls werbewirksam Kanzleien wie Linklaters und McDermott Will & Emery ihren Neueinsteigern. Gewisse Abstriche sind allerdings zu machen. So müssen sich bei Linklaters solche Junganwälte, die von Beginn an auf einer Balance zwischen Privatleben und Karriere bestehen, mit einem Einstiegsgehalt von 80.000 Euro im Jahr begnügen.

In anderen akademischen Berufen erreicht man dieses Entgelt auch im Endstadium kaum, ein gewöhnlicher Einsteiger in einer Großkanzlei ohne feste Arbeitszeit bekommt für den Anfang noch einmal rund 40.000 Euro mehr. Allerdings haben auch nicht alle der zurzeit in Frankfurt tätigen gut 18.000 Anwälte das in der Regel von Spitzenkanzleien geforderte Prädikatsexamen. Auch von den zuletzt knapp 350 Frankfurter Uni-Absolventen werden nicht allzu viele die Endnote „voll befriedigend“ vorzuweisen haben.

Talente der „Generation Y“ begeistern

Es gibt kaum eine Branche, die nicht über einen Mangel an geeignetem Nachwuchs klagt oder zumindest von der Sorge umgetrieben wird, ein solcher Notstand könne bald eintreten. Auch in den großen Anwaltskanzleien, von denen viele mindestens eine Frankfurter Dependance unterhalten, zerbricht man sich deshalb längst den Kopf darüber, wie man die Talente der „Generation Y“ dafür begeistern kann, in eine Kanzlei einzutreten – mit dem Ziel, dereinst in den Kreis der Partner aufzusteigen.

Sich 60 Stunden in der Woche für die Interessen der Mandantschaft einzusetzen, war zwar gewiss noch zu keiner Zeit jedermanns Sache. Einem entsprechend lukrativen Angebot dürften sich aber die wenigsten Berufsanfänger verweigert haben. Inzwischen hat sich aber zumindest der Ruf der „Generation Y“, sie messe dem Privatleben eine mindestens gleichgroße Bedeutung bei wie der beruflichen Karriere, so weit verfestigt, dass sich auch manche großen Kanzleien offenbar gezwungen sehen, im öffentlichen Werben um junge Talente dieser Interessenlage noch mehr als bisher Rechnung zu tragen.

Thorsten Reinhard, Frankfurter Partner der Wirtschaftskanzlei Noerr und dort unter anderem für Personal verantwortlich, entdeckt allerdings nichts wirklich Neues in den angeblich innovativen Karrieremodellen der Konkurrenten: „Im Grunde sind das Teilzeitangebote, die wir in der Kanzlei Noerr seit vielen Jahren anbieten. Sie sind nun nur mit neuem Etikett versehen“, analysiert er. Bei Hengeler und Müller, wie Noerr in den Rankings der bei jungen Anwälten beliebten Kanzleien unter den Top Ten zu finden, gibt es ebenfalls sowohl für Partner wie auch für die angestellten Anwälte längst flexible Arbeitszeit- und Teilzeitmodelle, wie eine Sprecherin wissen lässt. Der Wettbewerb um die juristischen Top-Talente sei unverändert hart, im vergangenen Jahr habe das Haus mit Sitz in Berlin und Niederlassung in Frankfurt aber wieder einen Anstieg an Bewerbungen und Eintritten verzeichnet.

Bei der ebenfalls in Frankfurt vertretenen Kölner Rechtsanwaltsgesellschaft Luther reagiert eine Sprecherin fast amüsiert auf die angeblichen Neuerungen bei der Arbeitszeitgestaltung großer Kanzleien. Tatsächlich sei das vielerorts längst Praxis. Es sei zudem auch schon lange erwiesen, dass niemand dauerhaft täglich mehr als zehn Stunden konzentriert auch heikle Themen bearbeiten könne. Deshalb seien die Luther-Anwälte ausdrücklich dazu angehalten, die Arbeitszeit im Blick zu behalten – von unvermeidlichen Extremsituationen abgesehen. Die personalführenden Partner seien dafür verantwortlich, die Arbeit so zu organisieren, dass ihre Mitarbeiter die Abendstunden, Wochenenden und Feiertage für Familie, Freunde und Freizeit nutzen könnten.

Wie eine Zufallsbefragung ergibt, bieten tatsächlich viele Kanzleien ähnliche Modelle an. Doch der entscheidende Punkt liegt für Anwalt Reinhard von der Kanzlei Noerr nicht im Mangel an Möglichkeiten, die Arbeitszeit individuellen Bedürfnissen anzupassen. Er sieht ihn vielmehr in den Anforderungen, die die Arbeit in international tätigen Kanzleien zwangsläufig an die Anwälte stellt: „Es kommt vor, dass wir gute Leute verlieren. Für die ist aber Teilzeit auch keine Lösung. Sie steigen eher voll ein, stellen aber dann vielleicht nach einigen Jahren fest, dass ihnen die Tätigkeit in einer Kanzlei und die uneingeschränkte Verfügbarkeit für die Mandantschaft auf Dauer einfach zu intensiv ist.“ Da sie nicht nur halb bei der Sache sein wollten, entschieden sich diese Kollegen für einen anderen Weg außerhalb der Kanzlei.

Quelle: F.A.Z.
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